03.04.2020 | Porträts und Geschichten

Bi­lanz zie­hen fürs Ge­mein­wohl

In einem Seminar haben Studierende Unternehmen aus der Region bei der Erstellung einer Gemeinwohl-Bilanz unterstützt

Imke-Marie Badur leitet den Bereich Service Learning

Nicht im sprichwörtlichen Elfenbeinturm zu sitzen, sondern das Wissen aus der Universität aktiv für die Gesellschaft nutzbar zu machen – diesem Leitgedanken hat sich die Universität Kassel seit ihrer Gründung verschrieben. Ein herausragendes Beispiel dafür sind die Service Learning-Seminare, die die Universität seit 2011 anbietet. In diesen Seminaren erarbeiten sich Studierende ihr Wissen anhand ganz realer Aufgaben.

„Dafür kommen entweder Einrichtungen auf uns zu oder wir sprechen sie gezielt an, um in einem konkreten Projekt zu kooperieren“, berichtet Imke Marie Badur, die den Bereich Service Learning aufgebaut hat und bis heute leitet. „Wichtig ist dabei, dass die praktischen Engagement-Projekte dem Gemeinwohl dienen.“

Bei Studierenden stoßen diese Seminare auf großes Interesse. So berichtet Prof. Dr. Christian Herzig, der im vergangenen Sommersemester am Uni-Standort in Witzenhausen ein Service Learning-Seminar angeboten hat, von großem Andrang: „Wir hatten das Seminar ursprünglich für 20 Teilnehmer geplant und haben dann auf 28 aufgestockt – aber selbst da mussten wir die Plätze am Ende auslosen.“

Titel der Veranstaltung war „Verantwortungsbewusste Unternehmensführung im Agrifood-Sektor“ – konkret ging es in dem Seminar darum, eine Gemeinwohl-Bilanz für Firmen zu erstellen; Anfang Dezember 2019 fand die finale Abstimmungsrunde statt. Die Gemeinwohl-Bilanz ist Herzstück der Gemeinwohl-Ökonomie – dieses Konzept, kurz GWÖ genannt, sorgte in den vergangenen Jahren für viel Aufmerksamkeit.

 

Ziel ist ein alternatives Wirtschaftsmodell

„Ziel der Gemeinwohl-Ökonomie ist es, ein alternatives Wirtschaftsmodell zu etablieren, das nicht mehr Wachstum und Wettbewerb in den Mittelpunkt stellt, sondern stattdessen Kooperation und Gemeinwohl-Nutzen belohnt“, schildert Herzig.

Vordenker der Gemeinwohl-Ökonomie ist der Österreicher Christian Felber – er war im Rahmen des Service-Learning-Seminars auch zu Gast in Kassel und hielt gemeinsam mit Herzig, Leiter des Fachgebiets Management in der internationalen Ernährungswirtschaft, einen vielbesuchten Vortrag. Vor rund einem Jahr hat sich in Kassel eine Regionalgruppe gegründet. Sie war der Anstoßgeber für die Auseinandersetzung mit der GWÖ im Service-Learning-Seminar und hat die Betriebe für das Pilotprojekt angesprochen.  

Die Studierenden waren begeistert von den Inhalten des Seminars, schildert Herzig. „Insgesamt sieben Pilot-Betriebe aus der Land- und Lebensmittelwirtschaft aus Kassel, Witzenhausen und Göttingen haben wir mit studentischen Kleingruppen dabei unterstützt, eine Gemeinwohl-Bilanz zu erstellen und die erhobenen Daten in Form eines Gemeinwohl-Berichts zu verarbeiten.“ Insgesamt 20 Themengebiete galt es für die Gemeinwohl-Bilanz zu berücksichtigen, darunter Themen wie Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, Ökologische Nachhaltigkeit sowie Transparenz und Mitentscheidung. In jedem der Themengebiete gilt es Punkte zu vergeben – am Ende können maximal 1.000 Punkte erreicht werden. Herzig: „Für mich sind die von Betrieben erzielten Punkte aber von nachrangiger Bedeutung, weitaus wichtiger sind die innerbetrieblichen Denkanstöße und Reflexionsmöglichkeiten, die die Auseinandersetzung mit den Themen liefert.“

Die GWÖ-Bewegung hat eigenen Angaben zufolge mittlerweile rund 11.000 Unterstützer weltweit. Rund 500 Unternehmen haben sich nach den Standards der GWÖ bilanzieren lassen, aber auch Städte und Gemeinden nutzen das Instrument, um eine nachhaltige Wirtschaftsweise überprüfbar zu verankern.

Für Imke-Marie Badur stellt das Seminar von Prof. Herzig ein idealtypisches Beispiel dar, wie Service Learning zu einer Win-Win-Win-Situation für alle Beteiligten werden kann: „Die Unternehmen waren dankbar, Unterstützung bei diesem recht komplexen Prozess zu bekommen, während die Studierenden ihr theoretisches Wissen direkt in der Praxis umsetzen konnten und zudem Einblicke in ein mögliches Berufsfeld bekamen, als potentielle Nachhaltigkeitsberater. Den Mitgliedern der GWÖ-Gruppe in Kassel hat das Seminar geholfen, die Idee der GWÖ weiter zu verbreiten und ihr Netzwerk auszubauen.“

 

Informationen zu Service Learning:
www.uni-kassel.de/go/service-learning

Zur Gemeinwohl-Ökonomie:
www.ecogood.org/de