20.12.2019 | Porträts und Geschichten

Das Hund-Mensch-Sys­tem

Birkan Taş erforscht die gegenseitige Abhängigkeit von Menschen mit Behinderung und Assistenzhunden

Bild: Kristina Weissbecker
Birkan Taş

Hunde sind bekannt als die besten Freunde des Menschen. Assistenzhunde, wie beispielsweise Blindenführhunde, können aber noch mehr. Sie werden eingesetzt, um Menschen mit einer Seh-, Hör- oder geistigen Behinderung den Alltag zu erleichtern. In der Forschung fanden sie bisher wenig Beachtung. Dr. Birkan Taş will das ändern. Er sagt: Menschen mit Behinderung und Assistenzhunde verbindet eine gegenseitige Abhängigkeit im besten Sinne.

Unter Betreuung von Prof. Dr. Mechthild Bereswill (Fachgebiet Soziologie sozialer Differenzierung und Soziokultur) erforscht der Nachwuchswissenschaftler im Rahmen eines neuen Postdoktoranden-Programms der Universität Kassel die Beziehung zwischen Menschen mit Behinderungen und ihren Tieren. „Viel zu oft steht alleine der Mensch im Mittelpunkt – ob in der Forschung, in den Gesetzestexten oder in der Gesellschaft“, findet er. Dabei ließe sich über das wechselseitige Verhältnis zwischen Mensch und Tier viel mehr lernen, wenn man beide als ein System verstehe.

Eines seiner Ziele ist es, einen Vergleich zwischen verschiedenen Ländern, vor allem USA, Großbritannien und Deutschland, aufzustellen. Dafür will er Hundeschulen besichtigen, das Training untersuchen, Interviews mit behinderten Menschen und ihren Hunden führen und die Gesetzeslage untersuchen. „Spannend ist auch die Frage, wie Gebäude oder Gegenstände so entworfen werden können, dass Menschen mit einem helfenden Hund diese besser nutzen können“, sagt der Kulturwissenschaftler.

Taş (37) hat seine Forschungen in Kassel zu diesem Wintersemester aufgenommen. Er bringt bereits viel Erfahrung aus verschiedenen Ländern mit: Zuvor war er am Institute for Cultural Inquiry in Berlin tätig. An der Boğaziçi Universität in Istanbul machte er seinen Bachelor in Psychologie; seinen Master wiederum absolvierte er in Kulturwissenschaften an der Bilgi Universität, ebenfalls Istanbul. Promoviert wurde er an der Universität Amsterdam mit einer Arbeit zu den affektiven, zeitlichen und politischen Dynamiken von Hoffnung.

Lächelnd erzählt der Nachwuchsforscher, wie er auf die Idee zu seinem aktuellen Projekt kam: „Auf einer Konferenz in den Niederlanden hatte eine Kollegin einen Welpen auf dem Arm – einen Labradoodle. Das ist eine Kreuzung zwischen Labrador und Pudel, die als idealer Allergikerhund gilt. Alle wollten den kleinen Hund streicheln, bekamen aber die Antwort, dass er nicht gestreichelt werden darf, weil er ‚arbeite‘. Der Welpe war in Ausbildung als Assistenzhund“, berichtet der Kulturwissenschaftler.

Die Aufgaben, die Hunde übernehmen, könnten eigentlich auch Menschen erledigen. „Warum also müssen Tiere es tun? Und haben Menschen das Recht, Hunde so zu benutzen?“ fragt Taş. Andererseits: Hunde haben Menschen frühester Zeit geholfen, sei es beim Jagen oder als Schäferhunde. In Zukunft könnten sie mit dem Wandel der menschlichen Bedürfnisse vielleicht sogar weitere Aufgaben übernehmen.

Kein Zufall ist es, dass Taş dieses Thema, das zum Bereich der Human-Animal-Studies gezählt wird, an der Universität Kassel erforschen wird. Mit seinem Projekt knüpft er an bereits laufende Forschung in anderen Fachgebieten an.

Text: Kristina Weissbecker, publik 4/2019