Fachbereich6
Architektur, Stadtplanung, Landschaftsplanung
Werkstatt für Dialogische Planung
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Runder Tisch/Forum
Seinen heutigen Bekanntheitsgrad verdankt der Runde Tisch seiner herausragenden Rolle zur Zeit der Wiedervereinigung Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre. Er steht für das Zusammenkommen der relevanten Interessengruppen, die von einem Planungsvorhaben/Problem betroffen oder an der Bearbeitung des Problems beteiligt und mit einer entsprechenden Lösungskompetenz ausgestattet sind.

Anwendung
Aufwand
Zielgruppe
Ergebnis/Wirkung
Zu beachten
Anwendungsbeispiele
Links und Downloads
Literatur


Der Runde Tisch/das Forum ist ein informelles Gremium zur Organisation von Öffentlichkeit bei Planungen. Anfänge lassen sich zurückverfolgen bis in die 1960er Jahre. Die ersten Stadtforen wurden 1968 in München und in Regensburg als Verein gegründet. Seit den 1990er Jahren ist der Runde Tisch/das Forum eine in vielen Städten angewandte Form, den Planungsdiskurs zwischen Stadtgesellschaft, Stadtpolitik und Stadtplanung und die konsensorientierte Suche von Lösungen in strittigen Fragen zu organisieren. Wichtiges Merkmal des Runden Tisches/Forums ist die (neutrale) Moderation und das Stellvertreterprinzip, mit dem möglichst viele Akteure beteiligt und repräsentiert werden sollen. Der Runde Tisch/das Forum ist eine Form verständigungsorientierter kooperativer Planung.

Anwendung
Runde Tische/Foren können auf regionaler Ebene, Stadt oder Stadtteilebene veranstaltet werden. Es gibt keine vorgegebene Struktur für die Durchführung eines Runden Tisches/Forums. Folglich besteht die Gefahr, dass der Begriff des Runden Tisches/Forums mißbräuchlich genutzt wird. In den letzten Jahren wurden immer häufiger herkömmliche Gesprächsrunden als Runde Tische/Foren bezeichnet. Die Unterscheidung des Runden Tisches/Forums von anderen Zusammentreffen läßt sich am Auftrag des Gremiums, der Förmlichkeit der Arbeitsweise oder dem Prinzip der Gleichberechtigung der Interessengruppen festmachen. Diese sind unabhängig von der politischen oder ökonomischen Stärke durch die gleiche Anzahl von Personen mit Stimmrecht vertreten. Die jeweiligen VertreterInnen müssen in ihren Gruppen und Organisationen anerkannt sein, damit die von ihnen mitgetragenen Entscheidungen auch außerhalb des Runden Tisches/Forums akzeptiert werden.
Der Runde Tisch/das Forum erfordert unter anderen ein politisches Mandat, eine förmliche und transparente Arbeitsweise, Zugang zu Fach- und Sachkompetenz, Öffentlichkeit. Der Teilnehmerkreis sollte konstant sein und frei von äußeren Zwängen kooperative Lösungen erarbeiten können. Interessierte BürgerInnen sollten jederzeit die Möglichkeit haben mitzuwirken.
Nach Erledigung der Aufgabenstellung lösen sich Runde Tische/Foren in der Regel wieder auf. Dies gilt nicht für die Foren in Vereinsform.

Aufwand
Aufwand und Dauer sind abhängig von der Thematik. Es gibt kurzfristige Runde Tische/Foren zur Klärung einer begrenzten Aufgabe oder solche, die längerfristig tagen.
Der Aufwand in der Vorbereitung besteht, das politische Mandat vorausgesetzt, im Finden einer akzeptierten Moderation, im Zusammenstellen des Teilnehmerkreises, in der Klärung der "Spielregeln" z. B. in Form einer Satzung, Geschäftsordnung oder Verfahrensvereinbarung. Das politische Mandat bedeutet, dass die Legitimation eines solchen Gremiums sichergestellt ist, z. B. indem ein politisches Gremium dem Runden Tisch/Forum seinen Auftrag erteilt. In der Durchführung fallen Aufgaben der inhaltlichen Vorbereitung, koordinierende und organisatorische Aufgaben sowie eine gute Öffentlichkeitsarbeit an. Die Aufgaben können auf verschiedene Schultern verteilt werden.

Zielgruppe
Alle Personen(gruppen), die von einem Planungsvorhaben oder einem Problem betroffen oder an der Bearbeitung des Problems beteiligt sind.

Ergebnis/Wirkung
Runde Tische/Foren eröffnen die Chance, eine "erfolgreiche Dreiecksbeziehung" (Fassbinder 1997: 19) zwischen Politik, Planung und Gesellschaft zu schaffen. Gesellschaft umfasst hier auch Investoren und andere Wirtschaftsvertreter. In den Runden Tischen/Foren haben vor allem die in Verbänden, Vereinen und Initiativen organisierten BürgerInnen die Möglichkeit, an komplexen und konfliktreichen Planungen mitzuwirken, indem sie ihre Interessen deutlich machen und Empfehlungen erarbeiten. Aufgrund des Prinzips der Gleichberechtigung kann den Beteiligten für die im Rahmen des Runden Tisches/Forums gefällten Entscheidungen ein relativ große Bedeutung zu kommen.
Die von einem Runden Tisch/Forum erarbeiteten Vorschläge haben meistens eine beratende Funktion und ersetzen nicht politische Entscheidungen oder die Entscheidungen der zuständigen Verwaltungen. In sofern hängt die Einflussnahme durch die BürgerInnen von vielfältigen Bedingungen ab. Das Erfolgsgeheimnis eines Runden Tisches/Forums besteht in seiner Kommunikationsfähigkeit. Wenn es dem Gremium gelingt, eine möglichst große Einigkeit über alle Interessen hinweg zu erzielen, seine Standpunkte überzeugend zu vermitteln und Allianzen zu bilden, hat es Erfolg.

Zu beachten
Alle Beteiligten des Runden Tisches/Forums müssen von dem Sinn und Nutzen des Gremiums überzeugt sein. Wird der Eindruck erweckt, dass bestimmte Interessen weniger geachtet werden als andere, besteht die Gefahr dass die entsprechenden VertreterInnen nicht weiter mitarbeiten (Prinzip der Fairness).
Damit die Vorschläge des Runden Tisches/Forums eine politische Tragweite bekommen, ist es erforderlich, dass der Runde Tisch/das Forum von politischer Stelle legitimiert ist, z. B. in Form eines politischen Beschlusses oder einer Absichtserklärung der EntscheidungsträgerInnen, Empfehlungen des Gremiums verbindlich zu behandeln. Ebenso wichtig ist es, dass Personen, die an der Entscheidung und Entscheidungsvorbereitung maßgeblich beteiligt sind, am Runden Tisch teilnehmen (Informationsfluss). Ein Manko des Stadtforums Berlin bestand darin, dass es nur einem Senatsressort zugeordnet war. Dies erschwerte ressortübergreifendes Handeln. (Becker 2002:323)
Eine gute Öffentlichkeitsarbeit (Transparenz) ist Voraussetzung für die Akzeptanz der Arbeit des Runden Tisches sowohl bei den Entscheidungspersonen als auch bei den betroffenen BürgerInnen.

Anwendungsbeispiele
Seit 1968 Münchner Forum e.V. (Info: www.muenchner-forum.de)
Seit 1991 Stadtforum Berlin(Info: Faßbinder, Helga: Hamburg 1997)
1992-1996 Verkehrsforen in Heidelberg, Tübingen und Salzburg zur Entwicklung eines Verkehrskonzepts (Info: www.sellnow.de)
1995-1998 Energietische in Heidelberg, Bensheim, Dessau, Ludwigshafen, Speyer und Sulzbach/Ts. (Info: Bornath, Dorothee; Zanger, Michael; Pinkepamk, Thorsten: Bonn, 1998)
Seit 1995 Forum Kassel-Unterneustadt zur Wiedergründung eines Stadtquartiers (Info: Stadt Kassel)
Seit 1998 Runder Tisch Kassel-Nordstadt im Rahmen der integrierten Stadtteilentwicklung (Info: Stadt Kassel)
Seit 2001 Runder Tisch Kassel-Oberzwehren im Rahmen des Programmes 'Soziale Stadt' (Info: Stadt Kassel)

Links und Downloads
www.stadtteilarbeit.de
www.wegweiser-buergergesellschaft.de

Literatur
Zur angegebenen Literatur finden Sie in der Bibliothek jeweils eine kurze Beschreibung

Becker, Heidede: Stadtbaukultur – Modelle, Workshops, Wettbewerbe. Erfahren der Verständigung über die Gestaltung der Stadt. Schriften des Deutschen Instituts für Urbanisitik, Band 88, Stuttgart 2002.

Bornath, Dorothee; Zanger, Michael; Pinkepamk, Thorsten: Runder Tisch – ein Möbelstück mit Zukunft in: Apel, H; Dernbach, D.; Ködelpeter, T.; Weinbrenner, P. (Hrsg.): Wege zur Zukunftsfähigkeit – ein Methodenhandbuch, Stiftung Mitarbeit, Bonn, 1998, S. 59-65.

Faßbinder, Helga: Stadtforum Berlin. Einübung in kooperative Planung, Harburger Berichte zur Stadtplanung 8. Hamburg 1997.

Lübke, Ingrid, Mussel, Christine: So baut man Stadt. Kassel gewinnt ein altes Stadtgebiet zurück, Bundesbaublatt Nr. 5, Mai 2000, 49. Jahrgang, S. 38 - 44.

Mussel, Christine: Nachhaltige Stadtteilentwicklung aushandeln?- Politik und Planung der kleinen Schritte. Chancen und Grenzen einer inkrementalistischen Stadtentwicklung am Beispiel Kassels. In: Uwe-Jens Walther (Hrsg.) Soziale Stadt – Zwischenbilanzen. Ein Programm auf dem Weg zur Sozialen Stadt? Leske + Budrich, Opladen 2002, S. 117 – 130.

Selle, Klaus: Planung und Kommunikation. Wiesbaden/Berlin, 1996 (eine Kurzbeschreibung der Methode Runder Tisch ist unter www.stadtteilarbeit.de einsehbar).

Sellnow, Reinhard: Das Bürgerbeteiligungsmodell "Verkehrsforum" – Erfahrungen aus Heidelberg, Tübingen und Salzburg, in: Apel, H; Dernbach, D.; Ködelpeter, T.; Weinbrenner, P. (Hrsg.): Wege zur Zukunftsfähigkeit – ein Methodenhandbuch, Stiftung Mitarbeit, Bonn, 1998, S. 38-48.


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| Werkstatt für Dialogische Planung | Letzte Änderung 15.05.2003 |