29.05.2018 | Porträts und Geschichten

Auf dem auf­stei­gen­den Ast

Kunsthochschüler Jonatan Schwenk verbindet Animation und Video. Sein Kurzfilm „Sog“ macht international Furore

Jonatan Schwenk, Foto: Alma Weber
Sog, Foto: Jonatan Schwenk

Jonatan Schwenk war 2017 mit seinem Film auf einem der wichtigsten internationalen Festivals für Animationsfilme in Annecy (Frankreich) erfolgreich. Weitere wichtige Auszeichnungen folgten, wie z. B. beim Palm Springs ShortFest (USA), dem Interfilm Festival (Berlin) oder dem Premiers Plans Film Festival (Frankreich). Der Nachwuchsfilmer gewann auch den „European Animation Award“ beim Encounters Short Film & Animation Festival Bristol (UK) und den Preis für den besten internationalen animierten Kurzfilm beim Flickerfest in Australien, einem von rund 90 Qualifikations-Festivals für die Oscars.

Jonatan Schwenk ist seit 2014 Gaststudent an der Kunsthochschule Kassel (Klasse Animation) und studiert zudem an der Hochschule für Gestaltung Offenbach. Der gebürtige Göttinger (Jahrgang 1987) schätzt den Luxus, von zwei Hochschulen zu lernen. Das schlägt sich im Film nieder. Sog ist kein reiner Animationsfilm: „Das Produktionsteam setzte sich aus beiden Hochschulen zusammen. Der Animationsanteil entstand in Kassel und der Videoanteil in Offenbach. Diese interdisziplinäre Zusammenarbeit war eine große Bereicherung für uns alle. Angefangen vom Kameramann über den Scriptwriter bis zur technischen Beratung – wir haben uns gut ergänzt“, sagt Schwenk.

Der zehnminütige Film lässt Spielraum für viele Themen. Er ist universell und eine geistreiche Allegorie auf viele Probleme unserer Zeit: Nach einer Überflutung drohen Fische auf den Bäumen vor einer Höhle auszutrocknen und stoßen deshalb Hilfeschreie aus. Die Höhlenbewohner fühlen sich von den Schreien belästigt, gehen aber mit der Ruhestörung unterschiedlich um. Während die einen sich passiv verhalten und den Zustand aussitzen, bis eine Lösung gefunden wird, nimmt ein Bewohner das Zepter in die Hand und reagiert mit Gewalt. Ein anderer wiederum versucht, die Situation mit Empathie und Verständnis zu lösen. Er will den Fischen helfen und sie wieder ins Wasser bringen. Am Ende eskaliert die Situation und nimmt eine unglückliche Wendung.

Das Drehbuch zum Film entstand aus der gedanklichen Auseinandersetzung des Filmemachers mit dem Thema Ruhestörung in der Nachbarschaft. Doch für Schwenk berührt Sog viele essenzielle Aspekte wie Angst, Fremdheit, Ausgrenzung und Überforderung. Manche Festivals ordnen den Film in das Science-Fiction-Genre und andere zeigen ihn im Zusammenhang mit der Flüchtlingsdebatte. „Mir geht es vielmehr darum zu zeigen, was passieren kann, wenn Figuren sich in einem instabilen System befinden oder selbst in Not geraten. Der Umgang mit Neuem führt zur Überforderung auf beiden Seiten. Deshalb wollte ich mit meinem Film auch ein wenig Verständnis für die genervten Höhlenbewohner schaffen“, resümiert Schwenk.

Sog fasziniert nicht nur aufgrund seiner thematischen Aussagekraft. Die technische Umsetzung überzeugt. Der Hybridfilm entstand in einem Zeitraum von etwa vier Jahren. Die aufwendige Produktion beinhaltet zahlreiche Szenen. Damit stieß der Filmemacher oft an seine Grenzen. Er lässt alte mit neuen Techniken verschmelzen, wie Stop-Motion und 3D-Animation. Dadurch gelingen ihm starke Bilder und Einstellungen. Er spielt perfekt mit Licht und Schatten und nutzt raffiniert eine Komposition von Geräuschen.

Schwenk hat sich während seines Studiums mit den unterschiedlichsten Bereichen des Filmemachens beschäftigt, um sich dann individuell auf bestimmte Themen zu spezialisieren. „Vom Generalisten zum Spezialisten“, so fasst der Filmemacher diesen Prozess zusammen. Das nächste Projekt soll nun sein Abschlussfilm werden: „Nach einem erfolgreichen Film den Nächsten zu produzieren ist nicht einfach. Die eigene Erwartungshaltung ist groß und ein gewisser Druck spürbar“, erklärt Schwenk. Nach Sog soll thematisch nun etwas völlig Neues folgen. Filminteressierte können schon mal gespannt sein.

Text: Cigdem Özdemir