Pro­fil des Lehr­ge­bie­tes

So­zi­al- und Kul­tur­ge­schich­te (Hu­man-Ani­mal Stu­dies)

Die Sozial- und Kulturgeschichte befasst sich mit der kulturellen Verfasstheit gesellschaftlichen Lebens. Zu diesem gehören in allen menschlichen Gesellschaften auch Tiere.  Um diese zu berücksichtigen, greift sie auf Erkenntnisse des interdisziplinären Feldes der Human-Animal Studies zurück. Die sozial- und kulturhistorisch orientierten Human-Animal Studies erhoffen sich über die Untersuchung von Tier-Mensch-Verhältnissen neue Zugriffe auf menschliche Geschichte zu gewinnen, indem sie den gesellschaftsbildenden Beitrag von Tieren ernst nehmen. Dabei stehen auch die Tiere selbst vermehrt im Mittelpunkt der Analyse. Der Zugriff auf Tiere als historische Akteure läutet somit nicht bloß eine Neubetrachtung der Tier-Mensch-Geschichte ein – er ist vielmehr ein Perspektivenwechsel, von dem man sich neue Einsichten für die historische Forschung verspricht. Als „Animal History”, also als Tiergeschichte, beschreibt sie den Gang der Geschichte, wie Tiere ihn aktiv mitbestimmt haben.


Die Tiergeschichte geht etwa davon aus, dass den großen historischen Brüchen häufig auch sich ändernde Tier-Mensch-Beziehungen zugrunde lagen, so durch die Domestizierung, also der Nutzbarmachung von Tieren für den Menschen. Fängt man in der Vor- und Frühgeschichte an, so wurde bereits mit der Neolithischen Revolution das Ende des menschlichen Nomadenlebens auch mit seiner Bindung zum Tier erklärt. Antike Imperien bauten auf Tiere als omnipotente Lasten- und Kriegsgeräte. Tiere fungierten aber auch immer – in nahezu allen Gesellschaften, die Objekte historischer Untersuchung waren – als das omnipräsente Andere, auf das vor allem Negatives projiziert wurde. Andererseits war die Abgrenzung von dem, was als tierlich, und dem, was als menschlich markiert wurde, bis in die Frühe Neuzeit fluide. Dies zeigen sowohl die mittelalterlichen Tierprozesse wie auch bildlichen Darstellungen, z. B. die Bestiarien. Die Moderne wiederum ist durch eine Veränderung der Tier-Mensch-Beziehung gekennzeichnet, in der einerseits Tiere als Haustiere in intime menschliche Lebensräume rückten, andererseits die industrielle Intensivierung der (Aus-)Nutzung ihrer Körper anlief.

Die Forschungsgebiete der Tiergeschichte beschäftigen sich mit der Erfassung der Wirkmacht von Tieren als historischen Akteuren, der Frage nach dem geeigneten Quellenmaterial zur Schreibung von Tiergeschichte und der Einordnung von Tieren in die menschlichen Epocheneinteilungen. Sie beschäftigen sich mit allen nicht-menschlichen Spezies, vor allem aber mit jenen, die in einer engen Beziehung mit dem Menschen leben. Als Sozialgeschichte interessiert die Tiergeschichte wie Tiere in der Strukturierung menschlicher Gesellschaften mitwirkten. Eine solche Tiergeschichte zeigt sich anschlussfähig an weitere zentrale Teildisziplinen der Geschichtswissenschaften, vor allem der Umwelt- und Kolonialgeschichte, der Emotions- und Körpergeschichte, der Raum- und Stadtgeschichte, der Geschlechter- und Wissensgeschichte und der Neuen Kulturgeschichte. In Kassel wird die Tiergeschichte insbesondere im Hinblick auf die Neuere und Neueste Geschichte gelehrt. Sie umfasst in diesem Rahmen sowohl die Bandbreite der theoretisch-methodischen Fragestellungen als auch die Untersuchung konkreter Tier-Mensch-Beziehungen im Zoo, in der Haustierhaltung, im Tier- und Umweltschutzschutz und in Film- und Fernsehen.