09.11.2022 | Porträts und Geschichten

Ma­the­ma­tik, Mu­sik, Mo­de und mehr

Die Universitätsbibliothek digitalisiert die Familienbriefe von Gustav Dirichlet und seiner Frau Rebecka, geb. Mendelssohn Bartholdy.

Bild: UB
Gustav Dirichlet, Porträt von W.Hensel

Im Herbst 1834 schrieb Felix Mendelssohn Bartholdy an seine Schwester Rebecka, seit 1832 Ehefrau des Mathematikers Gustav Dirichlet: „Freilich weiß ichs anzuerkennen was ein Dirichletscher Brief für ein unicum ist, und ich hätte wohl längst dafür danken sollen ...“. Dirichlet (1805–1859) hat als herausragender Wissenschaftler seinen Namen im Mathematik-Vokabular hinterlassen; privat hielt er sich mit Schreiben aber zurück.“ Angesichts vieler Bemerkungen der Familie zu seiner Schreibfaulheit ist die große Anzahl seiner Briefe, die sich in der Universitätsbibliothek Kassel befin- den, bemerkenswert: Zusammen mit der Korrespondenz seiner Frau, ihrer Kinder sowie weiterer Familienmitglieder (z. B. Fanny Hensel) handelt es sich um über 1000 Briefe. Diese wurden 2019 von der „Philosophisch-Politischen Akademie e.V.“ (Bonn) der UB Kassel übertragen mit der Verpflichtung, den Nachlass der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Der bedeutendste Komplex, die ca. 600 Briefe Dirichlets und seiner Frau Rebecka (1811–1858), wird im Rah- men eines Drittmittelprojekts bis Ende 2022 vollständig transkribiert sein. Nach Abschluss sollen die Transkriptionen mit den Digitalisaten der Briefe verknüpft und beides sukzessive über ORKA zur Verfügung gestellt werden.

Lebendiger Einblick in Alltagskultur
Grund zum Klagen hatte die Familie nicht nur über die Seltenheit der Post, sondern auch über die Handschrift des Mathematikers. Lässt man sich aber auf die Mühsal des Entzifferns ein, wird man entschädigt durch einen lebendigen Ein- blick in den Werdegang des Gelehrten samt seinem Netzwerk, in familiäre wie gesellschaftliche Beziehungen, in Alltagssituationen von Köln über Paris und Breslau, dann Berlin und Göttingen, wo er ab 1855 als Nachfolger von C. F. Gauß den Lehrstuhl für Mathematik innehatte. Ein kleiner Einblick: 1825 wurde der jun- ge Student in Paris, das zu jener Zeit als „world capital of mathematics“ (Elsrodt 2007) galt, von dem berühmten General Foy als Hauslehrer engagiert. Es folgte die Anerkennung seiner ersten mathematischen Arbeiten durch die Académie des Sciences und der wichtige Kontakt zu Alexander von Humboldt, der zu dieser Zeit in Paris lebte und den jungen Landsmann künftig förderte. Humboldt führte ihn später in Berlin auch in das Haus der Familie Mendelssohn Barthol- dy ein, in deren Garten er, unterstützt von Dirichlet, erdmagnetische Beobachtungen unternahm. Neben fachspezifischen Informationen liegt der besondere Reiz von Familienbriefwechseln in einer Fülle von Themen, die in wissenschaftlichen Briefnachlässen fehlen. Dazu zählt besonders die Alltagskultur der Zeit: Wohnung, Mahlzeiten, Kleidung, Verkehr, Preise, Herzensangelegenheiten oder Gesundheitsprobleme. Durchaus amüsant ist die „Fallhöhe“ der Themen: In Briefen, in denen Dirichlet vom Besuch bei Humboldt und mathematischen Studien erzählt, schreibt er zugleich vom mühsamen Erwerb eines Schals für die Mutter oder versucht ihr auszureden, einen „Carrick“ (Kutschermantel) für ihn anfertigen zu lassen, da der in Paris „ganz aus der Mode“ sei. Bemerkenswert erscheint auch seine Sprache. Die vielen Streichungen und Einfügungen lassen erkennen, wie er um Formulierungen seiner meist langen Sätze gerungen hat. Er war ein herausragende Mathematiker, dessen Leistungen sich von A bis Z benennen lassen: vom „Dirichlet-Approximationssatz“ bis zur „Dirichlet-Zerlegung“ (und auch ein Mondkrater sowie ein Asteroid heißen nach ihm). Seine Aufmerksamkeit galt, wie dieser Briefwechsel belegt, nicht nur den Zahlen, sondern auch den Wörtern.

„Rehböckchen“ an „Zahlenkünstler“
Von großem sprachlichen Reiz und Witz sind auch die Briefe seiner Frau – von Dirichlet liebevoll „Rehböckchen“ genannt. Die hochgebildete Rebecka, die ganz im Schatten ihrer berühmten älteren Geschwister Fanny Hensel und Felix Mendelssohn Bartholdy steht, lässt sich hier als aufmerksame Beobachterin ihrer Zeit entdecken. Selbstverständlich ist viel vom Musikleben zu lesen – sei es das Rheinische Musikfest 1835 in Köln oder Konzerte in den Berliner Salons. Während einer Kur in Böhmen versuchte sie, Chopin persönlich zu treffen, was aber daran scheiterte, dass „eine polnische Gräfin ihn ganz monopolisirt“ habe. Hier mokiert sie sich auch über die adligen „russischen Pfotenthaten“ (Potentaten), die ihren Reichtum schamlos zur Schau stellen und deren Frauen mit teuren seidenen „Shawls“ den „Kies Morgens fegen.“ Neben solchen Aperçus stehen Bemerkungen zu Kultur und Zeitgeschehen, z. B. über die große Verkehrswende ab 1835 (Ausbau des Eisenbahnnetzes), zu Literatur, Kunst oder Kindererziehung. Dass ihr die Musik näher als die Mathematik war, versteht sich von selbst. Leicht spöttisch schrieb sie 1834 an ihren Gatten, wieder einmal sehnsüchtig auf Post von ihm wartend: „Aber adieu, mein Kind, dies ist der 5te Brief von mir, auf 2 von Dir, ist das eine Proportion, Du Zahlenkünstler?

 

Text: Andrea Linnebach-Wegner
Dieser Text erschien im Hochschulmagazin publik 3/2022 am 10. Oktober 2022.