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01.07.2016 08:27

Kasseler Grimm-Forscher lüftet das Geheimnis der „Aschenputtel“-Erzählerin

Ende eines literaturhistorischen Rätsels: Der Kasseler Grimm-Forscher Prof. Dr. Holger Ehrhardt hat die Frau identifiziert, die die Erzählung „Aschenputtel“ zur Märchensammlung der Brüder Grimm beigesteuert hat. Es handelt sich um eine Marburger Kleinbürgerin, die 1814 verarmt und kinderlos in einem Siechenhaus starb. Die Entdeckung eröffnet auch neue Perspektiven für die Forschung zu den Grimmschen Märchen.

Der aus Marburg stammende Maler Otto Ubbelohde hat mit seinen Illustrationen zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm die Marburger Umgebung mit den Märchen der Brüder Grimm in Verbindung gebracht. Ohne es zu wissen, hat er auf einer Marburger Stadtansicht das Haus der Märchenfrau Elisabeth Schellenberg abgebildet. Es befindet sich am linken Rand.

Prof. Dr. Holger Ehrhardt hat das "Aschenputtel"-Rätsel gelöst. Fotos: Uni Kassel

Ehrhardt, der eine Professur an der Universität Kassel innehat, veröffentlicht seine Ergebnisse im jetzt erschienen Band „Die Marburger Märchenfrau oder Aufhellungen eines nicht einmal Vermutungen erlaubenden Dunkels“. Demnach trug die Frau den Namen Elisabeth Schellenberg. Sie wurde 1746 als uneheliches Kind geboren, blieb ehe- und kinderlos und verbrachte ihre letzten Lebensjahre als Pfründnerin (dauerhafte Bewohnerin) im Siechenhaus St. Jost unterhalb des ehemaligen Weidenhäuser Tores. Zuvor hatte sie in einem Haus an der Mühltreppe eingangs der Altstadt gewohnt.

Wilhelm Grimm hatte die beiden Geschichten Aschenputtel und Der goldene Vogel 1810 von einer Marburgerin erzählen und aufschreiben lassen. Die Empfehlung dazu kam von Clemens Brentano, der die alte Frau als Erzählerin kennengelernt hatte – so viel war schon bisher Stand des Wissens. Während jedoch die Namen anderer Quellen der Grimmschen Erzählungen seit langem bekannt sind, blieb die Identität der mysteriösen „Marburger Märchenfrau“ bis heute ein Rätsel. Ehrhardt ging nun bei seiner detektivischen Kleinarbeit von Hinweisen aus Briefen Wilhelm Grimms an seinen Bruder Jacob aus und verglich diese mit Tauf- und Sterberegistern Marburger Kirchen, Bewohnerlisten und Rechnungsbüchern der Armenhospitäler sowie weiteren Dokumenten.

Brüder Grimm fügten französische Erzählzüge selbst hinzu

„Nach Auswertung aller Dokumente kommt nur diese Frau namens Elisabeth Schellenberg in Frage“, bekräftigt Ehrhardt. „Die Identifizierung war bislang auch deswegen nicht gelungen, weil Elisabeth Schellenbergs Cousine dies noch zu ihren Lebzeiten erschwerte. Sie verschleierte gegenüber den Grimms Elisabeths Rolle als Erzählerin, möglicherweise wegen ihrer unehelichen Geburt.“ Hinzu kamen fehlerhafte Einträge in den 200 Jahre alten Registern und falsche Annahmen der Forschung. „Für die Grimm-Forschung ist es von großer Bedeutung, wenn nun die Quelle von Aschenputtel und Der Goldene Vogel bekannt ist“, so Ehrhardt, der in seinem Band auch die Vita Elisabeth Schellenbergs rekonstruiert. „Die Lebensumstände legen beispielsweise nahe, dass sie keinen Zugang zu Literatur und kaum Kontakt zu französischen Überlieferungen hatte.“ Das stütze einen Befund, den auch eine genaue Analyse der Texte liefere: „Die Brüder Grimm haben Züge aus französischen Überlieferungen oder aus Buchmärchen selbst zu diesen Erzählungen hinzugefügt“, so Ehrhardt. „Diese Erkenntnisse stehen gegen eine in den letzten Jahrzehnten in der Grimm-Forschung populär gewordene Auffassung, wonach den Brüdern Grimm literarische beziehungsweise außerdeutsche Einflüsse nicht bewusst gewesen seien.“

„Aschenputtel“ zählt zu den bekanntesten und beliebtesten der Grimmschen Märchen. Ebenso wie „Der Goldene Vogel“ war es bereits Bestandteil des ersten Bandes und der ersten Auflage der Kinder- und Hausmärchen. Jacob und Wilhelm Grimm sammelten und veröffentlichten die Erzählungen in ihrer Zeit in Kassel; das nahe gelegene Marburg war ihnen aber aus ihrer gemeinsamen Studienzeit vertraut.

Stadt und Universität Kassel haben sich in den vergangenen Jahren als ein Zentrum der internationalen Grimm-Forschung etabliert. So gibt es an der Universität Kassel seit 2012 eine Stiftungsprofessur zu Werk und Wirkung der Brüder Grimm, die Prof. Dr. Holger Ehrhardt innehat. Es ist die einzige Professur in Deutschland, die sich ausschließlich den Sprachkundlern und Märchensammlern widmet.

Bild 1: Von Elisabeth Schellenberg sind keine Bildnisse überliefert. Ein Foto (Foto: Ehrhardt) ihres ehemaligen Wohnhauses an der Mühltreppe, das noch steht, finden Sie unter
www.uni-kassel.de/uni/fileadmin/datas/uni/presse/anhaenge/2016/Schellenberg2.jpg
Bild 2: Der aus Marburg stammende Maler Otto Ubbelohde hat mit seinen Illustrationen zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm die Marburger Umgebung mit den Märchen der Brüder Grimm in Verbindung gebracht. Ohne es zu wissen, hat er auf einer Marburger Stadtansicht das Haus der Märchenfrau Elisabeth Schellenberg abgebildet. Es befindet sich am linken Rand. Bild unter: www.uni-kassel.de/uni/fileadmin/datas/uni/presse/anhaenge/2016/M%C3%BChltreppe.jpg
Bild 3: Ein Foto von Prof. Dr. Holger Ehrhardt erhalten Redaktionen auf Anfrage bei der Pressestelle der Uni: presse@uni-kassel.de

Holger Ehrhardt: Die Marburger Märchenfrau oder Aufhellungen eines „nicht einmal Vermutungen erlaubenden Dunkels“ (2016). Verlag Boxan, Kassel.

Kontakt:
Prof. Dr. Holger Ehrhardt
Universität Kassel
Institut für Germanistik
Tel.: 0561 804- 7455
E-Mail: holger.ehrhardt@uni-kassel.de