Ge­füh­le prä­gen Wör­ter

Die emotionalen Eigenschaften von Dingen beeinflussen die klanglichen Eigenschaften der Wörter, die wir für diese Dinge erfinden – das hat ein Psychologie-Professor der Universität Kassel jetzt in einer Studie erstmals experimentell belegt. Das Forschungsergebnis ist ein wichtiger Beitrag in einer jahrtausendealten Debatte.

Bild: Uni Kassel.
Prof. Dr. Ralf Rummer.

Die Frage nach der Beziehung von Dingen und Wörtern beschäftigte schon Sokrates: Ist das Verhältnis von Wörtern zu den Dingen, die sie bezeichnen, völlig willkürlich? Oder belegen Wörter wie „Kuckuck“ oder „schnarren“ vielmehr, dass die Sprache lautmalerisch die Welt nachahmt? Während die moderne Linguistik jahrzehntelang im „Kuckuck“ eher einen Ausnahmefall sah, hat der Kasseler Psychologie-Professor Dr. Ralf Rummer jetzt eine Studie vorlegt, die ein überraschendes Licht auf die Wortprägung wirft, also gewissermaßen in den Kreißsaal der Sprache: Demnach werden für positive Dinge auffällig häufig neue Wörter erfunden, die den Vokal „i“ enthalten. Neue Bezeichnungen für negative Dinge hingegen enthalten öfter den Vokal „o“.

Rummer und seine Co-Autorin Judith Schweppe (Universität Erfurt) führten für die Studie mehrere Experimente durch: So legten sie deutschsprachigen Probanden Fotos vor, auf denen Personen entweder glücklich aussahen oder traurig bzw. verärgert oder aber einen neutralen Gesichtsausdruck zeigten. Anschließend erfanden die Probanden Vornamen für die gezeigten Personen – und zwar Namen, die es noch nicht gibt. Im Ergebnis vergaben die Probanden signifikant häufiger Namen mit den Buchstaben „i“ für glücklich dreinblickende Menschen als für traurige oder verärgerte; umgekehrt entschieden sie sich bei negativen Gesichtsausdrücken öfter für Namen mit einem oder mehreren Buchstaben „o“. Dieser Effekt trat auch auf, wenn die Nachahmung des Gesichtsausdrucks ausgeschlossen wurde.

Ein weiteres Experiment bestätigte einen Zusammenhang zwischen dem hellen „i“ und positiven Konnotationen sowie dem dunklen „o“ und negativen Konnotationen: Zunächst las ein Muttersprachler einen Bibeltext in der ostafrikanischen Sprache Swahili vor. Anschließend vergaben deutschsprachige Probanden Fantasienamen für 30 positiv oder neutral oder negativ konnotierte Gegenstände oder Tiere – Bedingung: Die neu geschaffenen Wörter sollten dem eben gehörten Suaheli klanglich ähneln. Auch hier zeigte sich, dass bei Gegenständen, die im Allgemeinen mit positiven Gefühlen assoziiert sind – etwa einem Delfin oder einem Kleeblatt – häufiger das „i“ zu hören war und bei negativen – etwa einem Sarg oder einer Spinne – häufiger das „o“.

In einem Kontrollexperiment schlossen die Autoren aus, dass der deutsche Wortschatz der Probanden einen Einfluss auf die Wortschöpfung im Fantasie-Suaheli hat. Insgesamt nahmen an der Experimental-Serie 336 Probanden teil.

„In früheren Studien hatten wir bereits festgestellt, dass positiv gestimmte Menschen beim Erfinden von Fantasiewörtern häufiger das ,i‘ verwenden und negativ gestimmte Menschen häufiger das ,o‘“, so Rummer. „Jetzt konnten wir zeigen, dass die emotionalen Eigenschaften eines Objekts einen vergleichbaren Einfluss auf das Erfinden neuer Wörter haben. Hier werden positiv valente Objekte oder Personen bevorzugt mit Namen, die ‚i‘ enthalten, versehen und negativ valente Objekte oder Personen bevorzugt mit Namen, die ‚o‘ enthalten. Spuren dieses Prinzips lassen sich im deutschen Wortschatz bis heute finden. Jetzt haben wir diesen Zusammenhang erstmals experimentell nachgewiesen.“

Eine Erklärung könnte in der Gesichtsmuskulatur liegen. Beim Artikulieren des Lautes „i“ wird ein Gesichtsmuskel kontrahiert, der auch für das Lächeln benötigt wird – das nutzen auch Fotografen bei der „Cheese!“-Aufforderung. Das „o“ hingegen beansprucht den Gegenspieler dieses Muskels und verhindert dadurch das Lächeln. Im Laufe der individuellen und sprachgeschichtlichen Entwicklung haben sich diese Laute daher offenbar mit positiven bzw. negativen Emotionen verknüpft.

Dr. Ralf Rummer ist seit März 2018 Professor für Allgemeine Psychologie an der Universität Kassel. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Kognitions-, der Sprach- und der Gedächtnispsychologie.

Ralf Rummer & Judith Schweppe (2018): Talking emotions: vowel selection in fictional names depends on the emotional valence of the to-be-named faces and objects, in: Cognition and Emotion.
Link zum Artikel: https://www.researchgate.net/publication/324544902_Talking_emotions_vowel_selection_in_fictional_names_depends_on_the_emotional_valence_of_the_to-be-named_faces_and_objects

Kontakt:
Prof. Dr. Ralf Rummer
Universität Kassel
Fachgebiet Allgemeine Psychologie
Tel.: 0561 804- 3592
E-Mail: rummer@uni-kassel.de