02.07.2020 | Porträts und Geschichten

"Das The­ma Wein be­glei­tet mich schon mein gan­zes Le­ben"

Portrait: Dr. Isabel Schäufele

Bild: Andreas Fischer

„Nachhaltigkeit, ökologischer Landbau, bewusste Ernährung: Das sind Schlagworte, die den Zeitgeist treffen. Immer mehr Menschen legen Wert darauf, wo Lebensmittel herkommen und wie sie produziert werden. Das gilt auch für Wein. Zumindest, wenn es nach Umfragen unter Verbrauchern geht. Dort ist die Bereitschaft, Bio-Wein zu kaufen, groß. Die Wirklichkeit sieht allerdings anders aus: Tatsächlich greifen Weinliebhaber meist zu herkömmlichen Produkten. In meiner Doktorarbeit, die von der Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (GEWISOLA) mit dem Preis für die beste agrarökonomische Dissertation 2019 ausgezeichnet wurde, habe ich diese Einstellungs-Verhaltens-Lücke dokumentiert und analysiert.

Das Thema Wein begleitet mich schon mein ganzes Leben. Meine Eltern betreiben ein kleines ökologisches Weingut in Baden-Württemberg. Vom Anbau über die Arbeit im Keller bis zur Abfüllung bin ich also mit allen Aspekten der Weinherstellung bestens vertraut. Bei meinem Studium der Weinbetriebswirtschaft an der Fachhochschule Heilbronn habe ich mich mit Weinvermarktung beschäftigt, mein Masterstudium in Gießen absolvierte ich in Ernährungsökonomie. In meiner heutigen Tätigkeit in der Universität Kassel kann ich diese Bereiche miteinander verbinden. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin des Fachgebiets Agrar- und Lebensmittelmarketing gehören Konsumentenforschung, Weinökonomie und Haushaltspanelanalysen zu meinen Forschungsschwerpunkten.

Welche Faktoren beeinflussen das Kaufverhalten bei Bio-Wein? Mit dieser Fragestellung habe ich mich in meiner Dissertation intensiv auseinandergesetzt. Dafür habe ich zunächst das theoretische Kaufverhalten und tatsächliche Einkäufe gegenübergestellt. Möglich war das mit einem Datensatz der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), der 30. 000 deutsche Haushalte umfasste. In einem zweiten Schritt habe ich mögliche Gründe analysiert, die Verbraucher vom Kauf von Bio-Weinen abhalten.

Meine Studie hat mehrere interessante Erkenntnisse geliefert. Zum einen klafft eine große Lücke zwischen dem Wunsch, Bio-Wein zu kaufen und dem tatsächlichen Einkauf. Denn den Daten zufolge macht Bio-Wein nur einen kleinen Prozentsatz beim Weinkonsum aus. Woran das liegt? Vermutlich an der fehlenden Auswahl. Viele Weinliebhaber legen Wert auf bestimmte Herkunftsländer und Rebsorten, hier ist die Produktvielfalt noch sehr gering.

Außerdem ist für manche Kundengruppen der Preis, der bei Bio-Erzeugnissen um einiges höher ausfällt als bei konventionellen Produkten, ein Kaufhemmnis.

Dass meine Studie so gut aufgenommen und sogar ausgezeichnet wurde, zeigt, wie wichtig   meine Erkenntnisse für die Weinbranche, aber auch für alle Produzenten nachhaltiger Lebensmittel sind. Zudem ist die gute Resonanz eine Motivation für weitere Forschungsvorhaben im Bereich nachhaltiger Konsum."