17.10.2026 | Veröffentlichung

Neues Forschungszentrum in Kassel - hessenschau.de

Die Kunst- und Medienwissenschaftlerin Mi You und der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Hans-Jürgen Burchardt leiten das Käte Hamburger Kolleg. Quelle: hessenschau.de © hr, Collage

Warum die Energiewende auch in den Köpfen der Menschen entschieden wird

Wie gelingt die Energiewende, ohne die Menschen zu verlieren? Das ist einer der Aspekte, mit dem sich ein neues Forschungszentrum an der Uni Kassel beschäftigt. Helfen sollen dabei auch Kunst und Kultur.

Die Energiewende ist weit mehr als ein Technikprojekt: Sie wird nur mit der Unterstützung der Menschen funktionieren, so die These eines neuen Forschungszentrums in Kassel.

Die Arbeit des Käte Hamburger Kollegs zu "Rohstoffwelten - Kulturen im Umbruch" hat schon im August begonnen, jetzt ist es offiziell eröffnet worden.

In den nächsten Jahren werden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Ländern und Fachrichtungen dazu forschen, wie Rohstoffe die Gesellschaft prägen und was sich durch die Energiewende verändern wird.

20 Millionen Euro vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gibt es für das erste Forschungszentrum dieser Art in Hessen. Sieben weitere gibt es in ganz Deutschland. Die Einrichtungen forschen alle zu ganz unterschiedlichen Themen.

Energiewende löst auch Ängste aus

Die wissenschaftliche Leitung der "Rohstoffwelten" in Kassel haben Mi You, Professorin für Kunst und Ökonomie, und Hans-Jürgen Burchardt, Professor für internationale Politik.

Das Schild neben dem Eingang des Gebäudes an der Wilhelmshöher Allee ist noch aus Papier, im Gebäude erledigen die Elektriker gerade die letzten Arbeiten. Geforscht wird trotzdem schon. You und Burchardt sind sich einig: Die Energiewende wird meist als eine technische Herausforderung betrachtet. Dann geht es um Themen wie E-Mobilität, Photovoltaikanlagen, Wärmepumpen und grünen Wasserstoff.

Für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Käte Hamburger Kollegs stehen in diesem Zusammenhang aber auch die Fragen nach Ängsten, Identität und Akzeptanz im Mittelpunkt.

Sieben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Frankreich, Österreich, Singapur und Kanada sind eingebunden, sie berichten zum Beispiel über Erfahrungen aus ihren Ländern mit sozialen und ökologischen Folgen von Elektrifizierung und Rohstoffabbau.

Auf der Suche nach einer überzeugenden Erzählung

"Die Energiewende bedeutet eine vollständige Veränderung unserer Lebensstile", erklärte Burchardt - und damit einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel. Sie verändere nicht nur die Energieversorgung, sondern auch Wohnformen, Mobilität und viele alltägliche soziale und kulturelle Praktiken.

Die beiden Wissenschaftler sind überzeugt: Jede Energieepoche braucht eine überzeugende Erzählung. Auch der Wechsel von Kohle zu Gas habe politisch vermittelt werden müssen.

Gerade die Werbung spiele eine große Rolle, erläuterte Burchardt. Ihm zufolge habe diese über Jahrzehnte hinweg dazu beigetragen, Verbrennungsmotoren und Autos nicht nur als technische Produkte, sondern auch als Statussymbole darzustellen.

Kunst und Kultur stünden an vorderster Front, wenn es darum gehe, Fortschritt und Entwicklung zu verstehen, bekräftigte You. Als Beispiel nennt sie den Roman "Das Ministerium für die Zukunft" von Kim Stanley Robinson.

Das Buch zeige, wie Literatur politische Ideen für eine breite Öffentlichkeit greifbar machen könne, so You. In dem Buch geht es um eine Institution, die verschiedene Staaten der Welt zusammenbringen soll, um den Klimawandel zu bekämpfen.

Ladesäulen statt Tankrabatt

Der Großteil der Handlungsmöglichkeiten liegt laut Burchardt dennoch bei der Politik. Er kritisiert in diesem Zusammenhang den Tankrabatt. Hier würden für drei Monate 2,5 Milliarden Euro an Steuergeldern eingesetzt - für nichts, so Burchardt. "Das verpufft, danach passiert gar nichts." Die Milliarden hätten ihm zufolge in eine bessere Ladeinfrastruktur für E-Autos fließen sollen.

Mehr Wirksamkeit habe hingegen das 9-Euro-Ticket während der Corona-Pandemie gezeigt, das den Staat in drei Monaten genauso viel gekostet habe. Das Ticket führte laut Burchardt zu einem "enormen Popularitätsgewinn des öffentlichen Nahverkehrs".

"Die Menschen spüren vor allem Belastung"

Politik müsse die Ängste der Bevölkerung ernst nehmen und Angebote machen, die gut funktionierten, so Burchardt. Die Menschen spürten derzeit vor allem eine Belastung. Deutschland verfüge aber über ausreichend finanzielle Mittel, um die aktuellen Herausforderungen zu bewältigen.

Das eigentliche Problem liege in der Energie- und Rohstoffpolitik. Notwendige Maßnahmen wie zum Beispiel Windenergie und Solarstrom seien bekannt, würden aber nicht überzeugend genug vermittelt.

Forschung für ein "positives Zukunftsbild"

Bei der offiziellen Eröffnungsfeier des Forschungszentrums im Kasseler Staatstheater blickten nicht nur die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erwartungsvoll auf die kommenden zwölf Jahre.

Oberbürgermeister Sven Schoeller (Grüne) betonte, das Forschungsinstitut stärke die internationale Ausrichtung des Uni-Standorts und stehe für "ein positives Zukunftsbild".

Mit einer Videobotschaft wandte sich Wissenschaftsminister Timon Gremmels (SPD) an die Gäste im Schauspielhaus. Das Käte Hamburger Kolleg sei ein Anschub für die Spitzenforschung der Kasseler Uni und habe spannende Bezüge zur documenta im nächsten Jahr. Den interdisziplinären Ansatz bezeichnete Gremmels als "wegweisend".

Uni-Präsidentin Ute Clement betonte den Stellenwert des Kollegs für die Uni-Landschaft - aber auch für alle Menschen in Kassel. Auch die wissenschaftliche Arbeit der ausländischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler komme über verschiedene Lehrangebote den Studierenden zugute und werde über Kooperationen mit dem documenta-Institut, aber auch mit dem Staatstheater in die Gesellschaft getragen, so Clement.

Deswegen wird Kolleg-Leiter Burchardt den Sprung ins kalte Wasser wagen und seine Perspektiven für Politik und Wirtschaft am 22. Oktober im Fridericianum als Theaterstück mit einer wissenschaftlichen Performance aufführen. Er trete das erste Mal in seinem Leben als Schauspieler auf, wie er betont. "Ich bin jetzt schon aufgeregt."

Sendung: hr INFO, 15.10.26, 07:18 Uhr 

Quelle: hessenschau.de/Sina Philipps