Die­ter Kühn

Dieter Kühn erhielt als erster Schriftsteller die an der Gesamthochschule Kassel (GhK) neu geschaffene Brüder-Grimm-Professur. Er eröffnete seine öffentliche Vorlesungsreihe in Kassel am Donnerstag, dem 23. Mai, und sprach in den folgenden Tagen insgesamt fünfmal anhand seiner Arbeit am Parzival des Wolfram
von Eschenbach über individuelle Poetik. Dabei stellte er zugleich seine eigene Schreib- und Produktionsweise zur Diskussion. Für die Studierenden der GhK richtete Dieter Kühn außerdem eine Schreibwerkstatt zum Thema "Trennung" ein.

Im vorangegangenen Jahr hatte die Gesamthochschule beschlossen, im Sommersemester 1985 erstmalig eine Brüder-Grimm-Gastprofessur einzurichten und an einen Schriftsteller zu vergeben.

Veranstaltungsplakat: Dieter Kühn

Damit wollte und will die Universität nicht nur einen Beitrag zum Brüder-Grimm-Jahr 1985 leisten - immerhin konzipierten und verfassten die Grimms einen großen Teil ihres Werkes in Kassel - sondern auf Dauer eine Begegnungsmöglichkeit von Wissenschaft und Literatur eröffnen. Die Namensgebung soll die Professur deshalb auch nicht eingrenzen, sondern ganz im Sinne des ungewöhnlich weit gespannten Grimm’schen Werks offenhalten für Grenzüberschreitungen. Grenzgängerei soll ermöglicht werden: zwischen Überlieferung und Gegenwart, Literatur und Wissenschaft, Praxis und Intellekt, Produktion und Kritik - und dies über das Spektrum der Fächer und Medien des literarischen Metiers hinweg. Das Bemühen, sich ausgrenzende und zunehmend verständnislos gegenüberstehende Kulturwelten überschreiten zu helfen, sollte in einer Gesamthochschule am richtigen Ort sein. Auch die Einrichtung einer Schreibwerkstatt und damit die Einbeziehung ästhetischer Praxis unterscheidet die Brüder-Grimm-Professur der GhK von Poetik-Dozenturen an einigen anderen Universitäten. Mit Dr. Dieter Kühn haben der Präsident und der Fachbereich Germanistik für die Professur einen Autor gewonnen, dessen Arbeit durch spielerisch-experimentelle Schreibweisen und ein ungewöhnliches Spektrum von Themen charakterisierbar ist. Als bei Kritik und Lesern erfolgreichstes Werk gilt sein 1977 erschienenes Buch "Ich Wolkenstein. Eine Biographie", in dem er das Leben Oswald von Wolkensteins rekonstruiert, der als Dichter, Komponist und Sänger zu den bedeutendsten Künstlern zwischen Mittelalter und Renaissance zählt: wissenschaftlich fundiert, aber erzählend dem Leser Bereiche erschließend, die traditioneller Geschichtsschreibung unerreichbar sind.

Dieter Kühn, 1935 geboren und in Bayern aufgewachsen, studierte Germanistik und Anglistik in Freiburg, München und Bonn. 1964 promovierte er mit einer Arbeit über Robert Musils Roman "Der Mann ohne Eigenschaften". Nach kurzer Tätigkeit als Redakteur lebt er seit 1965 mit seiner Frau und zwei Kindern als freier Autor in Düren. Kühn ist Mitglied des PEN-Club der Bundesrepublik Deutschland und wurde für sein literarisches Werk mehrfach mit Preisen ausgezeichnet. Die erste Veranstaltung mit Dieter Kühn eröffnete GhK-Präsident Prof. Dr. Franz Neumann und der Dekan des Fachbereichs Germanistik, Prof. Dr. Anselm Maler, am 23. Mai (im Hörsaal des Kunstbereichs, in der Menzelstraße).

Prei­se und Aus­zeich­nun­gen (Aus­wahl):

  • 1972 Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen für Literatur
  • 1974 Georg-Mackensen-Literaturpreis
  • 1975 Hörspielpreis der Kriegsblinden
  • 1977 Hermann-Hesse-Preis
  • 1980/1981 Stadtschreiber von Bergen
  • 1989 Großer Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste
  • 1993 Mainzer Stadtschreiber Literaturpreis des ZDF und der Stadt Mainz
  • 2014 Carl-Zuckmayer-Medaille