Kas­­sel und Nor­d­hes­­sen – Re­gi­on der Tran­s­­for­­ma­­ti­o­­nen, Tran­s­­for­­ma­­ti­o­­nen in der Re­gi­on

Ein Essay von Wolfgang Schroeder

Prof. Dr. Wolf­gang Schro­eder

Wolfgang Schroeder ist seit 2016 WZB-Fellow und forscht in der Abteilung Demokratie und Demokratisierung. Er ist Professor an der Universität Kassel und leitet dort das Fachgebiet „Politisches System der BRD – Staatlichkeit im Wandel“.

Kas­sel und Nord­hes­sen – Re­gi­on der Trans­for­ma­tio­nen, Trans­for­ma­tio­nen in der Re­gi­on

Erst Globalisierung, Individualisierung und demographischer Wandel, dann Digitalisierung und Dekarbonisierung, ein aufflammender Populismus sowie die Corona-Pandemie – eine Vielzahl von Megathemen bewegen unsere Gesellschaft. Sie transformieren unser Denken und Handeln.

Transformationen sind dabei nichts, was sich von einem auf den anderen Tag vollzieht, sondern schleichend und nach einiger Zeit oder gar erst in der Retrospektive seine Wucht offenbart. Es sind grundlegende Wandlungsprozesse, bei denen es um das Verhältnis von Natur/Umwelt und Zivilisation, Arbeit und Leben, von Wirtschaft und Politik, von Produktion und Reproduktion sowie der damit verbundenen Kultur- und Regierungsformen geht. Transformationen sind vor allem nichts, was überall die gleichen Folgen zeitigt oder Lösungsansätze induziert – je nach Region treffen die globalen Umwälzungen auf unterschiedliche Stärken und Schwächen, Innovationen und Traditionen, industrielle, kulturelle, dienstleistungs- und wissensbasierte Strukturen und Ressourcen. Neu ist jedoch, dass die Gleichzeitigkeit von Transformationen, ihre Tiefe und Taktung gefühlt/spürbar zunehmen, was sich im medialen Schlagwort der „disruptiven“ Veränderungen widerspiegelt.

Kassel und die Region Nordhessen sind dabei ein besonderes Beispiel, wie Transformationen auf eine Region im stetigen Strukturwandel wirken, die Region aber auch an diesen Transformationen wächst und sie für sich nutzen kann.

Die Stadt durchlief mit ihren gegenwärtig knapp über 200.000 Einwohnern in den letzten Jahrzehnten beeindruckende Wandlungsprozesse. Sie liegt dabei zugleich im Zentrum und am Rand. Einerseits befindet es sich in der Mitte Deutschlands, andererseits in der Peripherie, weit ab von den Metropolen, die den Ton in dieser Bundesrepublik angeben.

Kassel bildet im sonst ländlich geprägten Nordhessen als wirtschaftliches, politisches und kulturelles Zentrum eine Regiopole weitab anderer Großstädte.

Sieben der 100 größten hessischen Unternehmen haben hier ihren Sitz. Mit Volkswagen, SMA und B. Braun Melsungen liegen drei für die Region strukturbestimmende Unternehmen vor den Toren der Stadt.

Kassel definiert sich jedoch weit weniger exklusiv über seine Industrie(geschichte) als vergleichbare Standorte der alten Bundesrepublik, etwa im Ruhrgebiet. Mit der Kunstausstellung documenta – der weltgrößten Messe zeitgenössischer Kunst – wurde seit 1955 nicht nur eine zeitgenössische Revitalisierung der kulturellen Residenzkapitale realisiert, sondern wird alle fünf Jahre aufs Neue aus der vermeintlichen Provinz eine „Brücke zur Welt“ geschlagen. Wie in vielen Städten brauchte auch die 1971 zunächst als „Gesamthochschule“ gegründete Universität Zeit, um sich im Stadtbild Raum zu schaffen.

Heute ist das Zusammenspiel zwischen Universität und Stadt/Region geprägt von einem lebhaften wechselseitigen Austausch: Wissenstransfer, Duale Studiengänge und Anwendungsorientierung sind für eine Volluniversität beispielhaft. So wurde die Universität nicht nur zu einem Hauptarbeitgeber und zur Talentschmiede der Region, sondern auch zum Innovationsmotor. Unter den über 400 Gründungen sind Weltmarktführer wie die Solarfirma SMA. Heute verfügt die Universität über einen „Science Park“ mit über 40 Start-Ups. Aber ebenso Kooperationen im Sozial-, Kultur- und Bildungsbereich knüpfen ein Netz in die Region ergänzend zu klassischen Verwertungslogiken.

Durch den 1991 erfolgten Anschluss an das ICE-Netz wird Kassel zu einem wichtigen Knotenpunkt im deutschen Schienenverkehr. Dieser Verkehrsknotenpunkt mit dem Bahnhof Wilhelmshöhe beschert Kassel nicht nur eine stetige Präsenz auf dem Kurznachrichtendienst Twitter, wo sich das Geraune der Zugreisenden vom nordhessischen „terra incognita“ und der diskussionswürdigen Architektur des Bahnhofsvorplatzes die Waage halten. Er kann auch als ein zentraler Wendepunkt der jüngeren Stadtgeschichte interpretiert werden, der Kassel zusammen mit der ohnehin günstigen Verkehrsanbindung näher an den Rest der Republik rückt und zum Beispiel für die Logistikbranche und den Kulturtourismus attraktiver macht.

Wie werden nun in dieser Stadt der Transformationen die großen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit – Digitalisierung, Dekarbonisierung, Populismus – als neue Themen angenommen und bearbeitet?

Die Stadt und damit auch Nordhessen haben sich auf verschlungenen und nicht immer ganz widerspruchsfreien Wegen in den letzten 30 Jahren zu einer dynamischen und innovativen Region entwickelt, die wieder ein positives überregionales Interesse auf sich zieht. Gleichzeitig geht diese Entwicklung neben dem kulturell-wissenschaftlichen Aufstieg auf eine industrielle Stärke zurück. Im Vergleich zu anderen Großstädten ist der Anteil der Beschäftigten in der verarbeitenden Industrie hoch. Mit dieser Stärke geht auch ein besonderer Wandlungsdruck einher, die ansässige Automobil- und Zuliefererindustrie wird im Prozess von der Verbrenner- zur Elektromobilität mit der Produktion auch ihre Arbeitskräftenachfrage umstellen. Neue Fachkräfte sind gefragt, gesuchte Kompetenzen wandeln sich, neben Ingenieur*innen treten immer mehr Informatiker*innen oder Data Scientists – die Herausforderung betrifft nicht nur die Unternehmen in Aus- und Weiterbildung oder die Arbeitsverwaltungen, auch Kammern, soziale Träger, Gewerkschaften und Verbände, die regionale Politik und schlussendlich auch die Schulen und Universitäten sind hier gefragt.

Darüber hinaus müssen Kassel und die Region Nordhessen auch Antworten finden auf den um sich greifenden Populismus der Neuen Rechten bis hin zu rechtsextremem Terror. Mit dem Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke, aber auch zuvor bereits durch den NSU-Mord an Halit Yozgat 2006 ist Kassel deutschlandweit in die Schlagzeilen geraten. Auch im Zuge der Anti-Corona-Demonstrationen war Kassel einer der Hotspots. Politik und Zivilgesellschaft sind hier deshalb besonders aktiv, die Universität veranstaltet hierzu nicht nur Ringvorlesungen, sondern engagiert sich aktiv im eigenen multikulturellen Stadtteil – das Internetcafé von Halit Yozgat lag nur eine Straße vom Hauptcampus entfernt.

Schließlich wird der Klimawandel und damit das Erreichen der SDG-Nachhaltigkeitsziele der UNO ein zentrales Wandlungsthema für die Region. Während aus den Schulen die Fridays4Future Generation in die Universität einzieht und Wissenschaftler:innen der Uni Kassel die Scientists for Future gründen, hat der Senat im Sommer 2020 die Einrichtung eines international einzigartigen „Kassel Institute for Sustainability“ mit bis zu 17 neuen „SDG“-Professuren beschlossen, die in den kommenden Jahren berufen werden. Für den Wissenstransfer wird dieser Schwerpunkt ein zentrales Handlungsfeld, in dem Wissenschaft konkrete Beiträge zu einer nachhaltigen, lebenswerten und resilienten Region entwickeln kann.

Nachhaltige Transformationen verlangen Flexibilität wie Resilienz, weit vernetzte Universitäten sind dafür ein Haupttreiber – die Universität Kassel trägt bei zur Resilienz und ist Resonanzkörper für Trends und Talente, Stimmungen und Fortschritt. Sie will nicht nur ein abstrakter Thinktank sein, sondern begreift sich als Teil eines „machenden“, gestaltungsorientierten, eines responsiven und kollaborativen Transfers. Genau hier setzt das deutschlandweit einzigartige Kasseler Modell eines „gestaltungsorientierten Wissenstransfer“ an, der als Vermittler gesellschaftlicher Veränderungs- und Innovationsprozesse zwischen Wissenschaft und Gesellschaft wirken und gesellschaftliche Herausforderungen und Transformationsprozesse nicht nur begleiten, sondern aktiv mitgestalten will.

Kassel ist ein Paradebeispiel für die These des regionalen Raums als Laboratorium, wo viele Experimentierräume Innovatives schaffen, statt auf Ideen aus dem einen pulsierenden aber fernen Zentrum zu warten. Oder wie es die ZEIT 2017 auf Kassel bezogen formulierte: „[I]n einem föderalen Land entsteht an vielen Orten Aufregendes.“


Prof. Dr. Wolfgang Schroeder; 1960 geboren, ist Leiter des Fachgebiets „Politisches System der BRD- Staatlichkeit im Wandel“ an der Universität Kassel. Er war von 2009-2014 Staatssekretär im Ministerium für Arbeit, Soziales, Frauen und Familie des Landes Brandenburg. Seit 2016 ist er Fellow am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB).
Zuletzt erschienen: Das politische System der Bundesrepublik Deutschland (zusammen mit Prof. Florian Grotz). Seine Forschungsschwerpunkte sind: Politisches System der Bundesrepublik, Sozialstaat, Regional- und Strukturpolitik.