19.12.2018 | Standpunkte

Die Universität als Schon­raum?

Ein Essay von Nikola Roßbach über Meinungsfreiheit und Zensur.

Bild: privat.
Prof. Dr. Nikola Roßbach.

Vor einiger Zeit hatte ich einen wundersamen Traum. Offenbar war ich noch ganz im Bann der Utopien aus meinem Seminar zu Aufklärung und Zensur. In denen werden auch immer die wundersamsten Dinge geträumt. Zum Beispiel in der berühmtesten Utopie der Aufklärung, Das Jahr 2440 von Louis-Sébastien Mercier. Ein riesiger Bücherturm wird da verbrannt, alles Unvernünftige vernichtet. Romane zum Beispiel. Damit man gar nicht erst auf dumme Gedanken kommt – und endlich die Gedankenfreiheit siegt (Die Aufklärung hatte immer schon eine dialektische Schlagseite.)

Mein Traum hatte allerdings nichts mit Zensur zu tun. Oder vielleicht doch? Der erträumte Ort war jedenfalls nicht Paris wie bei Mercier, sondern Kassel, speziell unsere Universität. Sie erschien mir ganz verändert. Alle gingen respektvoll miteinander um. Niemand verletzte die anderen, sogar das Wort ‚verletzen‘ wurde vermieden. Vorträge, bei denen man sich hätte unwohl fühlen können, fielen aus. Und wenn nicht, gab es im Nebenraum Musik und Seifenblasen als Alternativprogramm. Kritik existierte nicht, nicht einmal in Form von Kopfschütteln. Auch in der Literaturwissenschaft, meiner Zunft, hatte sich viel verändert. Romane wurden zwar nicht verbrannt, aber sie trugen jetzt Warnhinweise. So konnte einem nicht unvorbereitet Schlimmes begegnen. Und wenn man sie als belastend empfand, durfte man sich über etwas Anderes prüfen lassen.

Die Träumer des 18. Jahrhunderts sind ja immer ganz wehmütig, wenn sie aus ihren Utopien erwachen. Ich dagegen war schweißgebadet: Die schöne neue Uni-Welt hatte genau das verloren, was für mich eine Hochschule ausmacht: ein Ort des Wissenserwerbs, der Debatte und Kontroverse zu sein. Welch ein Albtraum! – Und doch entstammen all diese Fälle der Realität. In den U.S.A. wünschten sich Jurastudierende vor einiger Zeit die Verbannung des Wortes ‚violate‘ aus den Vorlesungen. An britischen Hochschulen greift ‚no-platforming‘ um sich. ‚Negative head motions‘ wurden in Edinburgh sanktioniert, der Seifenblasen-safe space in Providence/Rhode Island eingerichtet. US-Verlage setzen auf studentischen Wunsch Triggerwarnungen auf Buchcover.

Ist das Zensur? Zumindest äußert sich hier eine Sehnsucht nach Grenzen, die zensuranalog wirkt. Spätestens dann, wenn Campusregeln systematisch Sprache und Denken kontrollieren und sanktionieren. Besonders das System Universität scheint anfällig zu sein für eine um sich greifende Vorsichtskultur. Eine Kultur, in der Idealismus in Dogmatismus umzukippen droht. Wie ist es zu dieser studentischen snowflake generation gekommen, die solches Denken propagiert? US-Soziologen versuchen gerade das herauszufinden – vielleicht kündigt ja die Erforschung des Phänomens seine kritische Hinterfragung an.

Die genannten Beispiele bedrohter Meinungsfreiheit entstammen der angelsächsischen Hochschulwelt – noch. Auch bei uns sind safe spaces, trigger warnings und micro-aggressions angekommen. Allerdings meist sekundiert von vehementer Kritik. Die Studierenden in meinem Zensur-Seminar hatten übrigens noch nichts davon gehört – was mich erleichterte. Noch mehr erleichtert hat mich ihr klares Bekenntnis zur Kontroverse, die sie für notwendig in Forschung und Lehre hielten. Das Konzept einer Schonraum-Universität sahen sie kritisch. Welch ein Glück! Oder auch: Welch eine Selbstverständlichkeit … Wie soll man Jura studieren, ohne sich mit Gewalt auseinanderzusetzen, Medizin ohne Krankheit und Tod, Umweltwissenschaften ohne Klimawandel? Die Literatur ihrerseits kreist oft um all dies zugleich. Ständig bringen hier Männer ihre Geliebten, Väter ihre Töchter, Mütter ihre Babys, unglücklich Verliebte sich selbst und Brüder sich gegenseitig um. Und dabei denke ich nicht an brutale Thriller, sondern an Schiller, Lessing und Goethe. Unsere Klassiker – vielleicht deshalb unvergesslich, weil wir uns mit den verstörenden Seiten des Lebens immer wieder neu auseinandersetzen müssen.

Nein: Der safe space ist kein utopisches Zukunftsmodell für die Universität. Zwar sehnen wir uns wohl alle manchmal nach Grenzen für die Meinungsfreiheit. Etwa bei gefährlicher Dummheit, Intoleranz, Engstirnigkeit. Trotzdem ist Zensur keine Lösung. In einer freien Gesellschaft ist nun einmal Vieles erlaubt. Zum Beispiel auch Sexismus, obwohl er reaktionär ist und abstoßend. In solchen Fällen muss man über Ethik diskutieren, nicht über Recht. Es ist irritierend, wenn gerade die Universität Keimzelle einer Kultur wird, in der die Unterschiede zwischen Sollen und Dürfen verschwimmen.

 

Dieser Essay erschien am 18. Dezember 2018 in der Ausgabe 3/2018 des Uni-Magazins publik.