11.07.2018 | Porträts und Geschichten

"Die Ent­ste­hung des Par­thenon zu be­glei­ten, war ei­ne gro­ße Be­rei­che­rung"

Sophia Neitzel über ihr Mitwirken am Kunstwerk.

Portraitfoto Sophia NeitzelBild: Andreas Fischer
Sophia Neitzel

„Es ist das Kunstwerk, das das Bild der documenta 14 geprägt hat wie kein anderes: Marta Minujíns „Parthenon of Books“, der Tempel aus verbotenen Büchern auf dem Kasseler Friedrichsplatz. Ein klein wenig konnte ich zum Erfolg dieses Projekts beitragen. Ich war Teil einer studentischen Arbeitsgruppe, die unter der Leitung von Prof. Dr. Nikola Roßbach und dem Gastprofessor Dr. Florian Gassner aus Vancouver eine Liste mit verbotener Literatur zusammengestellt hat. Das Dokument umfasste am Ende über 120.000 Werke aus aller Welt und bildete die Grundlage für Minujíns künstlerische Arbeit.

Im September 2016 – neun Monate vor Eröffnung der documenta 14 – stellte uns Germanistik-Professorin Dr. Nikola Roßbach ihr ambitioniertes Listen-Projekt vor. Ich war sofort begeistert. Nicht nur, weil ich als Kasselerin die documenta immer als etwas Besonderes erlebe, sondern auch, weil mich als Studentin der Germanistik das Thema Zensur grundsätzlich interessiert.

Noch vor wenigen Jahrzehnten gehörte das Verbot von Literatur auch hierzulande zum Alltag. Das zeigte unsere intensive Recherche. Wir listeten beispielsweise Bücher auf, die einst von der katholischen Kirche verboten worden waren, und solche, die bei den Nationalsozialisten, in der Sowjetischen Besatzungszone und in der späteren DDR auf dem Index standen. Erweitert wurde unsere Sammlung durch Auslandsrecherchen: In der Türkei ist Zensur zum Beispiel gerade aktueller denn je. Doch mit der Erstellung der Literaturliste endete unsere Arbeit, die in enger Abstimmung mit dem documenta-Team stattfand, nicht. Jede Bücherspende für den Parthenon glichen wir mit den von uns recherchierten Titeln ab. Stand das Buch nicht auf der Liste, wurde eine Einzelrecherche durchgeführt – und, wenn nötig, das Dokument um den jeweiligen Titel ergänzt. Oft war das mühsam und zeitaufwendig, aber gelohnt hat es sich in jedem Fall.

Die Entstehung dieses eindrucksvollen Kunstwerks zu begleiten, habe ich als große Bereicherung empfunden. Ebenso wie die Begegnung mit der Künstlerin selbst: Zum Ende der documenta 14 haben wir Marta Minujín persönlich kennengelernt und sind mit ihr gemeinsam durchs Parthenon geschritten. Ein schöner Abschluss für unser Mammut-Projekt.“