Projekte

Das Netzwerk LitCo. Literacies in Contact – Littéracies en Contact – Literalität im Kontakt

Schrift ist, als Schreibpraxis mit materieller Dauerhaftigkeit und stark regelgeleitetes System, wesentlich stärker gesellschaftlich institutionalisiert als Mündlichkeit. Dies begründet eine eigene Theoretisierung und Modellierung der Formen von Schriftsprachkontakt. In der Sprachkontakt- und Mehrsprachigkeitsforschung wurden in der Regel bislang Theorien von Sprachkontakt auf der Basis von Daten gesprochener Sprache erarbeitet. Die Untersuchung von Sprachkontaktphänomenen auf der Schriftebene ist bis auf wenige Arbeiten eine Ausnahme. Das Anliegen des Netzwerks LitCo ist es, einen Perspektivwechsel herbeizuführen und systematisch die Problematik von Mehrsprachigkeit relativ zu Mehrschriftigkeit zu betrachten. LitCo startet zum Oktober 2014. mehr...


Alphabetisierung, Orthographie und Schrifterwerb im 19. und frühen 20. Jahrhundert

Forschungsprojekt am Institut für Germanistik der Universität Kassel 

- gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) -

 

 

Laufzeit

2010-2013

Projektleiterin

Dr. Manuela Böhm

Mitarbeiter/-innen

Chris Bethe / Aleksandra Czajkowska

 

 

Beteiligte Wissenschaftler / Kooperationen:

Prof. Dr. Vilmos Ágel (Kassel)

Prof. Dr. Peter Eisenberg (Potsdam)

Prof. Dr. Jürgen Erfurt (Frankfurt am Main)

Prof. Dr. Andreas Gardt (Kassel)

Prof. Dr. Christoph Schroeder  (Potsdam)

Prof. Dr. Ulrich Mehlem (Frankfurt a.M.)

Prof. Dr. Constanze Weth (Luxemburg)

Kurzbeschreibung

Im Mittelpunkt des Projekts steht die deutsche Orthographiegeschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Gegenstand ist die Rekonstruktion von Orthographie-Erwerb, Alphabetisierung und Normierung in einem Zeitraum, in dem zwei für die deutsche Schriftsprache wesentliche Ereignisse synchron laufen: Die Vollalphabetisierung der deutschen Bevölkerung und die Normierung der deutschen Orthographie. Dieser Zusammenhang zwischen Alphabetisierung als individueller und kollektiver Schrift- und Orthographie-Erwerb und der Standardisierung als heteronome Setzung orthographischer Normen und ihrer Kodifizierung wird in verschiedenen Untersuchungsbereichen aufgearbeitet und gezeigt, wie sich die Formulierung, Statuierung und Durchsetzung von Normen zur Realität schreibender Menschen verhält.

Der Prozess des Erlernens und der Durchsetzung von Orthographie (Orthographisierung) im 19. und frühen 20. Jh. wird in diesem Projekt aus synchron-individueller und historisch-sozialer Perspektive untersucht. Dabei werden Ansätze der Historischen Soziolinguistik, vor allem des Konzepts einer ‚Sprachgeschichte von unten’, verbunden mit strukturbezogenen, grammatischen Analysen, die auf Arbeiten zur Graphematik und theoretischen Überlegungen der Natürlichkeits- und Markiertheitstheorie aufbauen. Die einzelnen Untersuchungsbereiche werden mit verschiedenen Hermagehensweisen bearbeitet, wie Fallstudien, Korpusanalyse, Vergleich. Die gesamte Untersuchung hat das Ziel, den Prozess der Orthographisierung aus historischen Quellen zu rekonstruieren.

Von diesem Projekt ist zum einen eine systematische Darstellung der jüngeren Sprachgeschichte und somit eine Aufarbeitung von Forschungslücken zur deutschen Orthographiegeschichte und zum anderen ein genereller Aufschluss über Formationen von überindividuellem sprachlichem Wissen und Problemlösungsstrategien beim Verschriften zu erwarten.

Projektphasen

Untersuchungsbereich I: Orthographie-Erwerb

Zentral für diesen Untersuchungsbereich ist die Frage nach den Modalitäten des Orthographie-Erwerbs in den unterschiedlichen sozialen Räumen des 19. und frühen 20. Jh.s. In mehreren Fallstudien werden auf der Grundlage archivalischer Quellen verschiedene Szenarien von Alphabetisierung und Orthographisierung rekonstruiert, wie sie für verschiedene soziale Milieus des 19. Jh.s typisch waren.

Herausgearbeitet werden für jeden Instruktionstyp die Art und der Umfang des Schreibunterrichts, die Methoden des Schrifterwerbs, der Zusammenhang von Lesen- und Schreibenlernen und die Lehrmaterialien (Fibeln, Schulgrammatiken, Orthographielehrbücher, Regel- und Wörterverzeichnisse, Referenzwerke).

Untersuchungsbereich II: Autonome Graphie

Der Fokus dieses Untersuchungsbereiches liegt auf der grammatischen Komponente von Orthographisierung, denn hier steht der Prozess der Grammatisierung des Schreibens im Mittelpunkt, der mit dem Eintritt des Schreibenden in die orthographische Phase beim Schriftspracherwerb einhergeht. Grammatisierung hinterlässt beim Schreiben sichtbare Spuren, die am ehesten bei ungeübten Schreibern (oder sogenannten semicolti) zu Tage treten, die den Schritt von der Graphie zur Orthographie noch nicht (vollständig) vollzogen haben. Ihre Graphien offenbaren sprachliches Wissen in vor-orthographischen Phasen der Orthographisierung, das ungesteuert erworben wurde. Mit dem Blick auf den schreibenden Menschen rücken Schreibpraxen in den Mittelpunkt linguistischen Interesses, die zwar den Normalfall sprachlicher Produktion darstellen, denen in der sprachhistorischen Forschung jedoch allenfalls periphere Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Die zentrale Frage dieses Untersuchungsbereiches ist, wie dieses sprachliche Wissen elizitiert und linguistisch beschrieben werden kann.

Untersuchungsbereich III: Verhältnis zwischen autonomer Graphie und kodifizierter Orthographie

In diesem Untersuchungsbereich wird auf einer ersten Ebene die Orthographiegeschichte des Deutschen zwischen historischer Gewordenheit und normativer Anstrengung analysiert. Was ist an der deutschen Orthographie, wie sie 1901 kodifiziert wurde, historisch gewachsen, was heteronom gesetzt? Im Mittelpunkt wird also die Genese des Graphiesystems des Deutschen stehen und die Frage, mit welchen theoretischen Argumenten daraus im 19. Jh. eine Orthographie entwickelt wurde.

Auf einer zweiten Ebene sollen diese theoretischen Orientierungen in Zusammenhang gebracht werden mit den Ergebnissen des zweiten Untersuchungsbereichs zur autonomen Graphie. Es gilt zu prüfen, an welchen Punkten autonome Graphie und geltende bzw. sich konstituierende Normen der Orthographie im Widerspruch oder Einklang stehen. Es stellt sich die Frage, wie sich die orthographischen Überlegungen der Sprachwissenschaftler und Lehrer, die Eingang in die Normierungsdiskussion im 19. Jh. finden, zu den im Untersuchungsbereich II herausgearbeiteten Konturen einer autonomen Graphie verhalten.