Profil des Fachgebiets

Reihe von links: Sarah Schmoll, Sina Müller, Prof. Dr. med. Reinhard Lindner, Malika Teßmann, Christin Zschieschack, Vreneli Harborth, Hannah Müller-Pein

Das Fachgebiet soziale Therapie

Das Fachgebiet umfasst die theoretischen Grundlagen sozialer, individuell-psychischer und körperlicher Leidenserfahrungen, Störungen sowie Interventionsformen. 

Soziale Therapie als „Wissenschaft von den Beziehungen“ (R. Schwendter) der Menschen in ihren sozialen Bezügen und Lebenswelten befasst sich mit der „Pathologie der kulturellen Gemeinschaften“ (S. Freud), in einem wechselseitigen Bedingungsgefüge mit (intra-)psychischen und körperlichen  Faktoren, sowie mit deren Entstehungsbedingungen und Störungsformen. 

Als sozialtherapeutische Disziplin ist sie methodisch einem diskursiven Erkenntnisprozess verpflichtet: Die Wahrheit stellt sich im Dialog her,  wobei „die Konversation den letzten Bezugspunkt darstellt, von dem aus Erkenntnisse verstanden werden können“ (R. Rorty 1979, S. 389). Sie vertritt in Theorie, therapeutischer Haltung, Strategie und Technik psychoanalytische Ansätze psychosozialer Interventionsformen sozialer Arbeit im Bereich der Behandlung und Rehabilitation seelischer, geistiger und körperlicher Leidenserfahrungen in der gesellschaftlichen Lebenswelt. Innerhalb der Trias des biopsychosozialen Menschenbildes verfolgt sie besonders den Aspekt sozialer Ätiologie und sozialer Intervention (R. Schwendter) und ist in dieser Abgrenzung zu Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie als eigenständige praktische Wissenschaft und als Verantwortungsethik der Humanwissenschaften definiert. 

Als selbstreflexive Wissenschaft erforscht sie z.B. die Entfremdungserfahrungen von misslingenden Sozialisationsprozessen in familiären, institutionellen und gesellschaftlichen Kontexten, die sich in den sozialtherapeutischen Handlungsbezügen wiederholen (Übertragung und institutionelle Übertragung, wie auch Gegenübertragung) und in Prozessen professioneller Selbstreflexion durchgedacht werden. 

Als Ethik der Sozialen Therapie reflektiert sie die sozialen Konfliktpotentiale, die sich in den sozialen Lebenswelten der Postmoderne entwickeln; sie folgt dabei einem verantwortungsethischen (und nicht einem utilitaristischen) Modell der sozialen Therapie als Ethik der Sympathie. 

Soziale Therapie findet ihre Anwendung und ihren Forschungsgegenstand in den Praxisfeldern der Psychiatrie und Psychosomatik, der Soziotherapie im psychiatrischen, suchttherapeutischen und gerontopsychiatrischen Beratungs – und Behandlungsbereich, in der Beratung und Behandlung von Flüchtlingen, in der Sozialtherapie im Strafvollzug, in den Kinder- und Jugendlichen- sowie Familien und Krisenberatungseinrichtungen sowie in den alternativen und komplementären Behandlungskonzepten dieser Praxisfelder, in aufsuchenden und integrierten Versorgungsmodellen der Sozialpsychiatrie und der Psychotherapie sowie in der Gesundheits- und Krankenpflege und in weiteren komplementären Berufen des Gesundheits- und Sozialsystems. 

Sie wendet sich dabei besonders kritischen, existentiellen Kommunikationen zu, wie der Beratung und Behandlung bei Suizidalität und der Suizidprävention auf einer gesellschaftlichen, politischen, sozialen und individuell-psychischen Ebene.

Soziale Therapie ist Teil des BA-Studiums der Sozialen Arbeit an der Universität Kassel.

Lehre und Forschung der Sozialen Therapie folgen einem  psychoanalytischen und soziodynamischen Erklärungs – und Verständigungsansatz.