Christina Mundlos

Christina Mundlos, Studium der Soziologie und Germanistik (Magister) von 2004-2009; aktuelle Beschäftigung: Koordinatorin des Familienservicebüros an der Leibniz Universität Hannover sowie freiberufliche Autorin.

Der rote Faden in Christina Mundlos‘ beruflichem Werdegang ist die Familien- und Geschlechterforschung. Als Frauenrefentin des Asta erhielt sie und ihre Mitreferentin finanzielle Mittel von der Universität für die Ausrichtung der studentischen Frauenhochschulwoche 2009. Die  gesammelten Erfahrungen  führten zu ihrer heutigen Stelle als Koordinatorin des Familienservicebüros an der Universität Hannover. Sie berät Studierende und Beschäftigte bei der Vereinbarkeit von Studium, Beruf und Familie, leitet Weiterbildungen zu Themen wie Pflege von Angehörigen, koordiniert das audit familiengerechte hochschule und baut derzeit das Dual Career Netzwerk in Hannover auf. Darüber hinaus ist Christina Mundlos Mutter von zwei Kindern und nebenberuflich als freischaffende Autorin tätig.



Welche Erinnerungen haben Sie an Ihr Studium an der Universität Kassel?

Ich hatte zuvor ein paar Semester BWL an der Uni Göttingen studiert. Als ich an der Uni Kassel anfing, war ich begeistert von den kleinen Seminaren, den architektonisch sehr ansprechenden Universitätsgebäuden und davon, dass ich mir so frei aussuchen konnte, welche Seminare ich besuchen möchte. Auf dem Campus war es immer lebhaft, vor der Bibliothek saßen Studierende auf Bänken in der Sonne und lasen, die Cafés des Studentenwerks waren immer ein guter Ort, um sich zu entspannen oder anregende Gespräche zu führen.

Was hat Ihnen nicht gefallen an Ihrem Studium an der Universität Kassel?

Nach meinen persönlichen Erfahrungen hing die wissenschaftliche Förderung im Studium teilweise von Sympathien und Antipathien zwischen einzelnen Professoren und Studierenden ab. Ich hätte mir gewünscht, dass die Unterstützung durch die Lehrenden stärker strukturell geregelt gewesen wäre. Die Förderung derjenigen Studierenden, die sehr gute Leistungen erbrachten, wurde oft vernachlässigt zugunsten der Förderung von Studierenden, die den ProfessorInnen offenbar sympathisch waren. Ich hatte den Eindruck, dass es männliche Studenten oder Studentinnen, die dem gängigen Schönheitsideal entsprachen, leichter hatten.

Ob die Graduiertenkollegs und Graduiertenschulen, die überall in Deutschland in den letzten Jahren entstanden sind, eine Verbesserung darstellen, kann ich nicht wirklich beurteilen. Ein einfacher Brief könnte jedoch schon viel an Wertschätzung und Motivation bewirken. Beispielsweise könnten die Prüfungsämter jene Studierende mit einem sehr guten Abschluss anschreiben und auf die Prozedere einer Promotion aufmerksam machen - nach dem Motto „Sie sind uns aufgefallen aufgrund Ihrer hervorragenden Studienleistungen. Vielleicht spielen Sie mit dem Gedanken zu promovieren. Für die Ansprache eines Professors/einer Professorin als potentiellen Doktorvater/-mutter empfiehlt sich, Folgendes zu bedenken/vorzubereiten… Für Fragen und Beratung rund um das Thema Promotion ist Frau/Herr XY gerne Ihr Ansprechpartner.“

Welche fachlichen, persönlichen und sozialen Fähigkeiten haben Sie durch das Studium erworben?

Von Beginn an lernte ich an der Universität Kassel, selbständig etwas zu erarbeiten, spezielle Themen zu finden, die mich interessieren, Forschungsfragen zu entwickeln. Ich habe gelernt, Vorträge zu halten und schriftliche Arbeiten zu verfassen. Außerdem erwarb ich die Fähigkeit, die Dinge zu hinterfragen, sei es in politischer, gesellschaftlicher oder verwaltungstechnischer Hinsicht. Die Kompetenz, Argumente in Diskussionen sinnvoll zu strukturieren und besser beurteilen zu können, konnte ich gut in Kassel weiterentwickeln.

 Welche zusätzlichen Kompetenzen haben Sie außerhalb des Studiums erworben?

Als Mitarbeiterin im Frauenreferat des AStA lernte ich allgemeine Büroabläufe kennen. Zudem hatte ich die Möglichkeit, Gelder für ein eigenes Projekt, nämlich die FrauenHochschulwoche 2009, einzuwerben.

Wir hatten im Frauenreferat eine Frauenhochschulwoche geplant, dafür hätten aber nur geringe Mittel zur Verfügung gestanden. Durch Zufall erfuhr ich während meines Studiums von einem Fördertopf an der Uni. Mit etwas Glück erhielt ich rund EUR 9.000 für die Ausrichtung der Frauenhochschulwoche 2009. Zusammen mit einigen studentischen Hilfskräften organisierte ich Vorträge, Workshops, eine Podiumsdiskussion, eine Infobörse und ein buntes Begleitprogramm rund um das Thema Gleichstellung von Mann und Frau. Wir wollten in der Woche die gesellschaftspolitischen Hindernisse bei der Gleichstellung ins öffentliche Bewusstsein rücken, für spezifische Belastungen sensibilisieren und Lösungswege vorschlagen.

Meine Fähigkeit zu organisieren wurde in dieser Zeit sehr gefordert und geschult: ich musste den Abschluss meines Studiums, die zwei Nebenjobs als Frauenreferentin und Leiterin der FrauenHochschulwoche und die ständigen Krankheiten meines damals 2-jährigen Sohnes parallel managen.

Wie ging es nach dem Abschluss weiter?

Noch bevor meine Prüfungen herum waren, hatte ich meine erste Bewerbung verschickt, ein Vorstellungsgespräch und die Zusage für die Stelle. Für das Feiern meines Abschlusses oder für einen Urlaub blieb leider kaum Zeit. In der Woche nach der letzten Prüfung koordinierte ich die FrauenHochschulwoche und während dieser Woche trat ich bereits meine erste Stelle an.

Seit meinem Abschluss arbeite ich im Gleichstellungsbüro der Leibniz Universität Hannover. Ich bin dort für den Familienservice und die Mitarbeit am Gleichstellungskonzept zuständig. D.h. ich berate Studierende und Beschäftigte bei ihren Fragen, wie Sie Studium, Beruf und Familie miteinander vereinbaren können. Ich leite Weiterbildungen zu Themen wie Pflege von Angehörigen, entwickle mit Kolleginnen das Dual Career Netzwerk Hannover und koordiniere das audit familiengerechte hochschule an der Leibniz Universität.

Parallel zu meiner halben Stelle in Hannover habe ich meine Magisterarbeit überarbeitet und publizieren lassen. 2010 war ich dann mit meiner Tochter schwanger und konnte aufgrund eines Beschäftigungsverbots nicht mehr arbeiten. Während dieser Zeit begann ich weitere Hausarbeiten aus meiner Studienzeit, die mich sehr beschäftigt hatten, zu einem Buch zusammenzuschreiben. In meiner Elternzeit habe ich dann mein erstes Sachbuch "Mütterterror" geschrieben, das nun auf der Frankfurter Buchmesse vertreten ist.

Was war Ihnen für Ihre erste berufliche Tätigkeit nach dem Studium wichtig und warum?

Am wichtigsten war mir, eine Stelle zu finden mit dem Schwerpunkt auf Frauen- und Geschlechterforschung, Gleichstellungsarbeit oder der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Es gibt in diesem Bereich nicht viele Stellen. Sehr gut gefallen hat mir, dass alle drei Bereiche von meiner jetzigen Stelle abgedeckt werden. Da die Stelle in Hannover ist und ich das erste Jahr über pendeln musste, kam mir sehr entgegen, dass es sich um eine halbe Stelle gehandelt hat.

An welchen Punkten in Ihrem Werdegang hatten Sie berufliche Alternativen und warum haben Sie sich für den eingeschlagenen Weg entschieden?

Mein gesamtes Studium über hatte ich das Ziel, anschließend zu promovieren und habe daher hart an meinen Noten gearbeitet. Obwohl ich mit 1,0 mein Studium abgeschlossen hatte, wurde ich nie von einem Professor/einer Professorin auf das Thema Promotion angesprochen. Ich war darüber sehr enttäuscht, habe jedoch auch nicht aktiv versucht, in ein Doktorandenprogramm zu kommen. Als man mir später an der Leibniz Universität Hannover die Möglichkeit zur Promotion anbot, entschied ich mich dagegen. Mir war mittlerweile klar, dass ich keine spezialisierte wissenschaftliche Abhandlung schreiben wollte. Ich möchte mit meinen Büchern mehr Menschen erreichen und etwas schreiben, das eine viel breitere Zielgruppe anspricht.

Beschreiben Sie, was Sie an Ihrer Arbeit fasziniert?

Meine Stelle an der Leibniz Universität besteht sowohl darin, bei großen Entscheidungen mitzureden, als auch persönliche Beratungsgespräche mit Studierenden und Beschäftigten zu führen. Ich kann so im großen aber auch im kleinen Rahmen etwas bewirken. Die Rückmeldungen zu meinem dritten Buch "Mütterterror" sind überwältigend. Immer wieder sagen mir Mütter, dass ich ihnen damit aus der Seele gesprochen hätte und dass mein Buch für sie eine große Hilfe oder eine Art Therapie wäre. Genau das wollte ich erreichen.

ISBN 978-3-8288-2968-8, 190 Seiten Paperback, Tectum Verlag 2012

 

Ist Ihnen die Umstellung vom wissenschaftlichen Recherchieren und dem Verfassen der Magisterarbeit zu einem populären Thema und zum „Schreiben fürs Volk“ schwer gefallen?

Eigentlich nicht. In meinem Studium hat mich mal ein Dozent gelobt „Sie verstehen es, einen komplizierten wissenschaftlichen Inhalt einfach und verständlich wiederzugeben.“ Natürlich habe ich mich auch selbst immer wieder ermahnt, nicht zu wissenschaftlich zu schreiben. Mein Mann war eine große Hilfe. Er hat das Buchmanuskript dreimal gelesen und immer wieder kritisch angemerkt „das musst Du umformulieren“. Darüber hinaus unterstützte mich das Lektorat des Tectum-Verlags.

Wurden Sie dafür kritisiert, dass einige der von Ihnen beschriebenen Probleme in „Mütterterror“ nur eine kleine Gruppe von Akademikerinnen betrifft?

Nein und das trifft so auch nicht zu. Klar, Diskussionen über Dinkelbrei und Kürbissuppe findet man in der Tat eher bei Bildungsbürgerinnen und Besserverdienenden. Auch in Krabbelkursen trifft man eher auf studierte Mütter und Frauen aus der Mittelschicht. In Schwangerschafts- und Rückbildungskursen sowie in Internetforen ist jedoch ein breiter Querschnitt durch die Bevölkerung vertreten. Bei meinen Recherchen sprach ich mit Müttern aus allen Schichten. Die Kritik und Bevormundung, die Mütter erfahren, unterscheidet sich nach meinen Erfahrungen nicht nach der sozialen Schicht. Was ich selbst erfahren habe und was andere mir berichten ähnelt sich stark. Es geht immer wieder um gutgemeinte Ratschläge zum Stillen, Alles-Selber-Machen und zur Kinderbetreuung. Zudem werden Mütter aus allen Schichten gleichermaßen von beispielsweise Krankenhäusern, Hebammen, den Medien, der Politik oder Betreuungspersonal „terrorisiert“. „Mütterterror“ ist jedoch ein Sachbuch, das nicht den Anspruch einer empirischen Erhebung mit Differenzierung nach Statusgruppen hat.

Welche Kompetenzen benötigen Sie für Ihre Berufsausübung?

Selbständiges und konzeptuelles Arbeiten sind sehr wichtig für meine Stelle. Auch kreative Ideen sind stets gefragt. Für die Mitgliedschaft im Best-Practice-Club "Familie in der Hochschule" habe ich beispielsweise eine Projektidee entwickelt, das Konzept dazu erstellt und das gesamte Projekt - Familienfreundliche Flexibilisierung der Prüfungszeiten - eigenständig durchgeführt. Ein langer Atem ist auch erforderlich. Bei neuen Ideen lohnt es sich, daran zu glauben und zu kämpfen. Meine Idee, einen Vaterschutz, wie er von der EU gefordert wird, einzuführen, habe ich schon auf vielen Ebenen vertreten. Zum Beispiel lag mein Vorschlag „14-tägiger Vaterschutz“ beim Zukunftsdialog der Kanzlerin auf Platz 37 von über 11.000 Vorschlägen. Und nun versuche ich, die Hochschulen vom Vaterschutz zu überzeugen. 

Was sehen Sie als Ihre beruflichen Stärken?

Ich verfüge über fundierte Kenntnisse der Familien- und Geschlechterforschung, kann sehr gut organisieren und schnell improvisieren. Für neue Projekte habe ich viele eigene Ideen und ich bin in der Lage, sehr eigenständig und konzeptuell zu arbeiten. Bei fachlichen Fragen zur Frauen- und Geschlechterforschung werde ich oft zu Rate gezogen. Auch in schwierigen Situationen kann ich schnell auf Unerwartetes reagieren.

Was können Sie nicht so gut?

Für Dinge, die mich nicht interessieren, kann ich mich schlecht motivieren. Aber ich habe meine Strategien, damit umzugehen. Bürokratische Prozesse, wie das Ausfüllen von Formularen, das Stellen eines Dienstreiseantrags, das Abrechnen von Reisekosten und ähnliches verteile ich am liebsten auf verschiedene Tage. Ich plane meine Aufgaben möglichst lang im Voraus, so dass ich von Tätigkeiten, die mich langweilen, nicht zu viele an ein und demselben Tag erledigen muss.

Bei der Moderation von Sitzungen bin ich sehr ungeduldig und ziehe die Agenda so rasch wie möglich durch. Ich werde daher im Kollegenkreis insbesondere dann eingesetzt, wenn’s schnell gehen muss. (lacht)

Welchen beruflichen oder persönlichen Herausforderungen sind Sie bisher begegnet und wie sind Sie mit diesen umgegangen?

Es ist eine permanente berufliche und persönliche Herausforderung meinen Job mit zwei Kindern und meiner Tätigkeit als Autorin zu koordinieren. Für die Vereinbarung von Beruf und Familie lauten meine Geheimrezepte: Erstens, man benötigt einen Partner, mit dem man sich Haushalt und Kinderbetreuung partnerschaftlich teilt und der dafür im Zweifelsfall auch selbst beruflich zurücksteckt. Mein Mann und ich haben im Laufe der Zeit unser Arbeitspensum angepasst. Wir arbeiten beide 80%. Zweitens, man benötigt eine Arbeitsstelle, die familienfreundlich ist und flexible Arbeitszeiten ermöglicht. Ich bekomme beispielsweise gerade einen alternierenden Telearbeitsplatz gestellt. Das ist ein Geben und Nehmen. Meine Chefin ermöglicht mir, zu Hause zu bleiben, wenn die Tagesmutter krank ist. Wird es bei einer Deadline eng, arbeite ich dafür auch mal abends oder am Wochenende.

Haben Sie Tipps und Anregungen für die heutigen Studierenden?

Meine Erkenntnisse aus der Studienzeit sind:

1.    Es ist nicht schlimm das Studienfach zu wechseln.

2.    Studiere das, wofür Dein Herz schlägt.

3.    Nebenjobs und Praktika am besten zielgerichtet absolvieren (der Job am Lehrstuhl ist besser als der im Burgerrestaurant).

4.    Im Studium ein Kind zu bekommen, ist eine gute Idee, wenn man hinterher nicht mit der gesamten Arbeit allein dasteht. Erst den Partner prüfen, dann das Kind bekommen - so hat es bei mir wunderbar funktioniert.

 

Das Interview führte Isabelle Schulze im Oktober 2012.