29.05.2018 | Porträts und Geschichten

„Ge­walt darf nicht cool sein“

Bald ist WM – Deutschland ist in Fußball-Stimmung. Doch der Sport wird häufig von Gewalt begleitet. Dass es auch anders geht, zeigt ein Forschungsprojekt der Uni Kassel.

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München, 30. Mai 2017. Relegation um die Zweite Bundesliga, 1860 München gegen Jahn Regensburg. Die Münchner verlieren. Gewalttätige Fans wollen den Spielabbruch. Sitzschalen und Metallstangen fliegen in den Regensburger Strafraum. Das Spiel wird unterbrochen. Regensburgs Torwart Philipp Pentke fürchtet um seine Gesundheit – das Spiel, ein Desaster. Es müsse eine Selbstreinigung bei den Fans stattfinden, sagte der Münchner Vereinspräsident Robert Reisinger nach Abpfiff dem Bayerischen Rundfunk.

Szenenwechsel: Gleicher Ort, 23. Oktober 2017. 1860 München gegen die Amateure des FC Bayern. Stadtderby, die Polizei ist auf alles gefasst. 1860 verliert erneut. Es bleibt ruhig. Einziger Aufreger: Eine einsame Rauchgranate. Ihr Qualm löst sich in Luft auf; kaum jemand merkt es. Die „Sechzger“ erhalten Lob von der Polizei. Die Fans hätten ihren Ehrenkodex eingehalten.

Ein überraschendes Ergebnis
Zwei Spiele, zwei unterschiedliche Ergebnisse. Zumindest außerhalb des Spielfelds. Wie ist das möglich? Psychologinnen und Psychologen der Uni Kassel haben die friedliche Konfliktlösung von Fan-Gruppen untersucht. Prof. Dr. Heidi Möller ist Professorin für Theorie und Methodik der Beratung am Institut für Psychologie. Mit ihren wissenschaftlichen Mitarbeitern Dr. Martin Seip, Dr. Vinzenz Thalheim und Denise Hinn hat Möller die „Selbstregulationskompetenz von Fußballfans“ – so der Titel des Projekts – erforscht. Das Ergebnis überrascht: „Fußballfans können sich meist sehr gut selbst regulieren“, sagt Möller. Wenn die Umstände stimmen. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die Deutsche Fußball Liga (DFL) haben das Projekt gefördert.

Wie gelingt die Selbstregulation unter Fans? „Letztendlich hängt nicht alles von einem Akteur ab“, sagt Seip. „Das gesamte Netzwerk ist gefragt: die Fans, die Polizei, die Vereine und die Sportverbände.“

Stichwort Kommunikation
Das entscheidende Stichwort lautet Kommunikation. Alle Beteiligten müssen miteinander in Kontakt stehen, sagt Seip: „Innerhalb von und zwischen Fangruppen sollte ein Austausch stattfinden. Genauso zwischen Fans und Polizei.“ Kommunikation sei eine der wichtigsten Voraussetzungen der Selbstregulation von Fußballfans. Bereits im Vorfeld jedes Spieltags seien Gespräche zwischen allen relevanten Personen wichtig. Dazu gehören auch Fanvertreter. Die Kasseler Forscherinnen und Forscher sind sich einig: Die Fans müssen mit an den Tisch geholt werden. Sie sollten den Spieltag mitbestimmen können – welche Choreographien durchgeführt werden, welche Transportmittel Fans wann nutzen. All das muss auf Augenhöhe mit den Fans im Voraus geklärt werden.

Thalheim betont die Rolle der Sportvereine und -verbände: „Die Vereine müssen auch eingebunden werden, etwa durch Fan- und Sicherheitsbeauftragte. Diese können den Kontakt zwischen Polizei und Fans aufrecht halten“, so der Erziehungswissenschaftler. „Fanbeauftragte und Fanprojektler ,übersetzen‘ beispielsweise die Appelle der Polizei für die Fans und geben sie an diese weiter.“

Auch die Polizei selbst kann viel tun, um eine Situation zu deeskalieren. „Gut ist es, wenn die Polizei frühzeitig Kontakt zu Fanvertretern aufnimmt und Spieltage mit ihnen durchplant“, so Möller. „Außerdem ist es hilfreich, wenn Polizistinnen und Polizisten nicht gleich zu Beginn des Spieltags in voller Montur mit Helm und Schlagstock auftreten.“ Fans sehen das oft als Provokation und nutzen das Feindbild. „Gesicht zeigen hilft.“ Das baut Vertrauen auf.

Wichtig: Berechenbarkeit. „Selbstregulation beginnt an jedem Spieltag an der Haustür jedes Fans und endet dort auch“, sagt Seip. Die An- und Abfahrt der Fans muss beispielsweise im Voraus in den Blick genommen werden. Dabei sind Fan- und Vereinsvertreter, die Polizei, die Mitarbeiter des ÖPNV und des Fernverkehrs gefragt.

Fußball bedeutet Konkurrenz, nicht Rivalität
Selbstregulation greift also vor allem dann, wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Wie wirksam es ist, wenn Fans sich selbst regulieren, erklärt Martin Seip. „Leute, die zur Szene gehören, haben ein gewisses Standing. Man hört auf sie“, sagt Seip. „Wenn sie andere Fans aufrufen, keine Straftaten zu begehen, hat das eine andere Wirkung, als würde das der Stadionsprecher machen.“

Damit das klappt und Spieltage gewaltfrei ablaufen, braucht es eine neue Kultur in den Fanblocks. „Die Mehrheit der Fans ist friedlich und muss die gewaltbereite Minderheit marginalisieren“, so Möller. „Gewalt darf nicht cool sein.“ An mehreren fußballerischen Standorten lässt sich eine solche Entwicklung beobachten. „Fans akzeptieren mittlerweile oft, dass Fußball gesunde Konkurrenz und nicht Rivalität bedeutet.“ Einige Städte entwickeln sich aber in die andere Richtung. „Wir beobachten leider auch, dass sich bestimmte Fanszenen radikalisieren.“ Namen nennt sie nicht.

Gruppendiskussionen mit Fans
Wie erfahren Wissenschaftler etwas über das Innenleben von Fangruppen? Die Antwort der Kasseler Forschungsgruppe: durch Zuhören. Die Forscher haben direkt mit Fans gesprochen, ihre Aussagen zu gelungenen Szenen der Deeskalation gesammelt und nach Mustern gesucht. „Wir haben 25 Gruppendiskussionen mit Fans von Vereinen aus allen drei Bundesligen, aus der ganzen Bundesrepublik geführt“, sagt Seip. „Wir wollten lebendige Erzählungen direkt aus den Szenen.“ Leicht war das jedoch nicht. „Das Misstrauen unter den Fußballfans war erstmal groß“, so der Psychologe. Zugang zu den Fanszenen zu finden, ist für Außenstehende schwer. „Aber meinen Mitarbeitern ist es hervorragend gelungen, auf Augenhöhe mit Fans zu sprechen und gleichzeitig die Haltung des Wissenschaftlers zu wahren“, sagt Möller.

Was die Fans der Forschungsgruppe erzählten, ist vielsagend. Thalheim erinnert sich: „Einer der Fans erzählte uns von einem anderen Anhänger seines Vereins, der auf dem Heimweg vom Spiel zu viel trank und aggressiv wurde. Die Polizei wollte eingreifen.“ Doch die Fans nahmen das Problem selbst in die Hand und beruhigten ihren Mitstreiter. Die Beamten hielten sich zurück. „Ein solcher Vertrauensvorschuss der Polizei kann viel bewirken.“

„Ein kleines soziales Wunder“
Wieso bleibt die gute Arbeit bei der Selbstregulation meist unbemerkt? Jeder Fußball-Trainer weiß: Gute Abwehr-Spieler sind unauffällig. Sie haben dann Erfolg, wenn nichts Aufregendes passiert. Ähnlich ist es bei der Selbstregulation von Fans. „Es steht natürlich nicht in der Zeitung, wenn alles ruhig bleibt“, sagt Thalheim. „Die meisten Fußball-Spiele laufen friedlich ab. Das ist ein kleines soziales Wunder.“ Wie gut Selbstregulation von Fußballfans funktioniert, sei deshalb oft nicht wahrzunehmen. Öffentlichkeit und Medien sind in erster Linie an Konflikten interessiert.

Für die Kasseler Forschungsgruppe ist das kein Grund um aufzuhören. Das Thema Gewalt beim Fußball ist zu wichtig. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler arbeiten an weiteren Projekten. Derzeit geben sie ein Konflikthandbuch für Fanbeauftragte heraus. Zwischen der Universität Kassel und der Fachhochschule Potsdam gibt es außerdem ein Kooperationsprojekt: den neuen Zertifikatsstudiengang „Fan- und Zuschauermanagement.“ Er dient der Weiterbildung von hauptamtlichen Fanbeauftragten. „Je besser die Selbstregulation funktioniert, desto geringer die Kosten für alle Beteiligten“, sagt Möller. „Do hom‘s recht“, würden Münchner Polizistinnen und Polizisten sicherlich sagen.

Text: David Wüstehube