14.05.2020 | Corona-Pandemie

"Di­gi­ta­le Vor­le­sun­gen ha­ben auch Vor­tei­le"

Sophie Eltzner ist die Vorsitzende des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) der Universität Kassel. Sie studiert Psychologie und ist seit April 2016 in der Hochschulpolitik aktiv. Seit August 2018 ist sie Mitglied im AStA und seit August 2019 dessen Vorsitzende. Wir sprachen mit ihr über ihre Eindrücke zum Start des digitalen Sommersemesters.

Bild: AStA

Frau Eltzner, welche Themen beschäftigen den AStA in diesen Tagen?

Vor Semesterbeginn haben wir mit den hessischen Verkehrsverbünden verhandelt, um kulante Regelungen für Studierende zu finden, die ihre Campuscard nicht validieren konnten. Insbesondere die Nordhessischen Verbünde haben sich hier sehr entgegenkommend gezeigt, das freut uns. So können Studierende hier im Geltungsbereich unseres Semestertickets mit ihrer noch nicht validierten Campuscard und ihrer aktuellen Immatrikulationsbescheinigung fahren. Diese Übergangslösung konnten wir vorerst bis zum 30. Juni verhandeln. Zum Start des Semesters erreichten uns dann vermehrt Anfragen von Studierenden, die in existenzielle Schwierigkeiten geraten sind, etwa weil ihr Nebenjob weggebrochen ist.

 

Wie kann der AStA hier helfen?

Gemeinsam mit dem Studierendenwerk führen wir einen Nothilfefonds, aus demeine rasche Soforthilfe in Höhe von 200 Euro an Studierende in Not ausgezahlt werden kann. Gleichzeitig haben wir Anstrengungen unternommen, damit die Studierenden, die in Einrichtungen des AStA wie dem Café DesAStA, der Fahrradwerkstatt oder der Färberei angestellt sind, auch weiterhin ausreichend bezahlt werden. Von Seiten des Bundes gibt es hier bis auf allgemeine Erklärungen bislang leider wenig Unterstützung – gemeinsam mit ASten anderer Unis setzen wir uns daher für eine Soforthilfe in Höhe von 3.000 Euro durch die Bundesregierung ein, die an alle Studierenden ausgezahlt werden soll. Die KfW-Kredite, die von der Bundesbildungsministerin als „Lösung“ präsentiert werden, stellen für uns keine Lösung dar. Wir kämpfen weiterhin für Studienfinanzierungsmöglichkeiten, wie zum Beispiel elternunabhängiges BAföG, die im Gegensatz zum KfW-Kredit keine unverhältnismäßige Verschuldung für die Studierenden bedeuten.

 

Erhalten Sie dabei auch Unterstützung durch die Universität?

Ja, wir haben beispielsweise vom Servicecenter Lehre mehr als 60 Laptops zur Verfügung gestellt bekommen, die eigentlich aussortiert werden sollten. Wir statten diese Rechner mit einem neuen Betriebssystem aus und stellen sie Studierenden zur Verfügung, die nicht über ein eigenes Gerät verfügen. Denn für diese Studierenden ist es ja ansonsten praktisch unmöglich, am digitalen Sommersemester teilzunehmen.
Lobenswert ist auch die Zusammenarbeit mit der Universität in Bezug auf die Umsetzung konkreter Corona-Maßnahmen, wie die Öffnung der Bibliothek für einen Abholservice oder die schnelle Anpassung der Allgemeinen Bestimmungen. Diese erlauben nun, dass Studierende, denen nur noch eine verschobene Prüfung zum Abschluss fehlt, dafür nicht noch einmal einen Semesterbeitrag zahlen müssen oder dass mündliche Prüfungen mit beiderseitigem Einverständnis jetzt auch per Videokonferenz stattfinden können. An der einen oder anderen Stelle würden wir uns noch mehr Unterstützung von Seiten der Universität wünschen, zum Beispiel bei der Implementierung eines Kann-Semesters oder einer Freiversuchsregelung für dieses Semester an der Universität Kassel.

 

Wie ist die Resonanz unter Studierenden zum digitalen Semester?

Wir haben gemischte Rückmeldungen dazu bekommen. Viele Studentinnen und Studenten berichten uns davon, dass sie sich sehr über die Möglichkeit freuen, den Vorlesungen in ihrem eignen Tempo und flexibel an ihren Tagesablauf angepasst zu folgen. Wir haben auch erfreut zur Kenntnis genommen, dass sich einige Lehrende wirklich ins Zeug gelegt haben, um unter schwierigen Bedingungen ein gutes Lehrangebot auf die Beine zu stellen.
Gleichzeitig sind viele Studierende aber auch frustriert – sei es, weil sie sich nicht genügend über den Ablauf des Semesters informiert fühlten, weil der Start etwas chaotisch war oder aber, weil sie technische Probleme haben. So mussten nicht wenige meiner Kommilitoninnen und Kommilitonen kurzfristig wieder zu ihren Eltern ziehen, etwa weil Verdienstmöglichkeiten weggebrochen sind. Häufig gibt es im Elternhaus aber nicht die technischen Voraussetzungen, um an Webinaren oder anderen digitalen Lehrangeboten teilzunehmen. Gerade diejenigen Studierenden, die über keine schnelle Internetleitung verfügen oder keinen eigenen Computer besitzen, sind aktuell stark benachteiligt.

 

Gibt es auch Themen abseits der Corona-Krise, die den AStA beschäftigen?

Natürlich! Wir arbeiten beispielsweise auf vielen Ebenen daran, den aktuell laufenden Profilbildungsprozess der Uni mitzugestalten. Dazu haben wir unter anderem eine Stellungnahme erarbeitet und an das Präsidium geleitet. Wir freuen uns auch darüber, besonders viele Studierende, die bisher noch nicht hochschulpolitisch aktiv waren, in diesen Prozess einbinden zu können.
Außerdem läuft unsere Veranstaltungsreihe „Zukunft gestalten JETZT! – Von der Empörung zur Veränderung“ zur Realisierung von sozial-ökologischen Utopien weiter, nur jetzt in digitaler Form.

 

Gibt es aus Ihrer Sicht auch positive Entwicklungen durch Corona?

Ja, gerade die Digitalisierung der Lehre war überfällig  - wer beispielsweise nebenher jobben muss oder ein Kind zuhause betreuen muss, kann sich digitale Vorlesungen jetzt einfach im passenden Zeitfenster ansehen und leidet nicht mehr unter Terminkonflikten.
Auch die Möglichkeiten, Sprechstunden per Videokonferenz abzuhalten und nicht mehr extra dafür an die Uni fahren zu müssen, entlastet sowohl Studierende als auch Dozierende – das ist etwas, das auf jeden Fall auch nach Corona beibehalten werden sollte!