Ver­an­stal­tungs­ar­chiv

05.02.2019 - Vir­gi­nie Des­pen­tes: Ver­non Sub­utex

Virginie Despentes gehört ohne Zweifel zu den schillerndsten Autor_innen der aktuellen französischen Literatur. Ihre Romane spielen in Milieus, in denen sie selbst lange zu Hause war: Punk, Prostitution, Drogen, Kriminalität. Entsprechend brutal, aber auch erhellend ist ihr Blick auf die gegenwärtige Gesellschaft:

Ihr Romanheld Vernon Subutex, lange Jahre erfolgreicher Besitzer des Plattenladens Le Revolver, muss sein Geschäft infolge der Umstellung des Musikkonsums vom Vinyl zum Netstreaming in den 2000er Jahren aufgeben.

Mit dem Einkommen verliert er schnell auch die Wohnung und sucht bei seinen früheren Weggefährt_innen Unterschlupf. Von der Coolness früherer Tage ist aber, wo immer er auch hingerät, nur noch wenig übrig. 

07.06.2018 - An­nie Ernaux: Die Jah­re (Les an­nées)

Das Romanische Quartett auf dem Campus-Fest der Universität Kassel

Im Roman Die Jahre erzählt Annie Ernaux, geb. 1940, ihr Leben. Der Roman bietet jedoch weit mehr als eine persönliche Lebensgeschichte. Er erzählt das Leben von Generationen und zeigt, wie Entwicklungen in Wirtschaft, Politik und Kultur Eingang in den Alltag der Franzosen finden und welche Ereignisse das Lebensgefühl so stark prägen, dass sie aus dem kollektiven Gedächtnis bis heute nicht wegzudenken sind: Die legendäre »Ente« (2CV), die Chansons der Piaf, die Filme der Nouvelle Vague, die Lockrufe der 68er („Unter dem Pflaster, der Strand!“), der öffentliche Siegestaumel auf der Place de la Bastille nach dem Wahlsieg des ersten Präsidenten der Linken (Mitterrand), aber auch das Trauma des Algerienkrieges,  die Revolte der Vorstädte und das Erstarken des Front National.

 

24.04.2018 - In­ge­borg Ra­disch: War­um die Fran­zo­sen so gu­te Bü­cher schrei­ben

Von der Befreiung Frankreichs bis zu seinem phantasierten Untergang, von Sartre bis Houellebecq reicht der historisch chronologische Überblick, mit dem die Literaturkritikerin der ZEIT, Iris Radisch, ihrem neuen Buch Lust auf die Lektüre französischer Literatur macht. In Frankreich, so ihr Credo, ist alles ein bißchen anders: Schriftsteller stehen im Licht der Öffentlichkeit, Außenseiter des Literaturbetriebs finden Beachtung, Grenzüberschreitungen regen die Phantasie an und keiner stört sich an Verletzungen der political correctness. Bezüge zur Zeitgeschichte, Biographisches und Anekdotisches fließen mit in die Darstellung ein und verleihen ihr Lebendigkeit.

07.11.2017 - Ka­ri­ne Tui­le: Zeit der Ru­he­lo­sen (L’in­sou­ci­an­ce)

Ein schwarzer Migrant im Beraterstab eines konservativen Präsidenten, ein erfolgreicher Unternehmer mit längst verdrängten jüdischen Wurzeln, eine Journalistin, die sich mit einem Roman über ihre von Gewalt und Armut geprägte Herkunft in die französische Elite katapultiert hat, und ein vom Afghanistankrieg traumatisierter Offizier: dies sind die Protagonisten von Karine Tuils Roman „Zeit der Ruhelosen“, mit denen die Autorin ein Portrait der französischen Gesellschaft zeichnen möchte.

Nur ein reißerischer Roman oder Analyse einer Gesellschaft, die durch Identitätsfestlegungen immer stärker zerreißt?

25.04.2017 - Di­dier Eri­bon: Rück­kehr nach Reims (Re­tour à Reims)

Zu Gast im Quartett: Der Politologe Wolfgang Schroeder

Mit ihrer Mischung aus sehr persönlichen Erinnerungen an die eigene Kindheit in der französischen Provinz und soziologischen Überlegungen zu sozialer Ungleichheit, Identität und Politik berührt und bewegt Eribons Biografie angesichts einer Gegenwart, in der rechte Populisten Zulauf haben und traditionelle linke Parteien ratlos scheinen.

Dieses Buch liefert mehr als nur den „literarisch-intellektuellen Soundtrack“ (S. Lessenich in der „Zeit“) zum Wahljahr 2017

31.01.2017 - Wolf Le­pe­nies: Die Macht am Mit­tel­meer. Frank­reichs Träu­me von ei­nem an­de­ren Eu­ro­pa

Zu Gast im Quartett: Die Soziologin Tanja Bogusz

Um Europa war es schon einmal besser bestellt. Es scheint schick geworden, sich anti-europäisch zu geben, gegen die Regelungswut, gegen die vermeintliche Ineffizienz, gegen den Brüsseler Moloch zu polemisieren. Adressat der Kritik ist dabei immer auch Deutschland – mal als finanzpolitischer Zuchtmeister, mal als anmaßender Moralisierer. Ist das nicht Anlass genug, von einem „anderen Europa“ zu träumen? Einem weniger rigiden, weniger deutschen, mehr mediterranen Europa? Tatsächlich haben solche Träume gerade in Frankreich eine lange Tradition, wie der Soziologe Wolf Lepenies zeigt.

Als Nachlese zum Romanischen Quartett zu Lepenies ein interessantes Interview der Soziologin Tanja Bogusz, die Gast im Romanischen Quartett war.

https://soziopolis.de/beobachten/gesellschaft/artikel/suedlich-von-westeuropa/

 

08.11.2016 - Mi­chel Hou­ell­becq: Der Un­ter­gang (So­u­mis­si­on)

Michel Houellebecqs Roman Unterwerfung, just am Tag der Terroranschläge auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo in Paris erschienen, handelt von einer drohenden Islamisierung Frankreichs und rüttelt damit an den Grundwerten der französischen Identität, die sich maßgeblich über Aufklärung, Revolution und Laizismus definiert. Eine hellsichtige Gesellschaftsanalyse oder pure Provokation?

 

Als Nachlese zum Romanischen Quartett zu Houellebeqc:

Franziska Sick, „Untergangsphantasien/-diskurse: Goll, Céline, Gracq, Houellebecq“, Romanischen Studien 4 (2016).  online abrufbar unter

http://www.romanischestudien.de/index.php/rst/article/view/224/667