Vertical Projekt

betreut von: Prof. Dr. Verena Brehm; M. Sc. Mara Benteler
Innenstädte in Deutschland befinden sich im Umbruch: Einzelhandel zieht sich zurück, Büro- und Gewerbeflächen stehen leer, gewohnte Nutzungsmodelle verlieren an Tragfähigkeit. Zugleich wächst der Bedarf an bezahlbaren, gemeinschaftlichen und flexiblen Wohnformen – für unterschiedliche Lebensphasen und Lebensmodelle. Leerstände in zentralen Lagen werden damit zu einer räumlichen Ressource für diese Bedarfe.
Aufbauend auf den Erkenntnissen des Reallabors „Wohn:Lokal“ im Sommer 2026 entwickelt das Entwurfsstudio im WS 2026/27 neue Wohnmodule und prototypische Wohnsituationen für innerstädtische Leerstände. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie leerstehende Räume – etwa Büros, Kaufhäuser, Parkhäuser oder Ladengeschäfte – temporär oder dauerhaft zu guten Wohnorten werden können. Welche räumlichen, sozialen und gestalterischen Anforderungen entstehen, wenn diese Räume von älteren Menschen, Kindern, Jugendlichen, Alleinerziehenden, Familien, Künstler:innen oder Kulturschaffenden genutzt werden? Wie lassen sich Rückzug und Gemeinschaft, Privatheit und Öffentlichkeit, Freiraum, Arbeiten, Spielen und Bewegung in modularen Wohnstrukturen mit geringem baulichem Aufwand zusammendenken?
Die Studierenden entwickeln die im Reallabor „Wohn:Lokal“ erprobten Wohnmodule zielgruppenspezifisch weiter. Ausgehend von konkreten Nutzer:innenprofilen entwerfen sie räumliche Szenarien, Modulprototypen und Einbaukonzepte für unterschiedliche Leerstandstypen in zentraler Innenstadtlage. Dabei wird der Maßstab vom Möbel zum Modul über die gemeinschaftliche Wohnsituation bis zum Gebäude und seiner Integration in die „City“ betrachtet.
Das Projekt verbindet Entwurf und 1:1-Prototyping. Neben der Analyse von Leerstandstypen und Wohnbedarfen stehen das Entwerfen, Bauen und Testen modularer Elemente im Mittelpunkt. Gespräche, Workshops und Rückkopplungen mit potenziellen Nutzer:innen sollen Teil des Entwurfsprozesses werden. Die Studierenden lernen, soziale Wohnbedarfe in räumliche Konzepte zu übersetzen, Bestandsräume auf ihre Umnutzungspotenziale zu untersuchen und modulare Entwurfslösungen für komplexe Nutzungssituationen zu entwickeln. Sie setzen sich mit Fragen der Aufenthaltsqualität, Gemeinschaftsbildung, Aneignung, Privatsphäre, Barrierefreiheit, Materialität, Konstruktion, temporären Nutzbarkeit und Wandelbarkeit auseinander. Als Ergebnis entstehen Zielgruppenprofile, Nutzungsszenarien, Einbaukonzepte sowie 1:1-Prototypen einzelner Wohnmodule oder Modulelemente. Eine ausgewählte Wohnsituation soll im SoSe 2027 während der documenta 16 in einem Leerstand der Kasseler Innenstadt aufgebaut und testweise erprobt werden.
Das Entwurfsprojekt richtet sich an BA- und MA-Studierende der Architektur und bereitet auf eine zentrale Aufgabe der Architekturpraxis vor: leerstehende Bestandsräume mit begrenzten Mitteln in gut nutzbare, bezahlbare, soziale und ggf. experimentelle Wohnorte zu übersetzen. Das Entwurfsprojekt wird vom Fachgebiet Entwerfen im städtebaulichen Kontext in Kooperation mit der Stadt Kassel und weiteren Initiativen organisiert.
 

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