21.12.2020 | Porträts und Geschichten

Als Stu­den­ten und Pro­fes­so­ren un­ter ei­nem Dach wohn­ten

Schon einmal war Kassel Universitätsstadt – damals war das kein Erfolg

Bild: Sebastian Mense

Im 17. Jahrhundert war Kassel eine Universitätsstadt, doch das Zwischen­spiel dauerte nur 20 Jahre. Anlass für die Gründung der Academia Casselana waren Erb- und Konfessionsstreitig­keiten zwischen den Landgrafen von Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt, wie Dr. Inge Auerbach vom Staatsarchiv Marburg dargelegt hat. Landgraf Wilhelm V. von Hessen-Kassel musste 1627 unter anderem seine Universitäts­stadt Marburg an Hessen-Darmstadt abgeben. Eine Universität bedeutete großes Prestige für die Landgrafschaft und so verlegte er die Hochschule kurzerhand nach Kassel.

Schon vor der offiziellen Gründung fanden ab 1629 Vorlesungen statt. Eini­ge Marburger Professoren wechselten ebenfalls nach Kassel. Am 2. Januar 1633 wurde die Academia Casselana feierlich eröffnet und mit Statuten ver­sehen. Sie sollte eigentlich aus den vier traditionellen Fakultäten für Theologie, Jurisprudenz, Medizin und Philosophie bestehen. Allerdings fand sich für die Medizin kein geeigneter Professor. Im Collegium Adelphicum, dem heutigen Renthof, wurden Hörsäle, Seminarräu­me, Bibliothek und Verwaltung, aber auch Wohn- und Wirtschaftsräume un­tergebracht.

Ebenso wie in Marburg gründete Wilhelm V. auch für die Kasseler Univer­sität eine Stipendiatenanstalt, um ge­eignete, aber mittellose Kandidaten als Pfarrer, Lehrer oder für die Verwaltung der Landgrafschaft auszubilden. Für das Studium waren sieben Jahre vorgese­hen. Wer bis dahin keinen Abschluss erworben hatte, verlor seinen Anspruch auf Tisch und Bett im Collegium.

Stipendiaten und Professoren lebten im Collegium eng zusammen – ein etwas anderes WG-Leben. Dies sollte die Ma­nieren der Studenten positiv beeinflus­sen. Zudem mussten die Studenten im Sommer um 9 Uhr abends, im Winter sogar schon um 8 Uhr abends zuhause sein. Nächtliche Vergnügungen waren so ausgeschlossen. Der Ephorus, einer der Professoren, achtete peinlich genau auf die Einhaltung der Regeln.

Beschwerden über das Mensaessen

In der Communität, mit der heutigen Mensa vergleichbar, gab es für alle ein gemeinsames Essen. Die im Staatsarchiv Marburg erhaltenen Speisepläne zeigen dabei aber große Unterschiede. Den reichen Studenten wurde unter ande­rem drei Mal in der Woche Braten ser­viert, dazu bekamen sie jeden Tag ein halbes Maß Bier. Darauf mussten die Stipendiaten ganz verzichten und nur alle vier Woche gab es für sie Fleisch auf den Teller. Dementsprechend häuf­ten sich die Klagen, zumal aufgrund der klammen Kassen der Universität auch beim Essen gespart wurde.

Dekan erschlug Liebhaber der Tochter

Kurz nach der Gründung erschütterte ein Skandal die junge Universität, von dem Wolfgang Hermsdorff, Heimatforscher und ehemaliger Archivleiter bei der HNA, berichtete. Danach habe Johannes Crocius, Gründungsrektor und Professor für Theologie, eines Abends im Februar 1633 in seiner Stu­dierstube gesessen und verdächtige Geräusche gehört. Bewaffnet mit einem Hammer, den er als Dekan der theolo­gischen Fakultät zum Aufschlagen des akademischen Siegels benutzte, ver­folgte er den mutmaßlichen Einbrecher. In einem Gerangel in der Dunkelheit versetzte er ihm mit dem Hammer einen tödlichen Schlag. Es stellte sich heraus, dass der junge Mann Fähnrich in der landgräflichen Armee und der heimliche Liebhaber seiner Tochter war. Crocius wurde sofort von allen Ämtern suspendiert. Der Prozess zog sich über zwei Jahre hin und endete mit einem Freispruch für Crocius, der seine Pro­fessur zurückerhielt.

Professoren sahen kein Gehalt

Nicht nur wegen dieses Skandals konnte sich die Academia Casselana nie so richtig etablieren. Die Folgen des Dreißigjährigen Krieges waren auch in der Landgrafschaft Hessen-Kassel zu spüren und wirkten sich auf die Universität aus. Um die Finanzen stand es so schlecht, dass die Professoren jahrelang nicht bezahlt wurden. Vakante Professuren konnten nicht neu besetzt werden, zwischenzeitlich unterrichte­ten sogar nur sechs Professoren. Auch die Zahl der Studenten war nicht mit unserer heutigen Uni vergleichbar. Durchschnittlich begannen jährlich etwa 30 Neuimmatrikulierte ihr Studium in Kassel.

Das Schicksal der ersten Universität Kassels wurde letztlich auf dem Schlachtfeld entschieden. Nach Wilhelms Tod gelang es seiner Witwe Amalie Elisabeth mit ihren Truppen, Marburg 1645 zu besetzen. Im Westfälischen Frieden 1648 wurde die Stadt wieder der Landgrafschaft Hessen-Kassel zugesprochen. Wilhelm VI. löste in der Folge die Kasseler Universität 1653 auf und erhob die Marburger Hochschule zur Landesuniversität.

TEXT Kathrin Meckbach