EXTRAC­TIVISM Ring­vor­le­sung 22/23: Pe­tro­lis­mus im Na­hen Os­ten

24.11.2022 in Kassel: Petrolismus im Nahen Osten (Prof. Dr. Martin Beck, Universität Kurdistan Hewlêr)

Forschungen zu so unterschiedlichen Weltregionen wie insbesondere Lateinamerika, dem Nahen Osten und Nordafrika sowie dem subsaharischen Afrika haben gezeigt, dass Erdöl und die aus ihrem Export gewonnenen Renteneinkommen überall eine hohe Prägekraft aufweisen. Allerdings nimmt diese Prägekraft je nach regionalen Kontextbedingungen durchaus unterschiedliche Formen an. Aufgrund des seit der Erdölrevolution in den frühen 1970er Jahren anfallenden Überflusses an Kohlenwasserstoffrenten auf der arabischen Golfhalbinsel ist mit dem Petrolismus ein auf Rohstoffrenten basierendes regionales System entstanden, das über die erdölproduzierenden Golfmonarchien hinaus auch den mit nur geringen oder keinen Rohstofflagerstätten  ausgestatteten Staaten des Nahen Ostens – insbesondere Ägypten, Jordanien und Libanon – seinen Stempel aufdrückt . Dabei verläuft die transnationale Rentenverteilung zwischen den ressourcenreichen, aber bevölkerungsarmen arabischen Golfstaaten und den ressourcenarmen, aber bevölkerungsreichen Ländern des Maschrik über zwei Kanäle: Budgetüberweisungen und Investitionen der arabischen Golfmonarchien (und im Falle der libanesischen Hisbollah auch Irans) in den Maschrik und Arbeitsmigration in umgekehrter Richtung.
Der Vortrag stellt sich vier Aufgaben. Erstens soll die Prägekraft der Erdölextraktion für die politische Ökonomie und die regionalen Beziehungen im Nahen Osten beleuchtet werden. Dabei gilt es zu betonen, dass durch den Petrolismus asymmetrische Interdependenzen zwischen Staaten geschaffen worden sind, die über hohe Erdölrenten verfügen, und solchen, die geringe oder keine Rohstoffe besitzen. Das System des Petrolismus hat die Herausbildung sogenannter Semi-Rentierstaaten konsolidiert, deren politische Ökonomien jenen von Erdölrentierstaaten in vielerlei Hinsicht ähneln.
Zweitens sieht sich das System des Petrolismus seit den 2010er Jahren vor große Herausforderungen gestellt. Zum einen haben regionale Ereignisse – insbesondere Verwerfungen im Zusammenhang mit dem „Arabischen Frühling“ – und globale Entwicklungen – insbesondere der Ölpreisschock 2014 – zum ersten Mal seit der Ölrevolution einen Trend weg vom Rentenüberfluss hin zur Rentenknappheit konstituiert. Angesichts der globalen Energiewende erscheint es sehr wahrscheinlich, dass dieser Trend sich mittel- bis langfristig verstärken wird.
Drittens soll dargelegt werden, dass die Golfmonarchien – insbesondere Saudi-Arabien, aber auch die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar – pro-aktiv auf die neuen Herausforderungen reagiert haben. Mit bemerkenswerten Ergebnissen warten dabei weniger die von den Golfmonarchien propagierten Strukturanpassungen und die Bemühungen um eine aktive Rolle in der globalen Energiewende auf. Vielmehr sind es neue Formen der Petro-Aggression und erfolgreiche Anpassungen im Bereich des Rent-Seeking, mit denen einige der Golfmonarchien Furore gemacht haben. Insbesondere die Effektivität der von Saudi-Arabien geführten OPEC+ soll thematisiert werden.
Der Vortrag schließt viertens mit Reflexionen, wie Forschungen zu Extraktivismus im Nahen Osten und anderen Weltregionen, die sich bisher nur in unzureichendem Maß gegenseitig gewürdigt haben, voneinander lernen könnten.

 

Aus der Reihe
Klimawandel und Rohstoffe: Risiko oder Chance?
Extractivism Ringvorlesung im Wintersemester 2022/2023

Schon jetzt ist absehbar, dass die globale Bedeutung von Rohstoffen in den kommenden Jahren weiter zunehmen wird. Anstrengungen, die Energiewende nachhaltig zu meisten und damit den Klimawandel mitzugestalten erfordern es, Rohstoffen einen besonderen Stellenwert einzuräumen. Die angestrebte Energiewende zum Zweck der nachhaltigen Klimapolitik wird hierbei die Rohstoffgrundlagen der Weltökonomie massiv verändern. Dies bedeutet nicht nur tiefe Wandlungsprozesse für die Länder des Globalen Nordens, sondern hat auch schwerwiegende Auswirkungen für viele Länder des Südens, die von Rohstoffexporten abhängen. Damit wird die bestehende Struktur des internationalen Systems und der Weltwirtschaft herausgefordert.

Die Ringvorlesung wendet sich diesem Problemkontext zu und nähert sich den Fragen zunächst aus der Perspektive Lateinamerikas und dem Maghreb. Die Beiträge fokussieren auf das Verhältnis von Rohstoffen und Klimawandel aus empirischer, regionaler und/oder theoretischer Perspektive. Sie werden dadurch verbunden, dass sie nicht nur die Risiken des Verhältnisses von Rohstoffen und Klimawandel analysieren, sondern auch Möglichkeiten und Chancen ausleuchten.

Die Ringvorlesung findet donnerstags von 18 Uhr bis 20 Uhr abwechselnd in Kassel und Marburg statt. Um an der Veranstaltung online teilzunehmen, können Sie sich HIER registrieren.

 

Programm der Ringvorlesung

27.10.2022 in Kassel: 500 Jahre Verflechtung zwischen Lateinamerika und Europa (Prof. Dr. Hans-Jürgen Burchardt, Universität Kassel)

03.11.2022 in Kassel: Amazonas, Ölreserven und das Klimamanagement von Unternehmen: Eine brasilianische Perspektive auf die Erreichbarkeit der Pariser Klimaziele (Prof. Dr. Anita Engels, Thomas Frisch, Solange Commelin; Universität Hamburg)

10.11.2022 in Marburg: Patrimonialer Kapitalismus, Rente und Entwicklung (Prof. Dr. Oliver Schlumberger, Universität Tübingen)

17.11.2022 in Kassel: Geopolitik der „Großen Transformation“ (Prof. Dr. Markus Lederer, Technische Universität Darmstadt)

24.11.2022 in Kassel: Petrolismus im Nahen Osten (Prof. Dr. Martin Beck, Universität Kurdistan Hewlêr)

01.12.2022 in Kassel: Lieferkettengesetze und Zertifizierung von Ressourcen (Prof. Dr. Lena Partzsch, Freie Universität Berlin)

08.12.2022 in Marburg: Öl und Mittelschichten in Iran (Prof. Dr. Mohammed Farzanegan, Philipps-Universität Marburg)

15.12.2022 in Kassel: Kreislaufwirtschaft, Rohstoffe und Klimawandel (Prof. Dr. Sina Leipold, Umweltforschungszentrum Leipzig)

12.01.2023 in Marburg: Alles fließt? Die Bedeutung von Wasser für den Gesellschaftsvertrag in Marokko (Dr. Annabelle Houdret, Deutsches Institut für Entwicklungspolitik, Bonn)

19.01.2023 in Kassel: Ist Lateinamerika zu reich für Entwicklung? (Dr. Hannes Warnecke-Berger / Prof. Dr. Hans-Jürgen Burchardt, Universität Kassel)

26.01.2023 in Marburg: Klimawandel und Perspektiven sozial-ökologischer Transformation (Prof. Dr. Klaus Dörre, Friedrich-Schiller-Universität Jena)

02.02.2023 in Kassel: Neues vom "Ressourcenfluch": Zur Relationalität ungleicher Entwicklung (Prof. Dr. Stephan Lessenich, Goethe-Universität Frankfurt am Main)

09.02.2022 in Marburg: 500 Jahre Verflechtung zwischen Maghreb und Europa (Prof. Dr. Rachid Ouaissa, Philipps-Universität Marburg)

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