Der Bestand

Provenienz

Im Winter 1785/1786 berichtete die Kriegs- und Domänenkammer laut der wiederentdeckten Akte[1] über die Übersendung der „Zeichnungen und Risze / welche von  / Ihro Hochfürstlichen Durchlauchth,  / dem Herrn Landgraffen Moritz, / mehrentheils selbst verfertigt worden“ in die damalige fürstliche Bibliothek, dem Vorläufer der Landesbibliothek. Dieses umfangreiche Konvolut (346 Blatt/Schriftstücke) umfasst tatsächlich neben eigenhändigen Zeichnungen des vielseitig begabten Landgrafen Moritz d. Gelehrten Blätter von anderer Hand sowie einige Schriftstücke, die überwiegend in Zusammenhang mit den dargestellten Bauten stehen. Es handelte sich demnach also zum damaligen Zeitpunkt um ein archivalisches Konvolut, was die spezielle Mischung von Zeichnungen und Schriftstücken sowie die durch die Aufbewahrung (Faltung) bedingten Schäden erklärt. Eine weitere Zeichnung des Landgrafen Moritz befindet sich zudem eingebunden in ein alchemistisches Manuskript der Bibliothek[2], und konnte dem ursprünglichen Bestand jetzt „virtuell“ hinzugefügt werden.

Eigenhändige Zeichnungen des Landgrafen Moritz befinden sich außerdem noch in der Graphischen Sammlung der Museumslandschaft Hessen Kassel[3] und im Hessischen Staatsarchiv Marburg[4]. Mit hoher Wahrscheinlichkeit kann man davon ausgehen, dass der erhaltene Bestand nur noch einen Bruchteil der ursprünglich vorhandenen, von Landgraf Moritz eigenhändig angefertigten Zeichnungen ausmacht. Viele Zeichnungen zu konkreten Bauplanungen sind vermutlich an anderen Stellen der fürstlichen Bauverwaltung aufbewahrt worden und im Laufe der Jahre verloren gegangen.

Die lange Zeit tradierte Meinung, dass die vorliegende Sammlung nach dem Tode des Landgrafen aus seinem „Schreibtisch im Eschweger Schloss“ geborgen wurde,[5] lässt sich aus den Quellen so nicht belegen. Das erhaltene, sehr genaue Nachlassinventar von 1632[6] führt die Blätter jedenfalls nicht namentlich auf. Da einige der Zeichnungen in die Zeit nach der Abdankung datiert sind – die letzte Datierung fällt in den August 1631[7] - könnten sich aber möglicherweise in den dort am Ende aufgeführten, nicht spezifizierten „Packeten“ Teile des heutigen Bestandes befunden haben.

Die Übergabeakte 2° Ms. Hass. 107a

In der erwähnten Übergabeakte erläutern die zuständigen Hofbeamten am 28. November 1785: „In dem Cammer Archiv haben sich die, in abschriftlich / angebogener Designation bemerkte – von des Herrn / Landgrafen Moritz Hochfürstl: Durchlaucht mehrentheils / höchst eigenhändig verfertigte  Risse und Zeichnungen / vorgefunden. // Da wir nun des unterthänigst unzielgebigsten dafürha„ / ltens sind, daß selbige, entweder in Fürstlichem Hof Archiv / oder auf Fürstlicher Bibliothec aufzubewahren seÿn / möchten; so ohnermangeln wir hiervon underthänigste An„ // Anzeige zu thun, und gnädigster Entschliesung, wohin gedachte / Riße und Zeichnungen abgegeben werden sollen,“ (fol. 4 recto+verso). Die beigefügte  „Abschrift“ der „Designation“, dem damals angefertigten Verzeichnis, verzeichnet die Sammlung in 54 Positionen. Im neunzehnten Jahrhundert wurden offensichtlich vier weitere Positionen in Graphit ergänzt, darunter die beiden Darstellungen Wilhelm Dilichs vom Landgrafenschloss „Arx vetus Casselae“ und „Arx nova  Casselae“,[8] die 1888 aus dem „Hess: Künstler- / album entnommen“ wurden. Im 19. Jahrhundert wurden vermutlich auch die Nachzeichnungen der Darstellung von Burghasungen hinzugefügt.

Der Abgleich der teilweise summarischen Übergabeliste („ein Paquet Zeichnung von Breidenau“) mit dem heutigen Bestand ergibt, dass die darin verzeichnete Sammlung seitdem weitgehend unverändert bis heute erhalten geblieben ist. Verloren gegangen ist allerdings definitiv das unter der Nummer 54 aufgeführte Blatt: „Zeichnung von einer runden Gallerie mit 4. Pavillons, / inventirt den 22ten Sept: 1627. a M:H:L:”. Die anderen Positionen, konnten im Bestand identifiziert werden. Dabei wird deutlich, dass schon 1785 der ursprüngliche Kontext einiger Zeichnungen nicht mehr bekannt war, so dass es zu irrtümlichen Zuschreibungen kam, die erst jetzt korrigiert werden konnten (z.B. „Weinkirchen“, „Pfaffenhauser“, „Lustenau“). [Abb. der Akte] [Transkription der Akte]

Zeichner und Objekte

Der größte Teil der eigenhändigen Zeichnungen des Landgrafen Moritz beschäftigt sich mit Objekten in zahlreichen Orten der Landgrafschaft im heutigen Nordhessen, -  neben den Städten Kassel, Melsungen, Allendorf und Eschwege sowie den säkularisierten Klöstern Breitenau, Burghasungen und Germerode sind auch einige kleinere Orte wie z.B. Malsfeld, Felsberg oder Kehrenbach sowie Gutshöfe wie Rückerode oder Vogelsburg vertreten. Einige Blätter wurden hingegen auf Reisen außerhalb der Landgrafschaft angelegt. Nach seiner Abdankung 1627 besuchte der Fürst von seinem zeitweiligen Standort Frankfurt aus den südhessischen Raum, wie z.B. Lich, Butzbach und  Greifenstein.  Mehrfach reiste er aber auch in die angrenzenden Regionen, so z.B. an den Rhein (Speyer, Bad Dürkheim, Marientraut, Düsseldorf, Hardenberg) und nach Franken (Ansbach, Wertheim, Coburg, Cadolzburg).

Bei den Zeichnungen von anderer Hand handelt es sich zumeist um Werke bisher wenig dokumentierter landgräflicher Baumeister. Interessant ist hier vor allem eine von Hans Müller signierte Entwurfszeichnung für das hessische Badehaus in Ems. Einige Zeichnungen konnten dem bekannten Kartographen und Architekten/Ingenieur Wilhelm Dilich zugeschrieben werden (darunter die unvollendete Vorzeichnung zur einer Landtafel von Auburg), außerdem sind noch die Hofbaumeister Adam Müller und Johann Wi(e)dekindt, vertreten, deren Tätigkeit am Kasseler Hof ebenfalls bislang noch kaum erforscht ist.

Insgesamt sind nach jetzigem Erkenntnisstand 55 Orte in Deutschland konkret identifizierbar. Zu den meisten Standorten liegen nur wenige Zeichnungen vor, umfangreichere Konvolute betreffen neben der Residenzstadt Kassel und ihrer näheren Umgebung vor allem die osthessischen Städte Melsungen und Eschwege sowie das Kloster Breitenau und die Domäne Fahre an der Fulda, die den Fürsten in seinen letzten Lebensjahren zu einer stattlichen Anzahl von Entwürfen für ein Lustschloss anregte.

Die ebenfalls im Bestand erhaltenen Schriftstücke von unterschiedlichen Schreibern beziehen sich in den meisten Fällen auf die dargestellten Bauten (Bauanweisungen, Vermessungstabellen etc.). Anders sieht es hingegen in denjenigen Fällen aus, wo Landgraf Moritz beliebige Schriftstücke (z.B. Briefe, Notizen) für seine Zeichnungen benutzte. Vor allem in seinen letzen Lebensjahren verwendete der abgedankte Fürst das Papier oft sehr sparsam und nutzte den freien Raum auf den Blättern voll aus. [9]

 


[1] aufbewahrt unter 2° Ms. Hass. 107a

[3] MHK, Graph. Sammlung , Marb. Dep. 250a: Frankfurt, Arnsburger Hof

[4] HStAM, Karten P II 10529: „Landtafel“; Slg. 7 Nr. d 322: Schloss Rotenburg; sowie ein Blatt eingebunden in Best. 4b 35: Entwurf eines Anbaus an das Landgrafenschloss in Kassel

[5] so König 1933, S. 3

[6] HStAM Best. 4a 38/7

[8] es handelt sich um die Blätter 2° Ms. Hass. 107 [198] + [199]

[9] vgl. z.B. die Zeichnung 2° Ms. Hass. 107 [238]