17.12.2018 | Porträts und Geschichten

Wer sei­ne Ge­heim­nis­se teilt, macht sich ver­letz­lich.

Dr. Janosch Schobin forscht zur Soziologie der Freundschaft und zu sozialer Isolation. Mit uns sprach er über Freundschaft und Einsamkeit.

Bild: Uni Kassel
Dr. Janosch Schobin

Publik:  Sie haben in den letzten Jahren mit zahlreichen Medienvertretern über das Thema Freundschaft gesprochen. Das scheint heute viele Menschen zu interessieren. Warum?

Schobin:  Das Thema war nie uninteressant. Freundschaft ist etwas kulturell und historisch Universelles. In der Romantik, Mitte des 19. Jahrhunderts, spielte Freundschaft bereits eine große Rolle. Aber es stimmt, das Thema hat gerade Konjunktur. Das hängt sicherlich mit dem Aufkommen der Sozialen Medien und der Alterung der Gesellschaft zusammen. Es sind allerdings vor allem bestimmte Tage, an denen sich die Medien dafür interessieren, besonders Weihnachten, Ostern und der Tag der Freundschaft. Danach kann ich die Uhr stellen.

Publik: Sie haben die Sozialen Medien angesprochen. Welchen Einfluss haben Digitalisierung und Soziale Medien auf unsere Freundschaften?

Schobin:Besonders für junge Menschen gibt es einen neuen Zwang zur Sichtbarkeit. Freundschaften sind sichtbarer als zuvor. Man zeigt öffentlich, wem man nahe ist. Dieses Konzept ist jedoch nicht völlig neu, in der Geschichte gab es bereits Ähnliches, beispielsweise existierte so etwas schon in den höfischen Gesellschaften absolutistischer Monarchien. Im Rahmen sogenannter politischer Repräsentativfreundschaften wurde am Hof den Mächtigen, aber auch dem Volk, gezeigt, wen man politisch unterstützte. Auch in der modernen Politik gibt es solche Freundschaften, man denke an Helmut Kohl und François Mitterand. Neu ist daran, dass die Sozialen Medien dieses Phänomen demokratisiert haben. Bestimmte Praktiken der Repräsentativfreundschaft sind auf einmal für die breite Bevölkerung relevant geworden.

Publik: Unabhängig von der Digitalisierung – wie haben sich Freundschaften in den letzten Jahrzehnten verändert?

Schobin:Die Praxis der Freundschaft ist sehr alt und daher auch träge. Was sich jedoch immer wieder stark verändert, ist das öffentliche Bild von Freundschaften. Im Rahmen meiner Forschung habe ich Freundschaftsratgeber jeweils aus den 90er und den 2000er Jahren verglichen. Das Ergebnis ist interessant: In den 90ern spielte die gegenseitige Unterstützung im Beruf eine große Rolle. Später waren eher emotionale Aspekte an freundschaftlichen Beziehungen wichtig. Freundschaft hat heute zumindest im öffentlichen Diskurs wesentlich mehr mit emotionaler Fürsorge als mit materieller Unterstützung zu tun. Das spiegelt lange historische Trends wieder: Der moderne Wohlfahrtsstaat hat Freundschaften von ihren „harten“ materiellen Pflichten entlastet. Historisch und auch in vielen nichtwestlichen Kulturen übernimmt jemand, der eine Freundschaft eingeht, eine Beistandsverpflichtung. Diese Person verspricht, ihren Freund gegen Gewaltakte zu beschützen. Sie sorgt außerdem für die materielle Unterstützung in Zeiten der Not und bürgt für die andere Person.

Publik: Stichwort Wohlfahrt: In Deutschland wachsen heute soziale Ungleichheit und politische Polarisierung. Sind das Hindernisse, um Freundschaften zu schließen?

Schobin: Das sind erstmal Hindernisse, die zu sogenannten Selektionseffekten führen. Etwas vereinfacht: Gleich undGleich gesellt sich gern. Aber das ist nur eine Seite der Medaille. Wir gleichen uns auch über die Zeit unseren Freunden an. Unser Verhalten ist immer vom Verhalten anderer abhängig. Das reicht bis in kleinste Details unseres Alltags: welche Musik wir hören, welche Kleidung wir tragen. Darin beeinflussen Menschen sich gegenseitig. Soziale Praktiken erlernen wir nicht zuletzt innerhalb unserer Freundeskreise. Auch politische Meinungsbildung findet oft im Freundeskreis statt. Das ist nicht immer harmlos. Gerade Feindbilder können in bestimmten Konstellationen sehr schnell innerhalb von Freundeskreisen aufgebaut werden, die dann wiederum selektiv darauf wirken, mit wem überhaupt Freundschaften eingegangen werden können.

Publik: Was macht eine gute Freundschaft heute überhaupt aus?

Schobin:Freundschaft ist eine sehr alte soziale Beziehung, sehr vielfältig. In der westlichen Kultur lässt sich jedoch eine Art Grundmuster erkennen: Die doppelte symbolische Lebenspfandgabe. Das literarische Modell dafür ist die sogenannte pythagoreische Bürgschaft: Man hinterlässt sich selbst als Pfand für einen Freund. Der kehrt zurück und dank dieser Treue überleben beide. In der sozialen Praxis artikuliert sich dieses Modell, indem Freunde symbolische Artefakte tauschen und teilen, die für das eigene Leben stehen. Ein klassisches Beispiel dafür ist der Blutsbund. Das Blut galt schon in der Antike als Sitz der Seele. Man vermischte also seine Seelen und konsumierte sie zusammen. Heute mischt und teilt man selbstverständlich kein Blut mehr. Dafür tauscht und teilt man privilegierte Informationen. Wer seine Geheimnisse teilt, macht sich wechselseitig verletzlich und besichert so einen Bund.

Publik: Viele Menschen scheinen heute niemanden zu haben, dem sie sich anvertrauen können. Macht die Moderne uns einsam?

Schobin: Wir wissen nicht genau, wieviele Menschen heute einsam sind. Die Statistiken dazu sind einfach nicht tragfähig. Nur ein Beispiel: In Großbritannien gibt es verschiedene Studien, deren Ergebnisse sich stark unterscheiden: Eine geht von 18 Prozent einsamer Menschen in der Bevölkerung aus, eine andere von fünf Prozent. Das Problem ist: Einsamkeit ist eine komplexe, dynamische Emotion und kein einfach zu ermittelnder Zustand. Sie muss erstmal kommuniziert werden, um sie überhaupt erfassen zu können. Das ist nicht immer leicht. In Westeuropa wird Einsamkeit häufig stigmatisiert. Viele glauben: Wer einsam ist, mit dem stimme etwas nicht. Er sei selbst an seiner Lage Schuld. In Ländern, die immer noch sehr stark durch die christliche Religion geprägt sind, ist das anders. In Lateinamerika etwa. Einsamkeit wird hier oft als etwas Positives gesehen. Sie wird als Verzicht, als Prüfung und Läuterung betrachtet, weil sie viel stärker im Rahmen unterschiedlicher religiöser Schemata wie etwa der Imitatio Christi gedeutet wird. Die Äußerung von Einsamkeitsempfindungen wertet hier eine Person eher auf und stigmatisiert sie nicht.

Publik: Zurück nach Europa: Seit Beginn des Jahres gibt es in Großbritannien eine sogenannte „Ministerin für Einsamkeit“. Lässt sich das Problem Einsamkeit administrativ regeln?

Schobin: Schwierig. Politik von oben ist diesem Fall fehlgeleitet. In Gesellschaften, in denen Einsamkeit stigmatisiert wird, sehen viele den Rückzug aus der Gesellschaft als Selbstschutz. Sie wollen nicht, dass andere wissen, dass sie einsam sind. Solche Personen kann man schwer mit einer Politik, die sagt, sie seien aufgrund ihrer Einsamkeit auf Hilfe angewiesen, in die Gesellschaft zurückholen. Den Menschen, die noch dazu bereit sind, aus der Einsamkeit zurückzukehren, die etwa nur einsam sind, weil sie ihren Lebenspartner verloren haben, können dagegen eher lokale Akteure helfen. Von ganz oben kommt man da schwer ran.

„Einsamkeit als etwas Positives“

Publik:Welche wären das?

Schobin:Das wären zum Beispiel Orts- und Nachbarschaftsvereine. Sie sind in der Lage, direkt an Leute heranzutreten und kennen sie in der Regel auch gut. Auch die Kirchen, die eine 2000-jährige Erfahrung mit der positiven Deutung der Einsamkeit haben, können viel bewirken. Was wir vor allem brauchen, ist ein vernünftiges Deutungsangebot für vereinsamte Menschen. Im Christentum sah man, wie gesagt, Einsamkeit als etwas Positives. In vielen Kulturen hat Einsamkeit eine Funktion innerhalb der Gesellschaft und der Familie. Zum Beispiel wird Einsamen oft zugeschrieben, sie könnten mit verstorbenen Ahnen reden. Wichtig ist, dass Einsamkeit nicht medizinalisiert, also zu einem medizinischen Mangel gemacht und dadurch noch weiter stigmatisiert wird. Man muss die Einsamkeit akzeptieren.

Dieser Artikel ist erschienen in der publik 4/2018 (18.12.2018).