Biologischer Pflanzenschutz im Tropengewächshaus Witzenhausen

Tierische Schädlinge sind das Hauptproblem

Auch oder gerade unter den geschützten Bedingungen eines Gewächshauses sind die Pflanzen einem nicht unerheblichen Krankheits- und Schädlingsdruck ausgesetzt.

Generell bereiten besonders die tierischen Schädlinge den Gärtner*innen oft große Sorgen. Die Probleme mit Weißen Fliegen (Trialeurodes vaporariorum, Bemisia spp., Aleurothrixus floccosus), Spinnmilben (Tetranychus urticae u.a.) und Thripsen (Frankliniella spp., Scirtothrips spp.) sowie Blattläusen (Aphidiae spp.), Woll- und Schmierläusen (Pseudococcus longispinus, Planococcus citri u.a.), Deckelschildlaus (Aodiniella spp.), Napfschildläusen (Coccus hesperidum, Saissetia spp.) aber auch Mäusen oder Ratten und Vögeln sind allerdings unterschiedlich stark. Zur Bekämpfung der Schädlinge mussten jahrelang regelmäßig und in zunehmendem Maße Insektizide und Akarizide eingesetzt werden. Im Durchschnitt waren Mitte der achtziger Jahre schließlich 25 Spritzungen pro Jahr notwendig. Insgesamt zwang der Schädlingsdruck zu immer höheren Konzentrationen und unterschiedlichen Kombinationen von den zur Anwendung kommenden Pflanzenschutzmitteln.

Erste Nützlingsfreisetzungen

Die zunehmenden Pflanzenschutzprobleme führten 1981 zu den ersten Versuchen mit biologischen Verfahren. Erstmalig wurden die Schlupfwespe Encarsia formosa gegen die Weiße Fliege und die Raubmilbe Phytoseiulus persimilis gegen die Spinnmilbe eingesetzt. Die Bekämpfung verlief leider nur zu Beginn erfolgsversprechend. Insgesamt musste wegen falscher Handhabung aber auch wegen mangelnder Nützlinge bzw. zu niedrigen oder zu hohen Temperaturen immer wieder chemisch eingegriffen werden. Die Anzahl der chemischen Eingriffe konnte allerdings deutlich reduziert werden und es erfolgte gleichzeitig ein Wechsel zu mildwirkenden Mitteln. Der Teufelskreis zwischen Nützlingseinsatz und ihrer Dezimierung durch den Einsatz chemischer Mittel gegen die nicht biologisch bekämpfbaren Schädlinge war schwer zu durchbrechen. Im Frühjahr 1986 wurde durch einen stark angewachsenen Schädlingsdruck eine großflächige Bekämpfungsaktion durch Beräucherung mit Dedevap oder Bladafum II notwendig. Trotzdem wurden die Möglichkeiten des biologischen Pflanzenschutzes mit großer Beharrlichkeit und viel Enthusiasmus weiter verfolgt.

Die Umstellung auf Ökologischen Pflanzenschutz

Ende der 1980er und zu Beginn der 1990er Jahre gründeten sich in Holland und Deutschland mehrere nützlingsproduzierende Firmen mit einem umfangreichen Lieferprogramm und dementsprechend einem größeren Spektrum an Nützlingsarten. Im Tropengewächshaus verfügte man dann auch zu dieser Zeit über hinreichende Erfahrungen und die personelle Kapazität, um mit der konsequenten Umstellung auf biologischen Pflanzenschutz zu beginnen.
In der Abteilung Tropisches Tiefland/Palmenhaus begann die Umstellung 1990. Die wichtigsten Maßnahmen, die sich aus dem Umstellungskonzept ergaben, waren die Einrichtung regelmäßiger, intensiver Bestandskontrollen sowie ein weitgehender Verzicht auf chemische Pflanzenschutzpräparate. Nachdem sich im Palmenhaus die biologischen Bekämpfungsmethoden bewährt hatten und die Verantwortung für die Bestandskontrollen, Nützlingsbestellungen und Freisetzungen einer Gärtnerin übertragen worden war, konnten auch die Abteilungen Tropisches Hochland/Kaffeehaus (1992), Tropisches Tiefland/Kakaohaus (1994) sowie die Abteilungen Subtropen/Orangerie und Feldkulturen (1995) umgestellt werden.

Die Umsetzung

Die Kosten für den Nützlingseinsatz sowie der zeitliche Aufwand für die Bestandskontrollen und die Nützlingsausbringung sind höher als beim Einsatz von chemischen Mitteln. Dass der Nützlingseinsatz im Gewächshaus für tropische Nutzpflanzen trotzdem gerechtfertigt ist, liegt an den vielfältigen positiven Effekten. Hierzu gehören vor allem:

  • Keine Belastung der Mitarbeiter*innnen und Besucher*innen durch chemische Behandlungsmittel - das Gewächshaus kann jederzeit betreten werden
  • Keine Schädigung der Pflanzen durch chemische Mittel in Form von Spritzflecken, Verbrennungen, Nekrosen oder vermindertem Wachstum
  • Keine Schädigung von Boden, Wasser, Luft durch Rückstände von Pflanzenschutzmitteln
  • Eine meist unkomplizierte Ausbringung der Nützlinge
  • und ganz wichtig:
  • Keine Resistenzbildung bei Schädlingen!

Problematisch bleiben weiterhin Schädlinge, die im Erwerbsgartenbau unter Glas keine Rolle spielen und gegen die es daher keine erwerbbaren Nützlinge gibt. Erwähnt sei an dieser Stelle Aleurothrixus floccosus, eine Weiße Fliege an Zitrusgewächsen, Kaffee und Obstpflanzen, die seit einigen Jahren immer mal wieder extreme Probleme bereitet. Aktuell ist die Wollige Sackschildlaus Icerya purchais an Citruspflanzen in der Orangerie der wichtigste „Problemschädling”. Ihre Bekämpfung erfolgt im Moment nur durch mechanische Maßnahmen wie den Rückschnitt der befallenen Pflanzenteile bzw. durch aufwändiges „Abwaschen” befallener Pflanzenteile. Immer wieder in „Wellen” wiederkehrende Probleme bereiten Thripse, Weichhaut- und Spinnmilben, Weiße Fliegen und Blattläuse.

Hilfreich ist bei allen Fragestellungen zum Biologischen Pflanzenschutz der Erfahrungsaustausch innerhalb des Verbandes Botanischer Gärten e.V. Die Kollegen des Tropengewächshauses gehörten 1998 in Dresden zu den Mitgründern der Arbeitsgruppe und die Einrichtung zu den ersten Gärten überhaupt, die biologischen Pflanzenschutz durchführte. Einmal jährlich treffen sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Arbeitsgruppe zu einem zweitägigen Erfahrungsaustausch.

Die Zertifizierung

Die Lehr-und Forschungseinrichtung „Tropengewächshaus” ist dem Leitbild des Fachbereiches Ökologische Agrarwissenschaften verpflichtet und hält die Standards der biologischen Landwirtschaft auch in einer Spezialpflanzensammlung für umsetzbar. Deshalb sollen sich künftig die Aktivitäten nicht auf den biologischen Pflanzenschutz und auf die Freisetzung von Nützlingen beschränken, sondern die Pflanze und ihre Gesunderhaltung soll in den Mittelpunkt gestellt werden. Die Umstellung der Düngungsmaßnahmen ist daher ein Thema, das mit dem versuchsweisen Einsatz von Kompost, Mist und Bio-Trisol zur Nutzung von organischen Düngern begann, mit der Verwendung von Manna-Korn weiterging und mit dem sich die Gärtner*innen derzeit weiter beschäftigen.

Trotz oder gerade wegen der erfolgreichen Umstellung des Gewächshauses für tropische Nutzpflanzen auf den biologischen Pflanzenschutz wird das Thema auch in Zukunft aus betriebstechnischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Gründen eine fortdauernde Bearbeitung erfahren, obwohl der Gewächshausbetrieb aufgrund von Personalmangel zu Rationalisierungsschritten gezwungen ist und nur über begrenzte finanzielle Ressourcen verfügt.

Stand: Juli 2011

Textteile aus:
Wolff, P., Hethke, M. und K. Hammer, 2002: 100 Jahre Gewächshäuser für tropische Nutzpflanzen - von der kolonialen Pflanzensammlung zur Forschungs- und Bildungseinrichtung, Beiheft Nr. 74 zu Der Tropenlandwirt. Verband der Tropenlandwirte Witzenhausen e.V., Universitätsbibliothek Kassel

Ergänzt von Manfred Kunick, 2011