Perspektiven Bioenergiedörfer

Bioenergiedörfer (BED) – die sich u.a. dadurch auszeichnen, dass mindestens die Hälfte des Wärmebedarfs eines Dorfes oder einer Kommune durch Biomasse bereitgestellt und über ein Nahwärmenetz verteilt wird, gibt es in Deutschland bereits mehr als 140 Mal. Größtenteils setzen BED auf Biogas als Energieträger. Studien zeigen, dass die meisten der BED gut funktionieren und die Akteure und Wärmekunden zufrieden sind mit ihrer Wärmeversorgung. Die Perspektiven dieser kommunalen Konzepte sind jedoch gefährdet, wenn die Biogasanlagen (BGA) in Deutschland nicht weiterentwickelt und zukunftsfähig ausgebaut werden. Es kann sogar befürchtet werden, dass ein Großteil der bestehenden BED nach einer 20jährigen EEG-Förderung in die Unwirtschaftlichkeit laufen, da der Weiterbetrieb der Anlagen ohne Förderung nur unter ganz besonderen Bedingungen möglich erscheint. Zum einen müssten die Inputstoffe sehr günstig sein und möglichst aus Reststoffen bestehen und zweitens müssten die Wärme und der Strom zu einem rentablen und wettbewerbsfähigen Preis verkauft werden. Hier gilt es, neue Geschäftsmodelle und Prozesse zu etablieren –auch unter einer stärkeren Einbindung ergänzender erneuerbaren Energietechnologien-, die eine langfristige Perspektive für BED sichern.

Das Projekt und Reallabor „Perspektiven Bioenergiedörfer“, welches eine Kooperation des Instituts für Volkswirtschaftslehre sowie des Fachgebiets für Solar- und Anlagentechnik der Universität Kassel zusammen mit dem Geographischen Institut (Abteilung Kartographie, GIS und Fernerkundung) der Universität Göttingen ist, setzt an mehreren Stellen an. Insbesondere werden die Themenfelder Reststoffverwertung, Stromvermarktung (z.B. Grünstrom, regionale Flexibilitätsmärkte) und ergänzende Technologien näher betrachtet. Neben einer direkten Begleitung des „Transformationsprozesses“ von zwei ausgewählten Bioenergiedörfern (Reallaboren) erfolgt die Einbindung aller Bioenergiedörfer über eine Transferplattform (Website).

Am Fachgebiet für Solar- und Anlagentechnik werden technische Konzepte zum Betrieb von Nahwärmenetzen nach der 20-jährigen EEG-Förderung erarbeitet. Diese Konzepte unterscheiden sich einerseits in der Wärmebereitstellung durch die BGA, von keinem BGA-Betrieb bis zum heutigen BGA-Betrieb mit flexibilisierter Fahrweise. Andererseits könnten unterschiedliche Technologien die Wärmebereitstellung durch die BGA ergänzen oder ersetzen, wie z.B. Biomassekessel, Solarthermie, Großwärmepumpen oder auch konventionelle Technologien wie fossil betriebene BHKWs oder Spitzenlastkessel. Mit der Entwicklung eines „Baukastens Wärmeversorgung“ auf der Grundlage dynamischer Jahressimulationen der verschiedenen Wärmeversorgungskonzepte, soll BEDs ein Tool zur Orientierungshilfe an die Hand gegeben werden, um mögliche Transformationspfade der Nahwärmeversorgung besser abschätzen zu können.