"Moritzwerder"

2° Ms. Hass. 107 [276]

Idealentwurf

Die als „Moritzwerder“ bezeichnete, direkt am Fluss gelegene  Schlossanlage besteht aus einem zum Fluß hin ausgerichteten, rechteckigen und dreigeschossigen Wohnbau mit angelegten Eckpavillons hinter einem quadratischen Vorhof, dessen Mauern gleichfalls mit fünf Pavillons besetzt sind. Umgeben ist die gesamte Anlage von einem Kanal, der vom Fluss im Vordergrund abgeleitet ist. Rechts schließen eine größere Gartenanlage und der "Mayerhof" mit Stallgebäuden an.

Ein Netz von in allen Richtung ausstrahlenden Wegen erlaubt durch die Beschriftung eine topographische Einordnung. Neben „Hebel“ und „Harle“ am linken Rand sowie „Zehenden“ und  „Niedermellrich“ am oberen Bildrand erscheint mittig unten auch noch der „Weg nach lohre“. Es handelt sich demnach offensichtlich um einen Ort, der südlich von Wabern möglicherweise an der Schwalm gelegen sein könnte. Keine der uns bekannten Quellen erwähnt diesen Ort, bzw. Planungen des Landgrafen für einen Schlossbau in dieser Region. Es ist deshalb davon auszugehen, dass es sich bei „Moritzwerder“ um ein Phantasieprodukt des Landgrafen handelt, angeregt durch eine topographische Situation, die ihm für die Anlage eines Lustschlosses am Fluss besonders geeignet erschien (vgl. die Entwürfe für das Lustschloss Fahre). Sein Entwurf orientiert sich dabei an idealen Architekturvorstellungen, wie sie ähnlich auch von Ducerceau in seinen Ansichten französischer Schlösser präsentiert wurden.[351]

Eigentümlich ist das extreme Querformat des Blattes, das aus drei Einzelteilen zusammengeklebt ist. Die Verklebung auf der linken Seite, die mitten durch die Zeichnung verläuft, lässt in diesem Fall auf eine nachträgliche Veränderung des Entwurfs schließen.


[351] Jacques Androuet Du Cerceau, „Livre d‘Architecture“, 1582