21.12.2020 | Porträts und Geschichten

Die Welt in Ket­ten

Von unsichtbaren Sklavenketten, ambivalenten Wertschöpfungsketten und einem Hoffnungsschimmer

Bild: Pete Pattison (picture alliance)

Sie bestimmen unseren Alltag und häufig wissen wir doch wenig über sie: Lieferketten (engl.: supply chains) sind allge­genwärtig. Sie sind einerseits Symbol für eine ausufernde Globalisierung und andererseits Hoffnungsträger für nach­haltige Entwicklung.

Prof. Dr. Stefan Seuring beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema Lieferketten. Für ihn liegt im Verständnis von Lieferketten ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis der weltweiten Entwicklungen. „Gerade die Corona-Krise hat gezeigt, dass globalisierte Lieferketten ein großes Risiko darstellen können“, erklärt Seuring. Durch die enge interna­tionale Verflechtung vieler Industrieunternehmen kann der gesamte Produktionsprozess ins Stocken geraten, wenn das Räderwerk an einer Stelle klemmt.

Das ist aber nicht das einzige Problem bei Lieferketten. Prof. Dr. Stefan Gold, der genau wie Seuring am Institut für Be­triebswirtschaftslehre der Uni Kassel arbeitet, beschäftigt sich mit einem Thema, das viele Unternehmen ausblenden und das auch mit Lieferketten zu tun hat – der modernen Sklaverei. „Moderne Sklaven laufen zwar meist nicht in Ket­ten umher wie die Sklaven aus historischen Abbildungen – aber gleichwohl gibt es auch heute auf der ganzen Welt noch in erschreckend vielen Bereichen Arbeitsbedingungen, die sich nur mit dem Ausdruck ‚Sklaverei‘ beschreiben lassen“, fasst Gold zusammen.

Gerade am Anfang vieler Lieferketten, also etwa in der Roh­stoffproduktion, sind bis heute Menschen unter Bedingungen beschäftigt, die denen früherer Sklaven ähneln. „Aber auch in Deutschland und anderen Industrieländern gibt es Beispie­le“, sagt Gold und führt Landwirtschaft und Baubranche als häufig betroffene Sektoren an. „In Großbritannien gibt es daher gerade große Bemühungen in der Politik und etwa in den Dachverbänden der Baubranche, moderne Sklaverei zu beenden.“

Landschaften als Teil der Kette

Ketten können aber auch positive Effekte entfalten, etwa in Form von Wertschöpfungsketten – so beschäftigt sich Prof. Dr. Tobias Plieninger mit Möglichkeiten, Landschaften einen Platz in der Wertschöpfungskette zuzuweisen. „Verände­rungen der Agrarlandschaft – auch wenn sie sich auf lokaler Ebene vollziehen – werden zunehmend von global vernetzten Volkswirtschaften und Märkten angetrieben. Die Komplexi­tät dieser Verbindungen zwischen weit entfernten Orten, so genannte Telekopplungen, birgt Gefahren, aber auch Chan­cen für die Nachhaltigkeit“, erklärt Plieninger. So hat er mit Unterstützung der DFG ein Projekt ins Leben gerufen, das zum Ziel hat, Hebelpunkte in den Wertschöpfungsketten von Landschaftsprodukten zu identifizieren, die einen Übergang zu einer nachhaltigen Landschaftspflege unterstützen. „Das können beispielsweise Zertifizierungen sein, mit deren Hilfe Konsumenten sicher gehen können, dass ihr Verhalten nicht zu weiterer Landschaftszerstörung führt.“

Für seine Arbeit in der Nachhaltigkeitswissenschaft wurde Plieninger in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal in Folge als „Highly Cited Researcher“ ausgezeichnet. Die Liste der Highly Cited Researchers wird jährlich von dem US-amerikanischen Unternehmen Clarivate Analytics (vormals Thomson Reuters) herausgegeben. Highly Cited, also häufig zitiert, sind Publika­tionen, die in den zehn Jahren nach dem Erscheinen zu den Top-1%- meistzitierten ihres Fachgebiets gehören. Nur diejeni­gen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die gleich an mehreren solcher Highly Cited Papers beteiligt sind, werden in den Kreis der „Highly Cited Researchers“ aufgenommen.

Neben Plieninger wurde auch Stefan Seuring erneut in den Kreis der Highly Cited Researchers aufgenommen – für Seu­ring ist es bereits die dritte Platzierung in Folge. „Das zeigt, wie sehr die Arbeit an nachhaltigen Lieferketten auch in der internationalen Wissenschafts-Community wahrgenommen wird“, sagt Seuring und ergänzt: „Das ist aus meiner Sicht ein Hoffnungsschimmer, dass sich die Diskussion in die rich­tige Richtung bewegt!“

TEXT Markus Zens