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Anknüpfend an die letzte Mitgliederversammlung des ZELLs zum Thema Core Practices findet am 6. Mai 2026 ab 16:15 Uhr ein Vortrag von Prof. Dr. Matthias Nückles (Universität Freiburg, Abteilung Empirische Unterrichts- und Schulforschung) statt.

Alle ZELL-Mitglieder sind hierzu herzlich eingeladen.

Kernpraktiken als Bindeglied zwischen Unterrichtspraxis und Bildungsforschung
Das Konzept der Kernpraktiken (engl. Core Practices) gewinnt derzeit in der Lehrkräftebildung beachtlich an Popularität. Seine Verwendung ist jedoch konzeptionell sehr uneinheitlich, da verschiedene Autor:innen alle möglichen unterrichtsbezogenen Tätigkeiten von Lehrkräften (Unterrichtsplanung, Elterngespräche, Klassenführung) als Kernpraktiken bezeichnen. In meinem Vortrag schlage ich vor diesem Hintergrund eine hoffentlich zur begrifflichen Klärung beitragende Definition von Kernpraktiken vor, die ausgehend von den begriffspsychologischen Arbeiten Eleanor Roschs (1976, 1978) Core Practices als „Basic-Level Categories“, also Basiskategorien, definiert.
Mit Bezug auf die von Pam Grossman und Morva McDonald (den „Erfinderinnen“ der Core Practices) publizierten definierenden Merkmale (Grossman et al., 2009; McDonald et al., 2013) argumentiere ich, dass Kernpraktiken grundsätzlich durch soziale Interaktion mit Schüler:innen gekennzeichnet sind, weshalb z.B. wichtige Aspekte von Unterrichtsplanung, wie Stoffanalyse oder Sequenzierung von Inhalten, nicht als Core Practices bezeichnet werden sollten. Mit Rosch (1976, 1978) können Kernpraktiken auf einer mittleren Inklusivitätsebene zwischen sehr inklusiven Praxisbereichen (wie Unterrichtsplanung) einerseits und hochspezifischen Lehrkrafthandlungen andererseits (z. B. Post-Question Wait Time) angesiedelt werden. Aufgrund ihres mittleren Inklusivitätsniveaus sind Kernpraktiken wie das Geben von Erklärungen oder das Moderieren von Unterrichtsgesprächen für Noviz:innen leicht identifizierbar und daher ideale Ausgangspunkte für die Lehrkräftebildung.
Zur Veranschaulichung der didaktischen Implikationen kontrastiere ich das Konzept der Kernpraktiken mit den drei Basisdimensionen von Unterrichtsqualität (vgl. Praetorius et al., 2018), die derzeit in der Lehrkräfteausbildung stark Verwendung finden. Darüber hinaus berichte ich empirische Ergebnisse aus einem DFG-Projekt, in dem wir untersuchen, wie Lehrtrainings gestaltet werden sollten, die den Erwerb von Core Practices fördern. Unsere Ergebnisse geben klare Hinweise in Hinblick auf die instruktionale Gestaltung effektiver Lehrtrainings, machen aber zugleich deutlich, dass die forschungsorientiert-professionelle Umsetzung von Kernpraktiken für Lehramtsstudierende eine Herausforderung ist. Der Vortrag endet mit der Schlussfolgerung, dass Core Practices keineswegs einer „Ent-Akademisierung“ von Lehrkräftebildung Vorschub leisten (vgl. Horz, 2025; Zeichner, 2012), sondern vielmehr einen didaktisch fruchtbaren Ansatzpunkt bieten, um angehende Lehrkräfte dazu zu befähigen, Erkenntnisse der empirischen Bildungsforschung in professionelles Handeln zu übertragen.

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