17.12.2018 | Porträts und Geschichten

Das ge­hei­me Le­ben der Pil­ze

Kaum jemand bemerkt sie, dabei sind Pilze die heimlichen Herrscher der Natur. Ein Leben ohne sie hieße: ein völlig anderes Ökosystem und viel schmutzige Wäsche.

Bild: Ewald Langer
Fliegenpilze auf einer Waldwiese

Was kann tödlich giftig sein, aber hervorragend auf Pizza schmecken? Welches Lebewesen kann so viel Masse haben wie mehrere Dutzend Blauwale, aber sich in der hinteren Ecke einer Minibar verstecken? Die Antwort: der Pilz. Pilze sind vielfältige und geheimnis volle Geschöpfe. Mehr als das: Sie sind Säulen unseres Ökosystems. Ohne Pilze wäre unser Planet ein anderer.

Dr. Ewald Langer ist Professor am Fachgebiet Ökologie. Er beschäftigt sich mit Mykologie, der Lehre von den Pilzen. „Das Thema Pilze scheint vielen auf den ersten Blick uninteressant“, sagt Langer. „Doch die meisten machen große Augen, wenn man ihnen erklärt, wo sie Pilzen jeden Tag begegnen.“

Von A wie Antibiotika bis Z wie Zitronensaft

Pilze sind überall. Sie sind nicht nur in unserer Umgebung, sie leben in uns und auf uns. „Während wir sitzen und uns unterhalten, atmen wir Pilzsporen ein“, so Langer. Meist schaden sie uns dabei nicht. Es gibt jedoch auch Gegenbeispiele: „Der Fußpilz etwa ist ein Parasit, den viele von uns kennen“, sagt der Biologe. „Bis zu 25 Prozent der Deutschen leiden unter ihm. Bei Berufsgruppen, die oft Gummistiefel tragen, sind es bis zu 80 Prozent.“ Doch nicht nur hier begegnen wir ihnen.

Ohne Pilze ließen sich viele Lebensmittel nicht herstellen. „Der Zitronensaft aus dem Supermarkt hat oft noch nie eine Zitrone gesehen“, erklärt Langer. „Er wird industriell hergestellt, indem man den Pilz Aspergillus niger mit Nahrung versorgt. Das Abfallprodukt ist der Zitronensaft.“ Chemisch sei dieser das gleiche wie der Saft aus einer Zitrone.

Anderes Beispiel: Hefen sind nichts Anderes als Pilze. Heißt im Klartext: ohne Pilze kein Bier und kein Wein. Doch nicht nur auf bestimmte Getränke müssten wir verzichten, selbst Grundnahrungsmittel wären ohne Pilze schwieriger herzustellen. Zum Brotbacken etwa benutzt man in Mitteleuropa meist Hefe.

Auch die chemischen und pharmazeutischen Industrien hängen oft von Pilzen ab. „Die fl eckenlösenden Wirkstoffe in Waschmitteln beispielsweise stammen von Pilzen“, sagt Langer. Nicht nur unsere Kleidung, auch unsere Gesundheit profi tiert. Eine der bedeutendsten Entdeckungen der modernen Medizin sind Antibiotika. Der schottische Mediziner Alexander Fleming entdeckte 1928, dass ein bestimmter Schimmelpilz Bakterien tötet. Aus einem Wirkstoff dieses Pilzes wurde später Penicillin hergestellt, das erste Antibiotikum. Sogar Pilzvernichter, sogenannte Fungizide, werden aus Pilzen gewonnen!

„Das Ökosystem würde ohne sie nicht funktionieren“

Das ist nur der alltägliche Nutzen der Pilze. Tatsächlich legen sie den Grund für das Leben auf der Erde. „Unser Ökosystem würde ohne Pilze nicht funktionieren“, sagt Langer. „Schon der Landgang der Pfl anzen im Devon-Zeitalter vor über 358 Millionen Jahren wäre ohne Pilze unmöglich gewesen.“ Manche Pilze sind sogenannte Saprophyten. Sie ernähren sich von totem organischen Material und haben oft parasitische Eigenschaften. „Andere Pilze sind sogenannte Symbionten.“ Sie leben in Symbiose mit Pfl anzen. Wo immer es Bäume gibt, gibt es auch Pilze. Beide sind voneinander abhängig. „Letztendlich ist es ein Tauschgeschäft zwischen Pflanzen und Pilzen“, erklärt Langer. „Die Pilze bekommen Zucker aus der
Photosynthese der Pfl anzen und die Pfl anzen erhalten im Gegenzug Wasser und Nährstoffe wie etwa Stickstoff.“ Ohne Pilze könnte ein großer Teil der Pfl anzen, die wiederum die Lebensgrundlage für andere Lebewesen sind, nicht überleben. Als wäre das nicht schon erstaunlich genug, haben sie noch mehr zu bieten.

2400 Jahre, 600 Tonnen, ein Pilz

Was viele nicht wissen: Das größte bekannte Lebewesen der Welt ist ein Pilz. Im Jahr 2000 suchten US-Forscher in Oregon nach der Ursache für das dortige Waldsterben. Der Klimawandel? Nein. Ein einziger Pilz. Ein sogenannter Hallimasch hatte sich dort angesiedelt und die Bäume befallen. Wie kann das sein? Ein einzelner Pilz bringt einen Wald in Gefahr? „Der Teil des Pilzes, den wir sehen können, der mit dem Hut, das ist nur der Fruchtkörper“,
erklärt Langer. „Pilze bilden aber riesige Systeme, die größtenteils unterirdisch verlaufen.“ Mikroskopisch dünne Stränge unter der Erde bilden den größten Teil des Lebewesens. Pilze sind oft gigantische Netzwerke. Der Hallimasch in Oregon hat sich über eine Fläche über 900 Hektar ausgebreitet und ist etwa 600 Tonnen schwer. Alle Teile zusammengenommen, hat er die Biomasse mehrerer Dutzend Blauwale. Er ist das schwerste bekannte Lebewesen der Welt und das älteste: vermutlich 2400 Jahre alt. Als er entstand, verstand man unter Griechenlandkrise noch den Krieg zwischen Athen und Sparta.

Weder Pflanzen noch Tiere

Allein dieses Beispiel zeigt: Pilze faszinieren. Kein Wunder, dass Professor Langer und sein Team mit großer Leidenschaft hinter diesem Thema stehen. Mit viel Begeisterung erklärt er die Aufgaben seines Fachgebiets an der Uni Kassel. „Wir schließen Forschungslücken“, sagt Langer. „Das ist eine echte Detektivarbeit.“ Die Mitarbeiter des Fachgebiets erforschen die Ökologie und beschreiben neue Pilzarten. Die Arbeit dafür führt sie rund um die Welt. Prof. Langer hat beispielsweise auf der Tropeninsel La Réunion geforscht. Hier gibt es zahlreiche endemische Pilze, also Arten, die nur dort vorkommen. „Wir sammeln Pilze und Pilzproben und generieren genetische Datensequenzen, sogenannte DNA-Barcodes“, sagt der Mykologe. „Danach speisen wir sie in eine öffentliche Datenbank ein.“

Pilze sind weder Pflanzen noch Tiere. „Sie bilden unter den Lebewesen ein eigenes Reich“, sagt Langer. Etwa 110.000 Pilzarten kennt die Forschung. „Hochrechnungen gehen aber davon aus, dass es fünf bis sechs Millionen Arten gibt“, erklärt er. Im Gegensatz zu den Pflanzen sind Pilze noch kaum erforscht. „Wer Pflanzen bestimmen will, braucht ein einziges Buch. Bei Pilzen ist es ein ganzes Regal.“ Von gerade einmal 25.000 Pilzarten seien brauchbare DNA-Sequenzen hinterlegt. „Es gibt noch viel zu entdecken.“ Das Fachgebiet betreut außerdem den Nationalpark Kellerwald Edersee. „Der nordhessische Nationalpark hat Urwaldqualitäten“, so Langer. „Es gibt hier eine lange Totholztradition, also viel sehr altes abgestorbenes Holz.“ Das ließe sich etwa an besonderen Pilzen erkennen. Die dortigen Pilze seien typisch für altes Totholz. „So verraten uns die Pilze, ob wir es mit einem Urwald-ähnlichen Wald zu tun haben.“ Im Naturpark veranstaltet das Fachgebiet oft Exkursionen mit Studierenden. Langer ist überzeugt, draußen lernt es sich am besten. „Man behält Namen und Eigenschaften von Pilzen besser in Erinnerung, wenn man sie gesehen und berührt hat.“ Eine weitere Aufgabe des Fachgebiets ist der Waldschutz. „Wir erforschen die Ökologie von Schadpilzen.“ Beispielsweise seien Eschen und weitere Baumarten durch einen schädlichen Pilz aus China gefährdet. „Diese Schadpilze wollen wir verstehen.“

Dürfen Vegetarier Pizza Funghi essen?

Pilze haben noch ein besonderes Merkmal: Sie schmecken oft sehr gut. Prof. Dr. Langer ist selbst Pilz-Sammler und leitet Pilz-Führungen. „Die Krause Glucke etwa ist sehr schmackhaft“, sagt Langer. Aber der Experte warnt: „Es gibt nur rund 400 essbare Pilze.“ Die meisten anderen der 6.000 bekannten Pilzarten in Deutschland seien giftig. „Gehen Sie auf keinen Fall Pilze sammeln, ohne jemanden, der sich genau auskennt.“

Eine Frage bleibt offen: Wenn Pilze weder Pflanzen noch Tiere sind, was essen wir dann genau, wenn sie auf unserem Teller liegen? „Interessant ist, dass Pilze mit den Tieren enger verwandt sind als mit den Pflanzen.“ Pilze und Tiere? Dürfte man dann als Vegetarier überhaupt eine Pizza Funghi essen? Prof. Langer gibt Entwarnung: „Aber natürlich! Pilze sind ideal für vegetarische und vegane Ernährung.“ Nur einer der vielen erstaunlichen Fakten über sie. Hut ab vorm Pilz.

 

Dieser Artikel ist erschienen in der publik 4/2018 (18.12.2018).