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12.01.2022 | Forschung

For­­schungs­­­pro­jekt un­­­ter­­sucht „Schwel­­len­zeit“ der Heim­er­zie­hung

Im Gefolge der Protestbewegungen rund um 1968 kam es im deutschsprachigen Raum zu Kritik am System der Heimerziehung. Reaktionen darauf waren mehr oder weniger durchgreifende Reforminitiativen. Dennoch gelangten nicht wenige Kinder und Jugendliche mindestens zwei weitere Jahrzehnte in kaum veränderte Fürsorgeinstitutionen. Diese Schwellenzeit zwischen Veränderung und Beharrung, die bislang wenig wissenschaftliche Aufmerksamkeit erfahren hat, untersucht jetzt ein internationales Forschungsprojekt unter Beteiligung der Universität Kassel.

Das Vorhaben trägt den Titel „Negotiating Educational Spaces in Residential Care 1970–1990. An Interdisciplinary Comparison of Transformation Processes in Austria, Germany and Switzerland“. In dem dreijährigen Projekt - gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, vom Österreichischen Wissenschaftsfonds und vom Schweizer Nationalfonds - kooperieren länderübergreifend die Universität Kassel, die Universität Innsbruck und die Hochschule Nordwestschweiz.

Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Institutionen der Heimerziehung in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf den durch die 68er-Bewegung angestoßenen gesellschaftlichen Wandel unterschiedlich reagierten. Zwar wurden Erziehungsheime und die dort durchgesetzte gesellschaftliche Ordnung durch die Protestbewegungen teilweise vehement in Frage gestellt, dies führte jedoch nicht überall gleichermaßen zu grundlegenden Veränderungen. Die These vom Ende der Anstalts- und Fürsorgeerziehung in den 1970er Jahren im deutschsprachigen Raum trifft also nur bedingt zu.

Daher fragt das Forschungsprojekt am Beispiel ausgewählter Regionen - Tirol/Vorarlberg, Hessen und Zürich - nach den ungleichzeitigen Dynamiken und Entwicklungsbedingungen von Reformprozessen in der Heimerziehung. Untersucht werden Aushandlungsprozesse um sich wandelnde Erziehungsräume in den 1970er und 1980er Jahren, und zwar aus einer raumtheoretisch fundierten Untersuchungsperspektive. Hierfür werden Archivmaterialien und Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen ausgewertet.

Ziel des Forschungsprojektes ist eine angemessene und differenzierte Beschreibung einer bislang wenig erforschten Schwellenzeit, die neue Erkenntnisse zur jüngeren Heimgeschichte erbringt sowie Methodologien zur Erforschung wohlfahrtsstaatlicher Transformationen liefert. Zugleich soll ein Beitrag zum Verständnis von überdauernden und sich wandelnden Struktureigentümlichkeiten in einem spezifischen Segment der öffentlichen Erziehung, der Heimerziehung, geleistet werden.

Das Kasseler Teilprojekt wird von Prof. Dr. Mechthild Bereswill am Institut für Sozialwesen geleitet. Es nimmt die Entwicklungen in den 1970er und 1980er Jahren in Hessen in den Blick. Hier fanden in der Heimkampagne 1969 öffentlichkeitswirksame Proteste vor allem gegen Erziehungsheime des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen statt.

Weitere Informationen: https://www.uni-kassel.de/fb01/institute/institut-fuer-sozialwesen/fachgebiete/soziologie-sozialer-differenzierung-und-soziokultur/forschung/die-aushandlung-von-erziehungsraeumen

Kontakt:
Prof. Dr. Mechthild Bereswill
Universität Kassel
Fachbereich 01 – Institut für Sozialwesen
Fachgebiet Soziologie sozialer Differenzierung und Soziokultur
E-Mail: bereswill[at]uni-kassel[dot]de