Te­ré­zia Mo­ra

Terézia Mora in Berlin 2019 – Pressefotos zum Erscheinen ihres Romans Auf dem Seil (2019)


– Stefanie Kreuzer | Stand: April 2021 –

Grimm-Poe­tik­pro­fes­so­rin 2021: Te­ré­zia Mo­ra

Terézia Mora (*1971) erhält 2021 die Kasseler Grimm-Poetikprofessur.

Terézia Moras fiktionale Texte beeindrucken, wie bereits im Rahmen der Büchner-Preis-Verleihung (2018) herausgestellt, durch »ihre eminente Gegenwärtigkeit und lebendige Sprachkunst, die Alltagsidiom und Poesie, Drastik und Zartheit vereint.« Ihre Textwelten sind von einem Figurenpersonal bevölkert, das häufig Sonderlinge, prekäre Existenzen, moderne Nomaden, unglücklich wirkende Einzelgänger und skurrile, sympathische Fremde versammelt. Für Terézia Moras Erzählen sind anschauliche Schilderungen und visuell eindrückliche Welten charakteristisch. Ebenso treten selbstreflexive Momente und spielerisch experimentelle Elemente hervor, die die erzählten Welten mitunter ironisch brechen. Exemplarisch anzuführen sind etwa durchgestrichene Wörter, graphisch strukturierte Textanordnungen oder textlich nebeneinander platzierte simultane Erzählstränge und -perspektiven sowie damit einhergehend verschiedene individuelle Leserichtungen.

Als Prosaautorin hat Mora mittlerweile zwei Erzählungsbände und vier Romane publiziert. Nach ihrem frühen Erzählungsband Seltsame Materie (1999) und dem Roman Alle Tage (2004) folgte über die Dauer eines Jahrzehnts eine Romantrilogie, die von dem zugleich extremen und kuriosen Leben des IT-Spezialisten Darius Kopp erzählt. Die Trilogie reicht von Der einzige Mann auf dem Kontinent (2009) über Das Ungeheuer (2013) bis hin zu Auf dem Seil (2019). Der Protagonist verbringt zunächst beruflich erfolgreiche und privat glückliche Zeiten in Berlin. Als er mit dem Suizid seiner ungarischstämmigen Frau konfrontiert wird, erlebt er diesen als Schicksalsschlag. Er zieht sich aus seinem bisherigen Leben zurück und bricht in ein zielloses Nomadendasein auf. Mit der Urne seiner Frau im Gepäck macht er sich auf die Suche nach ihrer Herkunft, reist nach Ungarn und weiter durch Osteuropa. Im dritten Teil strandet er schließlich mittellos als Gelegenheitsarbeiter, Touristenführer und Pizzabäcker auf Sizilien, bevor er mit seiner schwangeren, minderjährigen Nichte zurück nach Berlin in ein neues Leben aufbricht.

So wie Darius Kopp erscheinen viele Figuren in Moras Texten als schrullige Charaktere, die sich mehr oder weniger in ihrem Leben behaupten oder dieses gar – wie Darius’ Frau Flora – nicht mehr ertragen können. Anzuführen wäre etwa Abel Nehma, der Protagonist aus Alle Tage oder die Hauptfiguren der titelgebenden Erzählung aus der Sammlung Die Liebe unter Aliens (2015). Terézia Moras Erzählweise ist handlungsreich, bedient sich ganz unterschiedlicher Sujets – vom akademisch geprägten Leben eines japanologischen Professors im Ruhestand bis hin zur Schilderung widersprüchlicher Gefühle während einer Vergewaltigung – und wartet sprachlich mit einem großen Spektrum heterogener Töne und Stillagen auf.

Vor der Kasseler Grimm-Poetikprofessur hat Mora 2006/07 gemeinsam mit Péter Esterházy die Tübinger sowie 2013/14 die Frankfurter Poetik-Dozentur innegehabt. 2014 hat sie die Salzburger Stefan-Zweig-Poetikvorlesung gehalten.


GPP-Ver­an­stal­tungs­rei­he mit Te­ré­zia Mo­ra (So­Se 2021)

Die öffentlichen Veranstaltungen der Grimm-Poetikprofessur (Antrittsvorlesung, Lesung/Filmporträt, Poetik-Seminar) werden voraussichtlich zwischen dem 8. und 10. Juni 2021 in Online-Formaten stattfinden.

Für das mutmaßlich digitale Format der Antrittsvorlesung mit dem Titel »Agoraphobiker auf Aussichtsplattformen« sind ein (asynchoner) Filmstream sowie ein (synchrones) Zoom-Meeting anvisiert.

Statt einer Lesung ist die (Online-)Premiere eines filmischen Porträts von, mit und über Terézia Mora geplant. Im Anschluss werden in einem (Online-)Plenumsgespräch die Autorin, der Filmregisseur Prof. Thomas Henke, die Initiatorin Prof. Dr. Stefanie Kreuzer und weitere am Filmprojekt Beteiligte mit Terézia Mora sprechen, über den Film berichten und mit einem interessierten Publikum in Dialog treten.

Das Poetik-Seminar wird im Rahmen des von Prof Dr. Stefanie Kreuzer geleiteten GPP-Begleitseminars »Terézia Mora – Grimm Poetikprofessorin 2021« hochschulöffentlich (mit begrenzter TeilnehmerInnenzahl) stattfinden. Aktuell geplant ist es für Donnerstag, den 10. Juni 2021, von 12 bis 14 Uhr.

Prei­se und Aus­zeich­nun­gen (Aus­wahl)

  • 1999: Ingeborg-Bachmann-Preis für die Erzählung Der Fall Ophelia aus dem Prosaband Seltsame Materie (1999)
  • 2000: Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis
  • 2004: Förderpreis zum Kunstpreis der Akademie der Künste (Berlin)
  • 2004: (Belletristik-)Preis der Leipziger Buchmesse für den Roman Alle Tage (2004)
  • 2005: Preis der LiteraTour Nord
  • 2006: Villa Massimo-Stipendium
  • 2006/2007: Tübinger Poetik-Dozentur zusammen mit Péter Esterházy
  • 2007: Franz-Nabl-Preis
  • 2010: Adelbert-von-Chamisso-Preis
  • 2010 Erich-Fried-Preis
  • 2011: Übersetzerpreis der Kunststiftung NRW für ihr Lebenswerk sowie die Übersetzung (2010) von Péter Esterházys Ein Produktionsroman (Zwei Produktionsromane) (1979) aus dem Ungarischen
  • 2013: Deutscher Buchpreis für den Roman Das Ungeheuer (2013)
  • 2013/2014: Frankfurter Poetik-Dozentur
  • 2014: Salzburger Stefan-Zweig-Poetikvorlesung
  • 2017: Bremer Literaturpreis für Die Liebe unter Aliens (2016)
  • 2017: Preis der Literaturhäuser
  • 2017: Solothurner Literaturpreis
  • 2018: Georg-Büchner-Preis