20.03.2019 | Porträts und Geschichten

Vir­tu­al Rea­li­ty: Studierende ent­wi­ckeln Com­pu­ter­spie­le

Mit dem Aufsetzen der Virtual-Reality-Brille ist es so, als würde man die Realität ab- und eine virtuelle Realität aufsetzen.

Bild: Andreas Fischer
Szene aus dem Spiel „Dead Herring“.

Doch auf welche Weise faszinieren Spiele, die für Virtual-Reality-Brillen und die passenden Controller konzipiert sind? Ist das Erlebnis wirklich besser als 3D-Kino und hat man durch die Nutzung der Controller tatsächlich das Gefühl, seine eigenen Hände zu nutzen? Ich möchte es genauer wissen und besuche den Fachbereich Elektrotechnik/Informatik, wo Studierende in einem Seminar Spiele entwickeln. Mit dem Aufsetzen der VR-Brille wächst meine Aufregung.

„Hello, my name is Mrs. Rothenstein.“ In meinem Blickfeld taucht plötzlich das Abbild einer Frau auf, die belehrend und  mit britischem Akzent, Nickelbrille und strenger Frisur einen kurzen Einblick über das Spiel gibt. Sie erklärt die Nutzung der Controller. Mein Blick schwenkt zur Seite und der zuvor dunkelgraue Hintergrund verschwindet. Ich befinde mich mitten in einer Küche und stehe wortwörtlich im Tischbein. Links von mir die Küchenzeile, geradeaus Fenster und  Heizung, rechts Küchentisch und Sofa. Die Leiche neben dem Küchentisch fällt mir erst jetzt auf. Ich bin also direkt in einen Tatort katapultiert worden. Mrs. Rothenstein (gespielt von Eva Keller) wird eingeblendet. Die Frage ist: Wie ist der Mann gestorben? Erst jetzt wird mir bewusst, wie ich die Umgebung komplett ausgeschaltet habe. Ich habe das  Gefühl, dass ich in diesem Moment direkt in dieser Küche stehe.

Als ich die VR-Brille absetze, muss ich mich erstmal neu im Raum orientieren. Das Spiel „Dead Herring“ ist das Ergebnis eines kooperativen Seminars des Fachbereichs Informatik und der Kunsthochschule und die virtuelle Realität ist so gut umgesetzt, dass der Spieler die reale Welt vergisst und in diese Welt eintaucht.

Interdisziplinäres Denken und Zusammenarbeit

Die Ideen werden von den Studierenden mitgebracht. „Die meisten muss man etwas  bremsen. Viele Studierende haben Ideen, die mit 200 Personen in über zwei Jahren realisierbar wären, jedoch nicht in den zwei Semestern“, so Simon-Lennert Raesch. Er ist  wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachgebiet Computer Science and Electrical Engineering der Universität Kassel in der Research Group Software Engineering. Raesch hat 2011 das Seminar selber besucht. Er organisiert und leitet es seit 2012, zusammen mit Hilfskräften von der Kunsthochschule.

„Das Ziel des Seminars ist es nicht, den Studierenden  tiefgreifende Skills in der Game-Entwicklung beizubringen. Uns ist viel wichtiger, dass wir interdisziplinäres Denken und Kooperation vermitteln. Einige ehemalige Teilnehmer des Seminars sagen, dass ihnen das Wissen aus dem Seminar viel hilft. Die Möglichkeit, anderen Menschen verständlich nahezubringen, wie Spielentwicklung funktioniert und was vielleicht nicht umsetzbar ist, bringt unglaublich viel“, betont Raesch. „Und dann ist es auch schön zu sehen, dass wir in diesem Jahr zwei Einreichungen für den Deutschen Computerspielpreis hatten.“

Raesch drückt mir ein iPad in die Hand und es geht direkt los. Das iOS-Spiel SHI•RO ist ein Puzzle- / Denkspiel. Viele bunte Farben und eine ruhige Melodie im Hintergrund sind meine ersten Eindrücke. Die Erklärung ist einfach, man muss Kreise und Wassertropfen in bestimmten Anordnungen miteinander verbinden. Nach jedem geschafften Teil folgt eine japanische Zeichnung mit historischen Erklärungen. Die Entwickler aus der Kunsthochschule haben die Idee von Studienreisen aus Japan  mitgebracht.

Mein Fazit: Auch ohne VR-Brille bleiben Computerspiele spannend und lassen den Alltag für den Moment in den Hintergrund rücken. Dabei ist es egal, ob es ein Geschicklichkeitsspiel ist oder nicht, als Spielender ist man für die Dauer ganz woanders.

Dieser Artikel ist erschienen in der publik 1/2019 (20.03.2019). 

 

 

Von Laura Li Stahr