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SOZIALE ARBEIT IM SCHULISCHEN KONTEXT

Zur (Nicht-)Zuständigkeit, (Ohn-)Macht und (De-)Professionalisierung in multiprofessionellen Kooperationen

Die Geschichte pädagogischer Professionen und ihrer Institutionen lässt sich stets im Kontext gesellschaftlicher Verhältnisse lesen. Neben den seit den 1980er Jahren stattfindenden Transformationsprozessen des deutschen Wohlfahrtsstaats wird die Profession Soziale Arbeit zunehmend durch das aus einer Diversifizierung pädagogischer Felder resultierende Erfordernis multiprofessioneller Kooperationen herausgefordert.

Seit gut 15 Jahren kommt dabei dem Verhältnis Sozialer Arbeit zur Institution Schule besondere Aufmerksamkeit zu: Im Zuge des Ausbaus von Ganztagsschulen in Deutschland und in jüngerer Zeit bedingt durch den an die UN-Behindertenrechtskonvention anschließenden Auftrag einer inklusiven (Neu-)Gestaltung des Bildungswesens ist eine „Öffnung von Schule“ zu konstatieren, die auf professioneller Ebene auch dazu geführt hat, dass vor allem Sozialpädagog*innen und Sozialarbeiter*innen vermehrt (die inklusive Ganztags-)Schule als Handlungsfeld einnehmen konnten bzw. für Schule als zuständig erklärt werden. Festzuhalten ist insofern, dass Schule in den letzten anderthalb Dekaden einen immensen Bedeutungszuwachs für Soziale Arbeit erfahren hat, der unter der – seit den 1970er Jahren immer wieder aktualisierten und partiell neu akzentuierten – Perspektive einer „Sozialpädagogisierung von Schule“ verhandelt wird.

Die Notwendigkeit einer solchen „Sozialpädagogisierung von Schule“ wird maßgeblich mit sich verändernden familiären und gesellschaftlichen Bedingungen des Aufwachsens von Kindern und Jugendlichen begründet. Dieser Wandel beeinflusse die Institution Schule insbesondere in ihren – sich ebenfalls in der Ausgestaltung wandelnden – Funktionen der kulturellen Reproduktion und der Qualifikation, aber auch in denen der Allokation (bzw. Selektion) sowie der Integration und Legitimation, wenn auch Funktionen die Gestalt des Pädagogischen nicht allein (er-)klären können: Während aus schulpädagogischer Perspektive die Notwendigkeit Sozialer Arbeit an Schulen eher damit begründet wird, dass Soziale Arbeit als auf einzelne Schüler*innen bezogene Unterstützungsleistung zur Gewährleistung der Funktionstüchtigkeit von Schule beitragen könne, wird aus sozialpädagogischer Sicht – eben vor dem Hintergrund veränderter Bedingungen des Aufwachsens von Kindern und Jugendlichen – vor allem die Notwendigkeit einer umfassenden Bildung betont, die nur durch eine zu intensivierende Kooperation von Schule und Sozialer Arbeit ermöglicht werden könne.

Durch die im schulischen Kontext immer mehr zum Alltag werdende multiprofessionelle Kooperation, die allgemein als Akt der Zusammenarbeit von mindestens zwei Akteur*innen verschiedener Professionen zu fassen ist, werden Regel- und Förderschullehrkräfte sowie sozialpädagogische Akteur*innen dahingehend herausgefordert, sich – wechselseitig – bezüglich ihrer (möglichen) Zuständigkeiten, d.h. vor allem hinsichtlich ihrer Aufgaben- und Tätigkeitsbereiche als auch damit verbundener professioneller (Selbst-)Verständnisse, zu vergewissern. Somit kann multiprofessionelle Kooperation, entgegen einer im Diskurs dominierenden positiven Konturierung berufsgruppenübergreifender Zusammenarbeit als optimierter Handlungspraxis, auch als ein machtvolles, durch Konkurrenz geprägtes Gefüge erfahren bzw. entworfen werden, in dem Zuständigkeiten aushandlungsbedürftig erscheinen und auch irritiert oder abgesprochen werden können. Vor diesem Hintergrund ist es das Anliegen der Tagung, sich mit drei bisher im Diskurs zu multiprofessioneller Kooperation eher nachrangig thematisierten, interdependenten Fragen auseinanderzusetzen:

(1) Mit der Frage der (Nicht-)Zuständigkeit, durch die Rollenkonflikte und -gewissheiten in den Blick gerückt werden,

(2) mit der Frage der (Ohn-)Macht, die es ermöglicht, Machtasymmetrien und Handlungsmächtigkeiten zu erörtern und

(3) mit der Frage der (De-)Professionalisierung, anhand der mögliche Professionalisierungsbedarfe und -risiken fokussiert werden.

Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen soll im Rahmen der Tagung sowohl in theoretisch-systematisierender als auch in sich empirisch vergewissernder Absicht erfolgen; zu jeder Frage sind insgesamt drei Vorträge vorgesehen, jeweils ein theoretisch-systematisierender Vortrag und zwei stärker empirisch orientierte Vorträge.