Die anderen Zeichner

Wilhelm Dilich (1571/72 – 1650)

Schon zu Zeiten Landgraf Wilhelms IV. war am Kasseler Hof der Kartograph und  Kupferstecher,  Architekt/Ingenieur und Historiograph Wilhelm Dilich tätig. Geboren als  Wilhelm Scheffer 1571/72 in Wabern, studierte er von 1589  an in Wittenberg und ab 1591 in Marburg, wo er 1591 das Manuskript der „Synopsis descriptionis totius Hassiae …“ mit Federzeichnungen hessischer Landstriche anfertigte. Daraufhin nahm ihn 1592 der junge Landgraf Moritz als „Abreisser“ (Zeichner) in seine Dienste. Seine Aufgabe am Kasseler Hof bestand zunächst in der Darstellung von illustrierten Chroniken und höfischen Festen.[24] 1605 entstand die „Hessische Chronica“ eine topographische Beschreibung Hessens, eine Publikation, die bis 1617 mehrere Auflagen erlebte. 1607 begann Dilich mit der – letztendlich unvollendet gebliebenen -  Arbeit an den berühmten „hessischen Landtafeln“, die in ihrer topographisch genauen Schilderung hessischer Landschaften und rheinischer Burgen eine außerordentliche Meisterleistung darstellen, wobei Landgraf Moritz persönlich das Programm entworfen hatte.[25] Der überwiegende Teil dieser kolorierten Zeichnungen befindet sich ebenfalls in der Handschriftenabteilung der Universitätsbibliothek Kassel.[26] Überraschenderweise liegt die 1609 angefertigte, unvollendete Vorzeichnung zu einer Landtafel von Auburg jedoch im Bestand der Handzeichnungen des Landgrafen Moritz.

Dilichs sehr sorgfältiges und langwieriges  Arbeiten zog ihm immer wieder den Unmut des hessischen Fürsten zu, da er nach dessen Meinung zu viel Zeit und Geld auf diese Arbeit verschwendete. Nach tiefgreifenden Differenzen beendeten seine Einkerkerung 1622 und die Flucht nach Dresden 1625 seine Tätigkeit für den hessischen Landgrafen. Von da an war er als bestallter Kriegsingenieur, Kartograph, Architekt und Zeichner für  den sächsischen Kurfürsten Johann Georg I. tätig. 1627 bereiste er Kursachsen, um für die Dekoration des Riesensaals im Dresdener Schloss 17 Stadtansichten anzufertigen. Ab 1632 leitete er die Erweiterung der Dresdener Festungsanlagen. Bis zu seinem Tod 1650 lebte er in Dresden.

Neben der erwähnten Vorzeichnung für die Landtafel von Auburg befinden sich im vorliegenden Bestand ein weiterer, mutmaßlich Dilich zuzuschreibender fragmentierter Entwurf für eine Amtskarte von Kassel und Umgebung, sowie zwei beschriftete Zeichnungen des Kasseler Landgrafenschlosses, die eng mit den Darstellungen der „Hessischen Chronica“ zusammenhängen.

Adam Müller (ca. 1550 – vor 1627)

Adam Müller gehörte zu einer Kasseler Familie, die unter Landgraf Wilhelm IV. und Landgraf Moritz mehrere Baumeister zu ihren Mitgliedern zählte. Sein Vater war der Hofmaler Michael Müller während sein älterer Bruder Christoph Müller zunächst als Hofschreiner und später als Baumeister am Kasseler Hof tätig war.[27] Dessen Sohn wiederum war der mit einem Plan des Badehauses in Bad Ems ebenfalls im Bestand vertretene Hans Müller.

Der wahrscheinlich noch vor 1550 geborene und zwischen 1622 und 1627 verstorbene Adam Müller ist nicht identisch mit dem gleichnamigen späteren Vogt von Heydau, der auch als Vermesser  tätig war und als Sohn des Hofschreiners(?) Hieronymus Müller gilt, der vermutlich ebenfalls dieser handwerklich-künstlerisch begabten Familie entstammte.[28]

Erstmalig 1581 als Salzschreiber zu Kassel aktenkundig[29] erhielt Adam Müller 1593 die Bestallung als Salzschreiber in Allendorf.[30] 1596 verlieh ihm Landgraf Moritz aufgrund seiner langjährigen (32 Jahre!) Verdienste ein Grundstück in Erbpacht[31]. 1605 wird er als Eigentümer eines Hauses an der Schlagd in Kassel  genannt,[32] das auch im Plan 2° Ms. Hass. 107 [57] recto verzeichnet ist. Zu dieser Zeit fungierte er in den Akten bereits als Baumeister: nachdem er noch 1602 Berichte als „Salzschreiber“ unterzeichnet hatte,[33] wurde er 1603 in einer Bauanweisung zur Aue erstmalig als „bawmeister bawschreiber und Landmesser“ [34] bezeichnet und signierte fortan als Baumeister.

Neben der durch die signierten Zeichnungen belegten Beteiligung an den Bauarbeiten im ehem. Kloster  Breitenau (1607-1611) erscheint er nicht nur in den Kasseler Bauakten (u.a Ahnaberger Kloster, 1608), sondern zudem ab 1605 auch bei den Bauten in Heydau, Rotenburg und Spangenberg. 1609 berichtete er von der Kartause Eppenberg, 1610 von  Schloss Weißenstein.[35] Im gleichen Jahr  wurde er wegen einer Konsultation in Bausachen nach Sondershausen zu Graf Anton Heinrich von Schwarzburg geschickt[36]. In der Korrespondenz zur Errichtung der „Neue Müntz unter der Kanzlei“ im Kasseler Renthof erscheint er namentlich 1611 erwähnt,[37] 1612 unterzeichnete er Bauabrechnungen in  Waldau.[38]

Seine Aufgaben umfassten offenbar einen großen Teil des höfischen Bauwesens. Die häufig in den Dokumenten vorzufindenden gemeinsamen Unterschriften mit Hans Heinrich Siegerodt und Dr. Hermann Wolff  verweisen darauf, dass er zumindest zwischen 1603 und 1612 eine verantwortliche Position in der landgräflichen Bauverwaltung innehatte. Vermutlich wurde er um 1615 von Johann Wiedekindt abgelöst, der nach Rommel[39] 1619 die Baustube anführte.

Sein genaues Todesdatum ist unbekannt. Am 5. Januar 1622 taucht sein Name  in einer Aktennotiz zu Kaufungen auf, wo er eine Taxation vornehmen sollte.[40] Im Plan des Nassauer Hofes und seiner Umgebung von 1627 (2° Ms. Hass. 107 [207])  ist  sein Haus mit der Beischrift  "Adam Müller s. / witwe" versehen. Er dürfte demnach also zwischen Januar 1622 und 1627 verstorben sein.

Die erhaltenen Zeichnungen und Dokumente zeigen ihn als vielgefragten Praktiker, der wie viele seiner Kollegen seine Karriere am Kasseler Hof als Schreiber und Landvermesser begann.

Hans Müller (ca. 1560 – vor 1610)

Hans Müller gehörte zu einer Kasseler Familie, deren Mitglieder mit ihrer künstlerisch-handwerklichen Begabung über einen längeren Zeitraum für die Landgrafen Wilhelm IV. und Moritz tätig waren.

Geboren wurde er vermutlich um 1560 als Sohn von Christoph Müller, der zunächst als Hofschreiner, ab 1579 als Baumeister am Kasseler Hof beschäftigt war.  Dessen Bruder war der ebenfalls in gleicher Funktion tätige Adam Müller. Während dieser aber vor allem an Bauten in der Region (Waldau, Breitenau, Heydau) beteiligt war, scheint  sein Neffe eher mit Bauprojekten in der Residenz beschäftigt gewesen zu sein.

In den Akten erscheint Hans Müller erstmalig im Zusammenhang mit dem Neubau des Hessischen Badehauses in Ems, für den er 1580 den im Bestand vorhandenen Entwurf lieferte (2° Ms. Hass. 107 [96]). Beteiligt an den Bauarbeiten in Ems waren aber auch sein Vater Christoph Müller und Hans Wetzel.[41]

Weitere Zeichnungen von seiner Hand beschäftigten sich mit der Kanzlei im Renthof (1580)[42] und dem Neuen Tor (1583)[43] in Kassel.

Wiederum zusammen mit seinem Vater soll er auch an der Ausgestaltung der Wilhelmsburg in Schmalkalden beteiligt gewesen sein.[44]

1591 wird er als „Baumeister“ auf die Sababurg zur Überprüfung von Bauarbeiten gesandt[45].

Gemeinsam mit Hieronymus Müller, über dessen genaue verwandtschaftliche Beziehung (evtl. Bruder) bislang nichts bekannt ist,  arbeitete er an der Errichtung des Marstalls 1591-93, für den er ebenfalls Zeichnungen lieferte[46].

1593 wurde er kurzfristig zu  Philipp Ludwig von Pfalz-Neuburg gesandt, um Gebäude zu begutachten.[47]

1598 wird er noch einmal wegen einer Schlägerei in Eisenach erwähnt[48] - danach verliert sich seine Spur im Archiv. Nach Holtmeyer war er noch 1605 Eigentümer eines Wohnhauses in Kassel, das 1610 bereits Christof Jobst gehörte,[49] weshalb er in diesem Zeitraum verstorben sein dürfte.

Aufgrund seiner offensichtlichen zeichnerischen Begabung waren vor allem seine „Abrisse“ begehrt, während die anderen Mitglieder der Familie anscheinend eher für die praktischen Belange des Bauens zuständig waren.

Johann Wi(e)dekindt (ca. 1570 – 1628/1629)

Der aufgrund fehlender Nachweise nur schwer fassbare Baumeister wird 1593 mit seiner Bestallungsurkunde als Wallmeister in Kassel erstmalig erwähnt[50]. Seit 1610 soll er als Baumeister tätig gewesen sein,[51] in dieses Jahr war auch eine Steinkartusche in der Kasseler Martinskirche datiert.[52] Ab 1612/1613 leitete er vermutlich die Bauarbeiten im ehem. Kloster Breitenau.

1615 wird er im Zusammenhang mit der Mühle in Trendelburg erwähnt[53], im gleichen Jahr war er vermutlich auch in Waldau tätig.

1619 leitete laut Rommel „Hans Widekind“ die landgräfliche Baustube[54], als Vizebaumeister wird hier Georg Widekind genannt (sein Bruder), der auch als Baumeister in Ziegenhain und Marburg in den Akten erscheint.

Bei den Befestigungsarbeiten in Marburg war er 1620 ebenso beteiligt wie Wilhelm Dilich und Benjamin Bramer.[55]

1622 erstellte er zusammen mit seinem Bruder Georg eine „Taxation“ in Kaufungen.[56]

Von einer Einfriedung für Schloss Weißenstein bei Kassel berichtete „Jwiedekindt“ am 26.10.1625.[57] Vermutlich zeichnete er auch den kürzlich identifizierten, diesbezüglichen Plan.[58]

Bei dem großen „Abriß des Hauses Hohenenglis“ aus dem Jahre 1626[59] handelt es sich um die einzige von ihm eindeutig signierte und datierte Zeichnung.

Noch 1627 ist er in einem Grundriss des Ahnaberger Klosters fassbar[60], soll aber vor März 1629 verstorben sein.[61]

Während in den wenigen, ihm zugeschriebenen Zeichnungen ein um feinlinige Präzision bemühter Zeichner deutlich wird, der möglicherweise bei Wilhelm Dilich gelernt hat, lässt sich über seine Fähigkeiten als Baumeister aufgrund fehlender Dokumente bislang nichts Genaues sagen.

 


[24]z.B. der Ritterspiele zur Taufe der Prinzessin Elisabeth 1596, vgl. Nieder 2002

[25] vgl. Dilich 2011

[27] Papritz 1964/65, S. 178

[28] Papritz a.a.O

[29] HStAM Best. 40d Rubr. 4 Nr. 130

[30] HStAM Best. 40a Rubr. 0490

[31] HStAM Best. 17e Kassel 42

[32] Holtmeyer 1923, S. 746

[33] HStAM Best. 40a Rubr. 10 Nr. 168

[34] Schriftstück vom 25.7.1603, in: HStAM Best. 53e Paket 60

[35] HStAM Best. 53e Pak. 61

[36] HStAM Best. 4f Schwarzburg 51

[37] s. Anm. 33

[38] HStAM Best. 40a Rubr. 10 Nr. 168

[39] Rommel 1837, S. 413

[40] HStAM Best. 22a 11 Kaufungen Pak. 7

[41] vgl. die Akten in: HStAW Abt. 171 Nr. E 549, HStAM Best. 4a 25/28

[42] HStAM Karte P II 4303

[43] HStAM Karte P II 3605

[44] Müller 2004, S. 125

[45] HStAM Best. 53e Pak. 61

[46] vgl. die Akten in: HStAM Best. 53e Pak. 61

[47] Brief von Landgraf Moritz vom 30.09.1593, in: HStAM Best. 4f Pfalz 916, 1124

[48] HStAM Best. 4f Sachsen-Eisenach 48

[49] Holtmeyer 1910, S. 659

[50] HStAM Best. 40a 04138

[51] Papritz 1964/65, S. 178

[52] Holtmeyer 1923, S. 176

[53] HStAM Best. 53e Paket 61

[54] Rommel 1837, S. 413

[55] Brohl 2009, S. 53, HStAM Best. 4h 51/3

[56] HStAM Best. 22a 11 Kaufungen Pak. 7

[57] HStAM Best. 17e Weißenstein 3

[58] HStAM Karten P II 4342

[59] HStAM Karten P II 11425

[60] Stengel 1927, Anm. 177

[61] Papritz 1964/65, S. 179