01.03.2019 | Campus-Meldung

Horn­tra­gen­de Milch­kü­he im Lauf­stall: Leit­fa­den für die Hal­tung vor­ge­legt

Rund 80 Prozent der Milchkühe in Europa, so Schätzungen, haben keine Hörner – die meisten werden als Kälber enthornt. Aspekte der Sicherheit oder Wirtschaftlichkeit werden als Gründe angeführt. Doch für die Kälber ist die Prozedur äußerst schmerzhaft. Zudem sind Hörner wichtig für das Sozialverhalten der Kühe. Agrar-Wissenschaftlerinnen der Universität Kassel haben nun einen Leitfaden vorgelegt, wie Milchkühe mit Hörnern im Laufstall erfolgreich gehalten werden können.

Bild: Paavo Blafield.
Diese Kuh durfte ihre Hörner behalten.

Der Werkzeugkasten basiert auf den Ergebnissen eines vierjährigen Forschungsprojekts der Universität Kassel gemeinsam mit Bioland- und Demeter-Beratern und 39 Praxisbetrieben.

Kriterium für eine erfolgreiche Haltung war daher in dem Projekt vor allem eine niedrige Zahl hornbedingter Hautveränderungen bei den Tieren. Denn wenn Ställe und das Herdenmanagement schlecht an die sozialen Bedürfnisse der Tiere angepasst sind, kommt es vermehrt zu Auseinandersetzungen zwischen den Tieren; das spiegelt sich bei Kühen mit Hörnern in Hautveränderungen wider, von Hautkratzern bis zu Verletzungen.

„Mögliche Probleme bezüglich vermehrter Konkurrenz und unzureichenden Ausweichmöglichkeiten in den verschiedenen Laufstallbereichen unterscheiden sich nicht grundsätzlich für Kühe mit oder ohne Horn“, erläutert Prof. Dr. Ute Knierim, Leiterin des Fachgebiets Nutztierethologie und Tierhaltung. „Aber horntragende Kühe zeigen viel deutlicher als ihre enthornten oder hornlosen Artgenossinnen, wo Schwachstellen bestehen. Der Werkzeugkasten soll dazu beitragen, die Herausforderungen der Haltung und des Herdenmanagements von Milchkühen im Laufstall, insbesondere von horntragenden Kühen, besser zu verstehen und auf dieser Grundlage das Wohl der Tiere zu steigern. Gleichzeitig wollen wir dazu beitragen, hörnertragende Rinderrassen zu erhalten.“

Anders als in vorhandenen Praxisempfehlungen zur Haltung horntragender Milchkühe gibt der vorliegende Werkzeugkasten keine starren Mindestanforderungen an Haltung und Herdenmanagement vor. Vielmehr wird praxisnah erläutert, wie ausgehend vom Tier die Situation der eigenen Herde in einem „Eigencheck“ überprüft und beurteilt werden kann. Sollte das Ergebnis unbefriedigend sein, werden Verbesserungsmöglichkeiten aufgezeigt. Milchviehbetriebe, die sich für die Haltung horntragender Milchkühe interessieren, können aber auch unabhängig vom Einsatz des Eigenchecks im Werkzeugkasten einen Überblick über Einflusskriterien des Stallbaus und des Herdenmanagements gewinnen.

Der „Werkzeugkasten für die Haltung horntragender Milchkühe im Laufstall“ wird druckfrisch auf der 15. Wissenschaftstagung Ökologischer Landbau vom 5. bis 8. März im Campus Center in Kassel kostenfrei erhältlich sein und kann unter www.uni-kassel.de/go/werkzeugkasten als Webversion kostenfrei heruntergeladen werden.

Das Projekt „Begleitung von Milchviehherden bei der Umstellung von enthornten auf behornte Tiere oder von Anbinde- auf Laufställe unter Einbeziehung von Modellbetrieben als Basis für eine qualifizierte Beratung in der Milchviehhaltung“ („Hörner im Laufstall“) und der darin entstandene Werkzeugkasten wurden durch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages im Rahmen des Bundesprogramms Ökologischer Landbau und andere Formen nachhaltiger Landwirtschaft gefördert.

Kontakt:

Dr. Julia Johns,
Universität Kassel
Fachbereich Ökologische Agrarwissenschaften
Fachgebiet Nutztierethologie und Tierhaltung
E-Mail: johns@uni-kassel.de

Prof. Dr. Ute Knierim
Universität Kassel
Fachbereich Ökologische Agrarwissenschaften
Fachgebiet Nutztierethologie und Tierhaltung
E-Mail: uknierim@uni-kassel.de