12.10.2021 | Porträts und Geschichten

Was mich an­treibt – An­na Hel­fers

Kasseler Promovierende und ihre Themen

Bild: Julia Kopylova-Dulig

Anna Helfers (30) Risikowahrnehmung in Zeiten der Pandemie

Wenn eine Krise aufkommt, ist es für uns Menschen nicht leicht zu handeln, solange das Risiko noch abstrakt und gefühlt weit entfernt ist. Wir sehen das an der Klimakrise. Ähnlich verhält es sich in der Corona-Pandemie: Anfangs fand Corona nur in China statt, doch die Krankheit kam immer näher und die Wahrnehmung veränderte sich auch in Deutschland. Ich stellte mir die Frage, wie Menschen in dieser Krisensituation Entscheidungen treffen: Wie wird menschliches Wahrnehmen und Handeln determiniert? So kam ich darauf, zum Thema Risikowahrnehmung in Zeiten der Corona-Pandemie am Fachgebiet Entwicklungspsychologie zu promovieren. Ich möchte herausfinden, welche Kommunikationsstrategie effektive Verhaltensweisen am besten unterstützt, damit Menschen künftig bei drohenden Krisen – insbesondere im Angesicht des Klimawandels – schneller und besser handeln.

Im März 2020 habe ich eine erste Studie durchgeführt und gefragt, wie die Teilnehmenden das Risiko einschätzten: Wie stark hat die Angst, selbst zu erkranken, oder die Angst, dass Menschen aus dem Umfeld erkranken könnten, Auswirkungen auf das Leben und Handeln der Befragten? Hielten sich die Befragten deshalb eher an die empfohlenen Regeln wie Social Distancing oder Händewaschen, tätigten sie Hamsterkäufe? Wie sinnvoll fanden sie die Maßnahmen? Handeln Menschen eher, wenn das Risiko räumlich oder sozial näher rückt? Die Studie ergab: Personen waren umso bereiter, sich präventiv zu verhalten, je höher sie das Risiko der Pandemie einschätzten und je effektiver sie die empfohlenen Maßnahmen fanden. Dann waren sie auch bereit, Kosten für ihr Handeln in Kauf zu nehmen.

Während der Kampagne des Bundesgesundheitsministeriums über Falschinformationen zur Impfung kam im Frühjahr 2021 die Frage auf, wie hilfreich es ist, wenn von offizieller Stelle über Falschmeldungen aufgeklärt wird. Die Literatur empfiehlt nämlich, Falschmeldungen gar nicht erst zu wiederholen, um den sogenannten „Backfire-Effekt“ zu verhindern. Diesen Effekt konnte ich in meiner Befragung aber nicht feststtellen – im Gegenteil: Menschen, die unentschlossen waren, fanden die Informationen ganz hilfreich.

 

Dieser Beitrag erschien im Universitäts-Magazin publik 2021/3. Protokoll: Christine Graß