Technische Elektronik

Prof. Dr. Hartmut Hillmer

Universität Kassel
Fachbereich 16 Elektrotechnik/Informatik
Institut für Nanostrukturtechnologie und Analytik
Heinrich-Plett-Str. 40 
34132 Kassel

+49 561 804-4485
+49 561 804-4488
hillmer(at)ina.uni-kassel.de


PD Dr. Martin Bartels

Universität Kassel
Fachbereich 16 Elektrotechnik/Informatik
Institut für Nanostrukturtechnologie und Analytik
Heinrich-Plett-Str. 40 
34132 Kassel

+49 561 804-4470
+49 561 804-4488
mbartels(at)ina.uni-kassel.de


Auf der Suche nach dem Licht von morgen

Molekularstrahlepitaxie-Anlage
Molekularstrahlepitaxie-Anlage zur Herstellung kristalliner anorganischer Halbleiter-Materialien mit Schichtdicken im Nanometer-Bereich.
INA-Logo

Für Hartmut Hillmer ist das Institut für Nanostrukturtechnologie und Analytik ein Zentrum für Forschung, Technologietransfer und Ausgründungsprojekte.

 

400 Quadratmeter Reinraum der europäischen Spitzenklasse

Wenn von 2011 an eine neue Generation von Herstellungstechniken für Computerchips die Informationstechnik revolutioniert, wenn Fenster künftig das Tageslicht stets genau an jene Stelle in den Raum hinein spiegeln, wo es benötigt wird, oder wenn gesundheitsbewusste Menschen zur Diagnose bestimmter Stoffwechselvorgänge demnächst in einen „Nano-Sensor“ blasen, statt sich einer Blutentnahme zu unterziehen, dann wird der Kasseler Elektrotechniker Hartmut Hillmer seinen Anteil daran haben. Er gehört dem CINSaT (Center for Interdisciplinary Nanostructure Science and Technology) an und ist einer der beiden Direktoren des INA, das sich kürzlich umbenannt hat. Aus dem Institut für Mikrostrukturtechnologie und Analytik (IMA) wurde das Institut für Nanostrukturtechnologie und Analytik (INA). Der Namenswechsel zeigt, worum es im Institut schon seit einigen Jahren geht: Die Nanotechnologie und die Weiterentwicklung der Mikrosystemtechnik in den Nanokosmos.

Das INA ist ein „Inkubationszentrum“. Es ist neben einem Forschungszentrum auch ein Technologietransfer-, Gründer-, und Entwicklungszentrum. Das INA erforscht und entwickelt nicht nur Materialien für die Nanowelt, es schafft auch die Werkzeuge, um Nano-Strukturen und -Komponenten zu bauen, und es konstruiert und fertigt schließlich die Nano-End-Systeme. Die Wissenschaftler des INA beherrschen die Nanotechnologie und Nanosystemtechnik, wie optische Systeme für Licht ultrakurzer Wellenlänge, das von Glasoptiken völlig absorbiert würde. Sie bauen Sensoren, die ein optisches oder mechanisches Signal in ein elektrisches wandeln, oder Aktuatoren, die ein elektrisches Signal in ein mechanisches oder optisches umsetzen. Dafür bietet das INA exzellente Arbeitsbedingungen. Es verfügt über 400 Quadratmeter Reinraum, teilweise mit einer Reinheitsklasse, die es wohl an keiner anderen
deutschen Hochschule geben dürfte. In Europas Industrieunternehmen, schätzt Hillmer, gebe es nur äußerst wenige Räume dieser Qualität.

In der Nanowelt verliert das Gewohnte die ihm unterstellte Gesetzmäßigkeit

Die Miniaturisierung ist nicht allein ein quantitativer Prozeß, sondern sie führt zu einer neuen Qualität der Materialien, der Werkzeuge, die aus ihnen gebaut sind, und sie erlaubt neue technische Lösungen schlechthin. Gewohntes verliert die ihm unterstellte Gesetzmäßigkeit. Nicht die Naturgesetze sind außer Kraft gesetzt, aber die Relationen zwischen den fundamentalen Kräften verschieben sich. Anschaulich wird dies an der Bedeutung der Kräfte in Relation zur Größe. In der großen Welt, der Makrowelt, in der wir leben, dominieren die Gewichts- und Trägheitskraft im Alltag. Sie führen vielfach zum mechanischen Verschleiß oder der Zerstörung, wenn sich Kolben in Motoren heben und senken oder wenn Fahrzeuge kollidieren. Die elektrostatische Kraft spielt in der Makrowelt nur selten eine große Rolle. Wenn aber die Dimensionen schrumpfen, nehmen alle Kräfte ab, jedoch in unterschiedlichem Maß. Mit sinkender Größe verlieren Gewichtsund Trägheitskraft rasch an Bedeutung. Die elektrostatische Kraft nimmt jedoch wesentlich weniger ab. Im Nanokosmos dominiert sie in Relation zu den anderen Kräften schließlich. Das heißt: Wenn ein Glas zu Boden fällt, zersplittert es. Fällt ein Kleinstpartikel dieses Glases zu Boden, bleibt er unversehrt. In der Zwergenwelt der Nanotechnologie gibt es kaum Verschleiß und Zerstörung wie in der Makrowelt. Das bedeutet zugleich: Je kleiner der Gegenstand, desto geringer kann die Spannung sein, um seine einzelnen Teile mit Hilfe elektrostatischer Kraft zu bewegen, denn Gewichts- und Trägheitskraft sind nahezu bedeutungslos.

Hillmer verdoppelt die Übertragungskapazität über die Glasfaserkabel

Die Nanotechnologie beschleunigt den Informationsfluß. Das INA arbeitet daran, daß mehr Informationen in kürzerer Zeit ihren Empfänger erreichen. Filter wurden entwickelt, mit denen Information auf den Informationsträger Licht verschiedener Wellenlänge aufmoduliert und wieder entnommen wird. Die Information wird als Lichtsignal codiert im Glasfasernetz transportiert. Korrespondierende Sender und Empfänger sind auf eine Trägerfrequenz eingestellt. Der tragende Lichtstrahl liegt im Infrarot-Bereich und ist für Menschen nicht sichtbar. Die Frequenz beträgt zum Beispiel 193,4 Terahertz, das entspricht einer Wellenlänge von 1,55 Mikrometern.

Optische Datenübertragung
Optische Datenübertragung mittels Glasfaser von der elektrooptischen Umwandlung des Signals beim Sender bis zur optoelektrischen Umwandlung beim Empfänger

Das INA revolutioniert die Herstellungstechnik...

Rasterelektronenmikroskopaufnahme eines Multischicht-Spiegel-Systems
Rasterelektronenmikroskopaufnahme eines Multischicht-Spiegel-Systems.
Die Einzelschichten sind scharf voneinander getrennt und zeigen keine Schichtdickenabweichungen

Das INA revolutioniert die Herstellungstechnik der nächsten Chip-Generation.

Um das Licht zu modulieren, installiert Hillmer zwei Nano-Spiegel, die ihrerseits aus mehreren ultradünnen Schichten bestehen, parallel zueinander.

In Wechselwirkung miteinander reflektieren die beiden Spiegelhälften das Licht, das nicht der gewünschten Kommunikationswellenlänge entspricht. Sie lassen nur Licht durch, dessen Wellenlänge genau auf die Spaltbreite zwischen den Spiegeln abgestimmt ist. Um nacheinander die Kommunikation unterschiedlicher Nutzer und Endgeräte zu ermöglichen, werden unterschiedliche Trägerfrequenzen eingestellt, indem die beiden Spiegel mit einer Spannung bewegt, also „aktuiert" werden. Je nach Spannung ziehen sich die beiden Spiegel unterschiedlich stark an und die Spaltbreite variiert um wenige Nanometer. Mit der Spaltbreite ändert sich die Wellenlänge und damit die Frequenz des Lichtes. Mit diesen Nanofiltern hält die Kasseler Universität zwei internationale Bestwerte für ultraschnelle Abstimmung. Mit ihnen ist die spektrale Abstimmung um 221 Nanometer mit 27 Volt Steuerspannung möglich und um 142 Nanometer mit nur 3,2 Volt. Möglich waren bisher 100 Nanometer mit 23 Volt. Mit Hilfe dieser Filter, schätzt Hillmer, könnte die Übertragungskapazität der Glasfaserkabel verdoppelt werden.

Die Computer werden immer leistungsfähiger. Das bedeutet eine Wachsende Anzahl von Bauelementen auf immer kleinerem Raum. Die Wissenschaftler greifen in die Trickkiste, optimieren ein einmal beherrschtes System bis an seine Entwicklungsgrenze, ersetzen in einem optischen Abbildungssystem zur Chipherstellung zum Beispiel Luft teilweise durch Öl oder extrem trickreiche Masken. Doch irgendwann ist die Zauberkiste leergeräumt. Dann muß der Technologiewechsel geplant und verwirklicht werden. Das erfordert Konzepte, die Verständigung auf Systemmerkmale, damit sich die Teile des Ganzen später ineinander fügen. Es braucht Zeit und die Anstrengung vieler. Derzeit arbeitet je ein Konsortium in Amerika, Asien und Europa an einem solchen Systemwechsel. Ziel ist Lithographie (L) mit extrem-ultraviolettem Licht (EUV). Die Abkürzung lautet EUVL.

Um die komplexen, immer kleiner werdenden Strukturen der herzustellenden Chips verkleinernd auf die Wafer zu projezieren, muß auch das Licht „kleiner“ werden. Gegen über heute ist 2011 etwa eine Verachtfachung der Speicherdichte möglich. Das heute genutzte Licht ist zu langwellig, um die gewünschten Nanostrukturen auf den Chips abzubilden. Die Wellenlänge soll bis zur Markteinführung der neuen Chips vom Jahr 2011 an von gegenwärtig 193 auf 13 Nanometer sinken.

Ihr haltet Weltrekorde. Macht doch mit.

Hillmer und das INA gehören dem europäischen Konsortium neben Unternehmen wie Schott, Zeiss, Leica, Jenoptik, Clariant, Philips, ASML, Infineon, AMD und Roth& Rau an. Hillmer hatte die Einladung erhalten, aufgrund der internationalen Bestnoten in der Nanofiltertechnik dem Konsortium beizutreten. Das gibt Ansporn.

Extremes ultraviolettes Licht wird von Glas absorbiert, deswegen erleidet man hinter einer Fensterscheibe keinen Sonnenbrand. Das abbildende optische System für die EUV-Lithographie kann also nicht aus Glas sein, sondern es wird aus Spiegeln gefertigt sein. Diese gekrümmten Spiegel werden so angeordnet sein, daß das Licht im Zick-Zack-Kurs im Vakuum, ohne Brechung durch das Medium Luft, von Spiegel zu Spiegel geleitet wird. Das INA entwickelt Materialien als Spiegelflächen aus jeweils 2,3 und 3,9 Nanometer starken Silizium- und Molybdän-Schichten (Abbildung). Das Material wird in einem Sputter-Prozeß Atom für Atom auf der Trägerstruktur aufgebracht. Im Vakuum wird dazu eine Molybdän- oder Siliziumscheibe gezielt mit einem Ionenstrahl beschossen. Das getroffene Atom wird aus der Scheibe gelöst und fliegt, weil es sich im Vakuum befindet, gespiegelt zu jener Richtung weiter, die mit dem Strahl vorgegeben worden ist. Die Molybdänscheibe dient als Molybdänquelle. Die Trägerstruktur wird an genau jene Stelle geschoben, an der das Atom anhaften soll.

Aus Kassel kommen die saubersten Spiegel

Herstellung hochreflektiver Multischichtspiegel
Die Herstellung hochreflektiver Multischichtspiegel stellt höchste Anforderungen an die Umgebungsbedingungen um eine erschmutzung der Oberflächen zu vermeiden.

Auf den Spiegeln darf kein Fremdpartikel größer als 20 Nanometer sein. Das erfordert extrem staubfreies Arbeiten. In der Versuchsanlage am INA arbeitet ein Linearantrieb, der je eine Million Bewegungen nur 0,5 Partikel Abrieb verursacht. Noch absorbieren die Spiegel zu viel Licht. Nur 70 Prozent des Lichtes wird reflektiert. Am Ende des Systems von elf Spiegeln bleiben nur noch 2 Prozent des Ausgangslichtes. Die Wissenschaftler arbeiten daran, den Lichtverlust je Spiegellinse auf 10 Prozent zu senken. Philips arbeitet daran, die Lichtquelle zu verbessern. Derzeit erreicht sie 5 Watt. Das Ziel ist eine Leistung von 100 Watt. Das ist in diesem Wellenlängenbereich eine enorme Herausforderung, da ein über zehnfacher Ionisierungsgrad zum Beispiel von Zinn mit ultrastarkem Laserlicht aufrecht erhalten werden muß.

Die Nanotechnik kann mit Licht riechen

Die Nanotechnik kann mit Hilfe von Laserlicht auch riechen. Gelangt ein bestimmtes Molekül in einen Laserstrahl, so gibt die Lichtschwächung Auskunft über das Molekül. Dieses Konzept macht sich Hillmer in der Medizintechnik zu nutze. Der effektive Fettverlust während einer Diät läßt sich durch eine Analyse des Atems ermitteln. Bestimmte Stoffe in der ausgeatmeten Luft, sogenannte Biomarker, geben mittelbar Auskunft über die Fettverbrennung. Statt sich zu wiegen, was ungenau ist, weil neben dem Fettverlust auch andere Faktoren das Gewicht bestimmen, läßt Hillmer den Diätpatienten in eine Art „Trillerpfeife  blasen. In dem Mundstück ist ein Halbleiterlaser installiert. Die Schwächung des Lichtstrahls erlaubt den Rückschluß auf einzelne Moleküle in der zu untersuchenden Atemluft. Hillmer will die „Pfeife“ ins Mobiltelefon bauen, damit die Messung und Datenspeicherung an jedem Ort möglich ist und bei lebenswichtigen Anwendungen in der Stoffwechselüberwachung der Notarzt durch den Meßwert automatisch alarmiert wird.

Stoffwechsel
Viele Vorgänge im Körper machen sich durch Stoffwechselveränderungen bemerkbar. Die dabei vermehrt oder weniger auftretenden Stoffwechselprodukte lassen sich über das Blut und die Lunge auch im Atem nachweisen.

Fenster als Monitore oder Sonnenlichtsammler

Die Nanotechnologie kann helfen, Energie zu sparen. In einem Fenster lassen sich zwischen den Doppelscheiben Mikrospiegel-Arrays installieren, Felder von winzigsten Spiegeln, die mit zum Beispiel 100 mal 100 Mikrometer so klein sind, daß sie für das Auge unsichtbar sind. Über Sensoren will Hillmer die Spiegel so steuern, daß sie einen Raum stets dort ausleuchten, wo sich Menschen befinden und Tageslicht benötigen. Freilich lassen sich die Spiegel auch umklappen, um den Raum zu verdunkeln. Oder sie lassen sich pixelweise steuern. I heißt hell, und 0 heißt schwarz. Das Fenster wird zum Schwarz-Weiß-Monitor. Werden die Spiegel noch weiter miniaturisiert, daß sie nur noch Licht einer bestimmten Wellenlänge reflektieren, lassen sich über die Arrays Interferenzen erzeugen. Wellen bestimmter Längen werden verstärkt, andere ausgelöscht. Die Fenster werden zum Farbmonitor, oder aber sie steuern die Raumfarbe. Filtern sie gelbes Licht heraus, schimmert der Raum blau.

Die einmal gedachte Technik ist vielseitig einzusetzen. Die Mikrospiegel können zu intelligenten, das Licht steuernden Lampenschirmen arrangiert werden, oder das Kurvenlicht in Autoscheinwerfern lenken, sie können Fassaden färben oder zu Bühnen der Videokunst verwandeln. Aber sie können auch helfen, Energie zu erzeugen, indem die Mikrospiegel den Sonnenstand nachfahren und die Energie gebündelt auf Photovoltaik-Elemente lenken.

Hillmer will Licht lenken, filtern, modulieren und erzeugen

Prinzip des Aufbaus einer Isolierglas Fensterscheibe
Prinzip des Aufbaus einer Isolierglas Fensterscheibe mit integrierten Mikro-Spiegel-Arrays. Diese sammeln das Sonnenlicht und reflektieren es an den gewünschten Ort im Raum. Das dargestellte Modell hat in der Realität eine seitliche Ausdehnung kleiner als 1 mm.

Hillmer will nicht nur Licht lenken oder filtern, sondern er will es auch erzeugen. Die Wissenschaftler des INA bauen aus verschiedenen Halbleitermaterialien Pyramiden von wenigen Atomen Größe. Diese Pyramiden sind in eine Laserdiode integriert. Fließt ein Strom, bestimmt die Größe der Pyramide eine als Licht abgestrahlte spezifische Energiedifferenz. Diese Energiedifferenz besteht zwischen den einfließenden Elektronen und den von der anderen Seite nachgeschobenen „Löchern“, die sich vereinen wollen. Große Pyramiden erzeugen langwelligeres Licht, kleine Pyramiden kurzwelligeres Licht. Solche Halbleiterpyramiden oder Quantenpunkte eignen sich als Baumaterial eines Lasers. Damit lassen sich Eigenschaften der entstehenden Laser viel einfacher maßschneidern.

Die blue-ray disk speichert bis zu 20.000 MB

Hillmer sucht nach Materialien und Strukturen, mit denen Wellenlängen zugänglich werden, die mit den heutigen Materialien noch nicht erreichbar sind. Dies um Informationen noch enger zu verdichten und ihren Fluß zu beschleunigen. Die CD als Datenspeicher mit 700 MB wird mit infrarotem Licht (780 Nanometer) gelesen. Die DVD verfügt als Datenspeicher über 4700 MB und wird mit rotem Licht (650 Nanometer) gelesen, das kurzwelliger ist als das infrarote. Die blue-ray disk speichert bis zu 20.000 MB und arbeitet mit blauem Licht bei 405 Nanometern. Ziel der Wissenschaftler ist ein Speicher, der von ultraviolettem Licht gelesen wird. Hillmer kooperiert dabei mit seinem Nachbarn und Kollegen Josef Salbeck am CINSaT, der sich dort mit der Entwicklung von Organic Light Emitting Devices (OLEDs) befaßt. Damit verwandte Laser könnten als Quelle des gewünschten kurzwelligen UV Lichts dienen. Hillmer denkt auch an die Erzeugung grünen Lichtes, wie es vor allem von den – im Vergleich zu den Glasfasern – preiswerten Polymerfasern absorptionsarm geleitet wird. Die Faser gibt es, aber noch fehlt der Laser für das passende Licht.

Autor: Claus-Peter Müller - v. d. Grün