16.12.2019 | Porträts und Geschichten

Das Ali­en aus dem Oze­an

Im Okto-Lab erleben die Besucher die Welt aus der Sicht eines Oktopusses. Wie denkt er? Was fühlt er? Das Laboratorium für Oktopus-Ästhetik von Dr. André Krebber und seiner australischen Kollegin Dr. Yvette Watt wirft ethische Fragen auf.

Bild: Masaaki Komori

Innerhalb von Sekunden kann er sein Aussehen durch Farbwechsel und Veränderung seiner physischen Form verwandeln. Seinen weichen Körper zwängt er durch winzige Löcher, nur sein scharfer Schnabel und seine Augäpfel sind fest. Drei Herzen pumpen blaues Blut. Jeder seiner acht Arme ist mit Nerven und Ganglien durchzogen, die sich unabhängig vom Gehirn bewegen. Er gilt als sehr intelligent, lernfähig und löst Probleme – der Oktopus hat einen wahrhaft besonderen Körper. Wie ein Alien ist er für uns Menschen fremd und faszinierend zugleich. Aber was fühlt er? Hat er sogar ein Bewusstsein?

Wie fühlt so ein Oktopus wohl?

„Es fällt uns als Menschen schwer, uns in ein Tier wie einen Oktopus hineinzuversetzen“, sagt Dr. André Krebber, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für die Geschichte der Mensch-Tier-Beziehung bei der Fachgruppe Geschichte. Der Umweltwissenschaftler beschäftigt sich insbesondere mit dem Verhältnis zwischen Mensch und Tier und dessen Bedeutung für die Gesellschaft. „Der Oktopus wird in unserer Gesellschaft eher als Monster oder Nahrungsmittel angesehen“, sagt Krebber. Bei Hunden oder Katzen, die uns seit Jahrtausenden begleiten, sei das anders – diese Tiere sind uns emotional und sozial sehr nah.

„Der Oktopus ist für mich eine Art Enigma. An ihm lassen sich viele Fragen stellen, vor allem: Wie können wir Tiere auch anders betrachten? Und zwar aus einer ganz anderen Perspektive und nicht anhand unserer menschlichen Fähigkeiten“, fragt Krebber.  Er wünscht sich, dass die Menschen ihrem Umgang mit der Umwelt und anderen Lebewesen hinterfragen. Genau das war auch seine Motivation, das Projekt „Okto-Lab: Laboratorium für Oktopus-Ästhetik“ mit seiner Kollegin und Künstlerin, Dr. Yvette Watt, von der Universität Tasmanien, anzugehen.

Die Kunst als Erkenntniszugang

Statt mit der Moralkeule, möchten Krebber und Watt die Menschen in ihrer Ausstellung „Okto-Lab“ durch die Kunst zum Nachdenken anregen. Das Okto-Lab legt den Schwerpunkt auf die Ästhetik als sinnliche Wahrnehmung: So können sich die Besucher über eine Virtual-Reality-Brille in den Körper eines Oktopusses hineinfühlen. Ein anderes Projekt führt die Besucher erzählerisch an verschiedene Stationen in einem Aquarium, bis sie dem Oktopus begegnen. Sie erleben die Welt ein bisschen aus seinen Augen.

Dabei werden umstrittene Fragen aufgeworfen: Haben Tiere ein Bewusstsein? Sollten Sie Persönlichkeitsrechte erhalten? Was tun die Menschen ihnen durch Eingriff in ihren Lebensraum an?

„Die Kunst dient dabei als experimenteller Zugang zur Wissensproduktion, die sich eben nicht an die wissenschaftlichen Vorgaben hält und auch nicht halten muss“, erklärt Krebber. Bereits beim Campusfest im Juni war Krebber mit Oktopus-Plüschtieren und einem Tisch mit Löchern dabei. Die Besucher konnten die flexiblen Stofftierchen durch die kleinen Öffnungen quetschen.

Dennoch ist die Wissenschaft neben der Kunst im Okto-Lab nicht irrelevant. Die Ausstellung wird unter anderem auch von Biologen, Evolutionsbiologen und Wissenschaftlern der Human-Animal Studies durch eine wissenschaftliche Konferenz begleitet. Auch die Künstler arbeiten eng mit Wissenschaftlern und wissenschaftlicher Literatur zusammen. Die Kunst ist dabei mal mehr Kritik und mal mehr Ergänzung zur Wissenschaft.

Das Okto-Lab

Das Okto-Lab entstand im Rahmen einer Föderlinie für australische und deutsche Projektzusammenarbeit. Die erste Ausstellung des Okto-Labs wird am 13. Dezember in Hobart, Tasmanien, stattfinden. Im Mai 2020 folgt dann die Ausstellung in Köln. Das Okto-Lab ist explizit nicht an wissenschaftliches Publikum gerichtet. Es werden zwar Fragen nach wissenschaftlicher Forschung gestellt, die Kunst steht jedoch im Vordergrund. Besonders wichtig für die Ausstellung: Dort werden weder lebende noch tote Tiere gezeigt. „Es geht darum, Tiere als Subjekt ernst zu nehmen“, erklärt Krebber. Ziel ist es, die Umwelterfahrung aus dem Tier heraus zu machen und menschliche Standpunkte aus dem Gleichgewicht zu bringen.

 

Text: Christine Graß, publik 4/2019