Er­fah­rungs­be­rich­te

Er­fah­rungs­be­richt des Mo­nats: Ein Se­mes­ter Al­pen­pan­ora­ma - Eras­mus in Tri­ent

Vorbereitung

Die Idee eine gewisse Zeit im Ausland zu verbringen, hatte ich bereits seit dem Abitur. Allerdings war der Zeitpunkt nie passend, das Geld zu knapp oder einfach die Angst zu Versagen zu groß. Zu Beginn des Masters entschied ich, dass ich diesen lang gehegten Wunsch nun auf jeden Fall in die Tat umsetzen muss.

 

Zunächst habe ich mich auf der Homepage des Fachbereichs über das allgemeine Vorgehen bzw. das Bewerbungsverfahren informiert. Die Informationsveranstaltung des Fachbereichs 7 erwies sich als hilfreich und motivierend. Für mich war klar, dass nur ein Semester im europäischen Ausland in Frage kommt. Der Grund: die Organisation und vor allem die Finanzierung eines Auslandssemesters über das ERASMUS+ Programm ist um einiges unkomplizierter, als beispielsweise ein Semester in den USA oder Australien. Außerdem wollte ich unbedingt in einem Land leben, wo ich zumindest eine Idee von der Sprache habe und welches nicht englischsprachig ist. Daher fiel mir die Auswahl mit 3 Jahren Schulitalienisch und meiner Berufserfahrung bei einem italienischen Pasta-Hersteller ziemlich leicht. Die passende Stadt in Italien wählte ich anhand des erforderlichen Sprachlevels und der zur Verfügung stehenden englischsprachigen Kurse aus. Letztlich überzeugte mich Trient aber auch durch seine Lage nahe den Dolomiten.

 

Um meine Italienischkenntnisse etwas aufzufrischen, gab ich bei der Anmeldung an, dass ich gern online über das OHL Programm Zugang zu einem kostenlosen Sprachkurs wünschte. Hier konnte ich mich jederzeit einloggen und anhand meines Levels Vokabeln, Grammatik oder Kommunikation trainieren. An der Università degli Studi di Trento bewarb ich mich zu dem für einen Intensivkurs vor Beginn des eigentlichen Semesters (nach erfolgreichem Abschluss erhält man 3 Credits).

 

Da ich keine Zeit hatte mich privat auf Wohnungssuche zu begeben, bewarb ich mich mit wenigen Klicks um die Aufnahme im Studentenwohnheim des mit der Universität kooperierenden Anbieters Opera Universitaria. Weiterhin bewarb ich mich um die Teilnahme am Buddy-Programm. Das bedeutet, dass mir gerade in den ersten Tagen ein einheimischer Student als Ansprechpartner zu Seite gestellt wird und mir hilft mich zurecht zu finden.

 

Durch Zufall lernte ich während der Vorbereitungen eine ehemalige Teilnehmerin des internationalen EBS-Programms kennen. Im Rahmen dieses Masterprogramms verbringen die Studenten unter anderem auch ein Semester in Trient (und eines in Kassel). Sie gab mir ein paar hilfreiche Tipps. Zum Beispiel, dass es über den Anbieter des Studentenwohnheims möglich ist das ganze Semester kostenfrei ein „eigenes“ Fahrrad zu erhalten. Die Fahrräder sind aber sehr beliebt und man müsse sich sehr schnell bei Alloggi Office melden, bevor das Kontingent aufgebraucht ist.

 

 

Anreise

Trient, oder auf Italienisch, Trento liegt ca. 800 km von Kassel entfernt. Meiner Ansicht nach habe ich mich für die entspannteste Anreisemöglichkeit entschieden. Mit dem Zug fuhr ich nach München und von dort mit dem Euro City direkt nach Trient. Die Reise dauerte 8,5 Stunden. Allerdings vergehen diese bei der Betrachtung der wunderbaren Berglandschaft wie im Flug. Ein großer Vorteil war die fehlende Gepäckbeschränkung (außer, „nicht mehr als ich tragen kann“). Außerdem sind die nächsten Flughäfen von Trient aus alle mindestens 2 Stunden entfernt (Mailand, Bergamo oder Venedig (Treviso)) und von dort hätte man mit dem Flixbus oder dem Zug nach Trient weiterreisen müssen.

 

Mein Buddy hatte mir glücklicherweise angeboten mich am Bahnhof von Trient abzuholen und mich und mein Gepäck von dort zum Studentenwohnheim zu fahren. Das war wirklich sehr hilfreich, da der Bahnhof und das Wohnheim an entgegen gesetzten Enden der Stadt liegen.

 

Unterkunft

Über den Anbieter Opera Universitaria erhielt ich ein Zimmer im Studentenwohnheim San Bartalomeo. Dieses Wohnheim liegt auf der Via Malpensada ungefähr 5 km von der Universität entfernt. Allerdings fahren regelmäßig Busse in die Stadt. Das Wohnheim ist eine Anlage mit mehreren Gebäudeblöcken. Einige Blöcke sind noch ziemlich neu. Hier sind die Zimmer angemessen groß, genügend Stauraum ist gegeben und ein eigenes Bad mit Dusche und WC ist vorhanden. Highlight ist der Zugang zu einem eigenen oder geteilten Balkon, den jedes Zimmer bietet. Glücklicherweise lag mein Zimmer in einem solchen Block. Ich hatte ein Einzelzimmer, welches monatlich 330€ Miete kostete. Handtücher sowie Bettzeug waren vorhanden und konnten alle 10 Tage kostenfrei gegen frische Wäsche ausgetauscht werden.

 

Pro Flur stehen 1-2 Küchen zur Verfügung, an die ein Aufenthaltsraum zum Speisen angeschlossen ist. In meiner Küche sollten 28 Personen kochen und essen. Zwar waren zwei Herde, zwei Mikrowellen und zwei Spülbecken vorhanden, aber die Küchengröße an sich ließ es kaum zu, dass sich dort mehr als 3 Leute zeitgleich aufhalten. Einen Backofen gab es leider nicht. In der Woche wurde täglich geputzt, dennoch war es meistens super chaotisch, laut und dreckig. Jedem stand gerade mal ein halbes Kühlschrankfach zu und Geschirr und sonstige Küchenutensilien waren entweder privat oder standen tagelang dreckig herum. Vorteilhaft war dafür aber der abschließbare Schrank, der jedem zur Verfügung stand, wo man seine Vorräte und seine eigenen Utensilien aufbewahren konnte.

 

Wir hatten noch einen anderen Aufenthaltsraum, der mit Sofas und Tischen ausgestattet war und wo man sich ggf. auch mal zum Lernen aufhalten konnte. Häufig war dieser Raum, aber auch nur wegen des WLANs eine wichtige Anlaufstelle. Auf den Zimmern gibt es nämlich meist kein WLAN, aber mit einem LAN Kabel für seinen Rechner kann man auch auf dem Zimmer im Netz surfen.

 

Allerdings gibt es auch ältere Gebäude, die bei gleichem Preis wesentlich kleinere Zimmer bieten. Außerdem sind die Küchen noch schlechter ausgestattet und Mitstudenten berichteten von Problemen mit Ameisen. Dies wird vom Anbieter aber ernst genommen und bekämpft. Der Zustand und die Ausstattung generell hängen auch sehr stark vom Block, Stockwerk und den Mitbewohnern ab.

Wichtig ist auch, dass der Anbieter Opera Universitaria noch weitere Unterkünfte anbietet. Manche Studenten werden auch in WGs im Stadtzentrum untergebracht, obwohl sie sich ebenso fürs Wohnheim beworben haben. Diese Auswahl erfolgt aber willkürlich und ohne Einbeziehung der Studentenwünsche. Weiterhin kann man sich zwar für ein Einzelzimmer bewerben, aber es ist nicht sicher, dass man dieses auch erhält. Etwas befremdlich waren für mich auch die Regeln im Studentenwohnheim. Jeglicher Besuch muss angemeldet werden und Übernachtungsgäste sind komplett verboten. Außerdem gibt es jeden Monat eine Zimmerkontrolle um die Sauberkeit zu überprüfen.

 

Da das Wohnheim etwas außerhalb des Stadtzentrums liegt, wird versucht den Studenten dennoch Entertainment zu bieten. Im angeschlossenen Theater finden immer mal wieder Veranstaltungen und Konzerte statt. Auch ein Fitnessstudio und eine Sporthalle mit Kletterwand stehen im Rahmen der Uni-Sport-Mitgliedschaft zur Verfügung. Außerdem werden manchmal von den Studenten Feiern organisiert.

 

Alles in allem, denke ich, dass ich ziemlich Glück gehabt habe mit meinem Zimmer. Allerdings würde ich mich nicht noch einmal für diese Unterbringung entscheiden und würde anderen empfehlen sich eine WG im Zentrum zu suchen.

 

Studium

Das Studium an der Università degli Studi di Trento war ganz anders als ich es aus Deutschland gewohnt bin. Aufgrund der Auflagen in meinem Studiengang besuchte ich drei Bachelor- und nur einen Masterkurs. Mir fiel auf, dass hier die Vorlesung häufig anhand der persönlichen Interessen der Dozenten strukturiert war. Den Klausuren hingegen lagen meist ein bis drei Standartwerke mit mehreren hundert Seiten zu Grunde. Diese Art des Lernens fiel mir ziemlich schwer, zumal ich größtenteils VWL-lastige Kurse besuchte, wo Erklärungen durch die Dozenten sehr hilfreich gewesen wären.

 

In nur einem Kurs musste ich eine Hausarbeit schreiben. Der Masterkurs erforderte eine 20 minutige Gruppenpräsentation sowie eine Klausur. Ansonsten schrieb ich noch 2 Klausuren. Inhaltlich gefielen mir insbesondere die Kurse „Europe in Global Economy“ und „International Corporate Strategy. Dadurch habe ich einen neuen Blickwinkel auf Deutschland als europäischen Player erhalten und mich mehr damit beschäftigt welche Anforderungen eigentlich an Multinational Enterprises gerichtet werden.

 

Alltag

Zuhause hat man neben ihrem Studium noch andere Verpflichtungen und Verantwortungen (z.B.: Nebenjob, Ehrenämter etc.). In Trient gab es dagegen nur das Studium und ansonsten war ich völlig ungebunden. Die Zeit, die nicht zum Studieren benötigt wurde, war Freizeit, die zum Entdecken der Stadt, zum kulturellen Austausch und zum Reisen genutzt wurde. Da Trient keine Großstadt ist, war das Team des Studentennetzwerks (ESN) ständig damit beschäftigt Events, Partys und sonstige Veranstaltungen für uns internationale Studenten zu organisieren. So gab es einen mehrtägigen Trip in die Toskana, ein Pizza-Back-Event, eine Welcome-Party, einen Pupcrawl oder einen Tagesausflug ins nahe gelegene Innsbruck, um nur einige zu nennen. Besonders gut gefiel mir persönlich auch das Tandem Cafè, welches ich gern am Montagabend besuchte. Hierbei gibt es pro Tisch einen Native Speaker der als sogenannter Table-Keeper fungiert. Alle anderen, die diese Sprache üben möchten, setzen sich einfach an den Tisch, lernen einander sowie die Sprache und Kultur des Landes anhand von kleinen Spielen kennen. Haben alle ein entsprechend gutes Sprachlevel, kann sich auch einfach in der Sprache unterhalten werden.

Auch die Buddys waren super hilfreich. Mein Buddy zeigte mir die beste Pizzeria der Stadt und gab mir auch sonst viele nützliche Restaurant, Bar und Unternehmungstipps.

 

Mit den neugewonnenen Freunden konnte man sich aber auch spontan auf einen Aperitivo nach der Uni treffen (sehr italienisch!). Ich unternahm auch gerne Tagestrips mit meinen Freundinnen. Die Bahntickets sind sehr günstig und Verona, Venedig, Padova, Bozen oder Bologna sind maximal 3,5 Stunden entfernt.

 

Alltag wie man ihn von daheim kennt, kam erst auf, als die Klausuren näher rückten und man sich von den sozialen Möglichkeiten etwas abschotten musste. Da blieb man dann im Wohnheim und außer gemeinsamem Kochen oder hin und wieder einem Filmabend war, stand Lernen auf dem Programm.

 

Fazit

Ich hatte eine wunderbare Zeit in Italien, die ich um keinen Preis missen möchte. Hierbei habe ich mich selbst und meine Kultur besser kennengelernt. Darüber hinaus habe ich aber auch viele sehr verschiedene Menschen aus anderen Ländern und Kulturen kennen und schätzen gelernt. Es ist faszinierend wie verschieden wir alle waren und wie gut wir dennoch harmoniert haben. Ich habe das Gefühl die Welt jetzt ein Stückchen besser zu verstehen und auch andere, als nur die „deutsche“ Perspektive auf internationale Probleme in Betracht zu ziehen. Ich denke, dass mich diese Zeit wirklich nachhaltig verändert hat und wünsche mir, dass auch künftig viele Studenten diese Erfahrung machen dürfen.