Forschung
Laufende Forschungsprojekte
Wissenschaftliches Netzwerk: Zur sozialen Herstellung und Nutzung von Video in der empirischen Sozialforschung
Projektleitung: Prof. Dr. Ulrike T. Kissmann (Antragstellerin)
Laufzeit: 6/2026 – 5/2029
Förderung: Deutsche Forschungsgemeinschaft
Fördersumme: 84.044.- €
Durch die technische Entwicklung von sozialen Medien, Videoüberwachungskameras oder Körperkameras einerseits und die Relevanz von künstlicher Intelligenzandererseits steigt gegenwärtig und auch zukünftig die Vielfalt sowie Verfügbarkeit von Videodaten. Trotz einzelner wissenschaftssoziologischer Reflexionen zum empirischen Gebrauch von Videodaten als Forschungsdaten liegt bislang kein gezielter methodologischer Vergleich vor, der das bestehende Schisma in qualitativ–quantitativ kritisch beleuchtet. Das anvisierte wissenschaftliche Netzwerk wird im Dialog mit methodenpluralen Forscher*innen die methodologischen und epistemologischen Annahmen sichten und vergleichen, die zur Herstellung und Nutzung von Video führen. Im gemeinsamen Austausch werden die Wahrheits- und Geltungsansprüche sowie Qualitätskriterien reflektiert, die sowohl bei der Erhebung als auch der weiteren Verarbeitung sowie Analyse der Daten relevant sind. Das Netzwerk verortet sich einerseits in dem Ansatz von MMMR, also von Mixed Methods and Multi-Method Social Research. Damit wird ein breites Verständnis von Methoden-Integration zugrunde gelegt, das auch die Verknüpfung von Methoden innerhalb von qualitativen oder quantitativen Ansätzen beinhaltet. Andererseits nutzt das Netzwerk die Perspektiven der Science and Technology Studies und betrachtet die Herstellung und Nutzung von Video nicht unter Verwendung eines Konzepts von Wissenschaft als science-as-made, sondern im Sinne von science-in-the-making wie erstmalig in den Laborstudien von Bruno Latour und Steve Woolgar. Die Zuordnung in quantitativ versus qualitativ wird in der Hinsicht kritisch hinterfragt, als dass sichtbar gemacht wird, wie quantitative und qualitative Daten erzeugt und welche methodologischen Kriterien dafür geltend gemacht werden. Schließlich werden diese Perspektiven durch die Critical Data Studies ergänzt, weil gegenwärtig viele Videodaten als Big Video Data vorliegen. Das anvisierte Netzwerk wird im gemeinsamen Dialog sondieren, ob und inwieweit (audio-)visuelle Daten Phänomene nicht nur repräsentieren, sondern stattdessen Wissen transformieren und dadurch Neues hervorbringen. Dazu gehört auch die Frage, was den Umgang mit Forschungsdaten von natürlichen Situationen (im Sinne von Garfinkel) ausmacht und wie sich dieser möglicherweise durch Deepfakesvon Videodaten verändert.
Um diese Ziele einzulösen, wird erstens jährlich ein Workshop mit eingeladenen nationalen und internationalen Vortragenden und abschließend eine internationale Tagung für methodenplurale Forscher*innen im Bereich Video veranstaltet. Zweitens werden gemeinsame Forschungsprojekte zwischen den Netzwerkmitgliedern initiiert, die entweder auf die Meta-Reflexion oder auch die Anwendung von integrierten Ansätzen mit Video fokussieren. Drittens leisten die Ergebnisse des Netzwerks einen Beitrag zur Optimierung der Speicher- und Nachnutzungsmöglichkeiten für Video bestehender Repositorien.
Die soziale Herstellung von Videodaten ist eng an den Erhebungs- und Verarbeitungskontext gebunden. In einer klassischen Studie haben Charles Goodwin und Marjorie Goodwin (1997) prominent vorgeführt, wie ein Amateurvideo von Polizeigewalt in zwei Gerichtsprozessen unterschiedlich kontextualisiert bzw. de–kontextualisiert wurde und dadurch zu diametral entgegengesetzten richterlichen Entscheidungen geführt hat. Der Workshop widmet sich erstens der Frage, welche Kontextualisierungen für die spätere Analyse relevant sind. Durch welche Qualitätskriterien wird die Relevanz von Kontexten gesichert festgestellt? Wodurch gelten Kontexte dagegen als irrelevant? Der Workshop fokussiert dezidiert die methodologischen und epistemologischen Voraussetzungen, die zur Kontextualisierung bzw. De–Kontextualisierung von Videodaten herangezogen werden und begnügt sich nicht mit einem einfachen Verweis auf den Pragmatismus wie oftmals in den Mixed Methods (zur Kritik vgl. Gobo 2023). Was wird in den verschiedenen methodologischen Perspektiven genau als Kontext bezeichnet? In z.B. der Ethnomethodologie wird der Kontext dadurch erzeugt, dass die gefilmten Teilnehmenden darauf verweisen. Dies können auch situationsübergreifende Kontexte sein (vgl. z.B. Meyer 2017; Coenen/Tuma 2022). Inwiefern können methodenplurale Ansätze die Identifikation der relevanten Kontexte unterstützen?
Judith Schoonenboom (2023) hat überzeugend vorgeführt, dass qualitative Daten einen Kontextbezug aufweisen, während quantitative Daten diesen Bezug nicht (mehr) beinhalten. Der Workshop geht deshalb zweitens der Frage nach, wie durch Kontextualisierung bzw. De–Kontextualisierung die Zuschreibung in qualitativ–quantitativ vollzogen wird. (Audio-)visuelle Daten heben sich von herkömmlichen Forschungsdaten in der Hinsicht ab, als dass Visualität besonders komplex ist. Visuelle Wahrnehmung zeichnet sich im Gegensatz zu Sprache oder Text insbesondere durch Synchronizität aus (vgl. z.B. Simmel 1993). (Audio-)visuelle Forschungsdaten beinhalten die Gesamtheit vieler synchroner Informationen. Der Workshop hat nicht nur das Ziel zu untersuchen, welche Kontextinformationen unter welchen Bedingungen als relevant gesetzt werden, sondern insbesondere wie dadurch die Zuschreibung in qualitativ oder quantitativ erzeugt wird. Schoonenboom hat nachdrücklich darauf verwiesen, dass eine quantitative Analyse nur mit quantitativen Daten gemacht werden kann und umgekehrt eine qualitative Analyse nur mit qualitativen Daten. Der Workshop geht der Frage nach, ob und inwieweit das Methoden-Schisma seinen Ausgangspunkt in der Kontextualisierung bzw. De–Kontextualisierung von Daten hat. Vor dem Hintergrund der Komplexität von (audio-)visuellen Forschungsdaten wird der Umgang mit der Rahmung von Forschungsdaten kritisch reflektiert und auf diese Weise ein Beitrag dazu geleistet, die binäre Zuordnung in qualitativ versus quantitativ grundlegend zu hinterfragen.
Literatur:
Coenen, Ekkehard/Tuma, René (2022): Contextural and Contextual – Introducing a Heuristic of Third Parties in Sequences of Violence. In: Hoebel, Thomas/Reichertz, Jo/Tuma, René (ed.). Historical Social Research, 47 (1), Special Issue “Visibilities of Violence. Microscopic Studies of Violent Events and Beyond, 200–224.
Gobo, Giampietro (2023): Mixed Methods and Their Pragmatic Approach: Is There a Risk of Being Entangled in a Positivist Epistemology and Methodology? Limits, Pitfalls and Consequences of a Bricolage Methodology. FQS Forum: Qualitative Sozialforschung/Forum: Qualitative Social Research, 24(1), Art. 13, dx.doi.org/10.17169/fqs-24.1.4005 (abgerufen am 6.5.25).
Goodwin, Charles/Goodwin, Marjorie (1997): Contested Vision: The Discursive Constitution of Rodney King. In: Gunnarsson, Britt-Louise/Linell, Per/Nordberg, Bengt (ed.). The Construction of Professional Discourse. London, New York: Routledge, 292–316.
Meyer, Christian (2017): The Cultural Organization of Intercorporeality: Interaction, Emotion, and the Senses among the Wolof of Northwestern Senegal. In: Meyer, Christian/Streeck, Jürgen/Jordan, Scott (ed.). Intercor-poreality. Emerging Socialities in Interaction, New York: Oxford Univ. Press, 143–172.
Schoonenboom, Judith (2023): The Fundamental Difference Between Qualitative and Quantitative Data in Mixed Methods Research. FQS Forum: Qualitative Sozialforschung/Forum: Qualitative Social Research, 24(1), Art. 11, http://dx.doi.org/10.17169/fqs-24.1.3986 (abgerufen am 7.5.25).
Simmel, Georg (1993): Soziologie der Sinne. In: Ders. Aufsätze und Abhandlungen 1901-1908, Band II, hrsg. von Cavalli, Alessandro/Krech, Volkhard. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 276–292.
In den Science and Technology Studies wird der Begriff Embodiment benutzt, um die Überwindung der herkömmlichen Geist-Körper-Grenzen zu charakterisieren (vgl. z.B. Myers 2008; Mol 2002, Latour 2012). Es wird darin nicht nur gezeigt, dass sich Bewusstseinszustände im Körper manifestieren wie z.B. in der Psychologie oder Biologie, sondern insbesondere wie der Leib zum handelnden Akteur wird. Während vormals nur dem menschlichen Bewusstsein Handlungsträgerschaft zugesprochen wurde, gilt dies in den aktuellen Diskussionen gleichermaßen für den Leib wie für die Technik selbst (als Überblick z.B. Kissmann/van Loon 2019). Vergleichbare Debatten in der Soziologie greifen auf die Leibphänomenologie von Merleau-Ponty, den Kommunikativen Konstruktivismus im Anschluss an Berger und Luckmann oder die Praxistheorie zurück, ohne jedoch von einer Symmetrie der unterschiedlichen Entitäten auszugehen und sie sowohl sprachlich als auch methodologisch als gleichberechtigt zu behandeln. Die empirische Forschungsmethode Video situiert sich in besonderer Weise in diesen Debatten, weil sie der Leiblichkeit von Verständigung Rechnung trägt und die Wirkung von Gestik und Mimik untersucht. Der Workshop verfolgt das Ziel, die empirischen Ausdrucksformen von Embodiment und ihre theoretischen Grundlagen in dem Format Video zu charakterisieren. Einerseits wird nach den Wahrheits- und Geltungsansprüchen von beobachteten Phänomenen wie z.B. der Zwischenleiblichkeit (z.B. Meyer/Streeck/Jordan 2017) oder der Leiblichkeit des Geschmacksinns (z.B. Mondada 2019) gefragt. Welche Qualitätskriterien werden angeführt, um diese Formen von Leiblichkeit als Formen der Sozialität geltend zu machen? Andererseits wird die Wirkung von spezifischen Formen von Embodiment in den sozialen Medien untersucht. Gegenwärtig erlangen so genannte rechtsextreme Mime als Bestandteil von Bildern und Videos an Bedeutung (vgl. z.B. Knopp u.a. 2024). Welche Effekte der Manipulation und Einflussnahme nutzen rechtsextreme Mime? Welche Weltbilder verkörpern sie und welche Aneignungsangebote bieten sie? Insgesamt ist es Ziel des Workshops, die verschiedenen Perspektiven auf Embodiment als Grundlage für Video als empirische Forschungsmethode über methodologische, disziplinäre und regionale Grenzen hinweg zu diskutieren.
Literatur:
Kissmann, Ulrike T./van Loon, Joost (ed.) (2019): Discussing New Materialism. Methodological Implications for the Study of Materialities. Wiesbaden: Springer VS.
Knopp, Vincent/Terizakis, Georgios/Denker, Kai/Groß, Eva/Häfele, Joachim/Pollich, Daniela (2024): Rechtsextreme Mime. Eine praxisorientierte Einführung für die Ausbildung in Polizei und Sozialwissenschaften. Bielefeld: transcript.
Latour, Bruno (2012): Technical Does Not Mean Material. Comment on Lemonnier, Pierre, 2012, Mundane Objects: Materiality and Non-verbal Communication, Walnut Creek, CA: Left Coast Press, HAU: Journal of Ethno-graphic Theory 4 (1): 507–510.
Meyer, Christian/Streeck, Jürgen/Jordan, Scott (ed.) (2017): Intercorporeality. Emerging Socialities in Interaction, New York: Oxford Univ. Press.
Mol, Annemarie (2002): The Body Multiple. Ontology in Medical Practice. Durham: Duke University Press.
Mondada, Lorenza (2019): Rethinking Bodies and Objects in Social Interaction. A Multimodal and Multisensorial Approach to Tasting. In: Kissmann, Ulrike T./van Loon, Joost (ed.). Discussing New Materialism. Methodo-logical Implications for the Study of Materialities. Wiesbaden: Springer VS, 109–134.
Myers, Natasha (2008): Molecular Embodiments and the Body-work of Modeling in Protein Crystallography. Social Studies of Science, 38/2, 163–199.
Big Video Data von z.B. Überwachungskameras oder von Körperkameras der Polizei werden nach der Aufnahme in Informationssystemen gespeichert und verarbeitet. Die Polizist*innen in Deutschland übertragen z.B. die Videoaufzeichnungen von ihren Bodycams auf eine Auswertungssoftware. Dort haben sie die Möglichkeit, einzelne Videosequenzen für eine zweckändernde Nutzung zu markieren, so dass sie nicht nach 30 Tagen automatisch gelöscht werden (siehe Polizei- und Ordnungsbehördengesetz). Im Anschluss können sie in einem polizeilichen Vorgangsbearbeitungssystem verwendet werden. Der Workshop geht der Frage nach, wie Forscher*innen zu ihren Videodaten gelangen: Wie werden die Daten erhoben, bearbeitet und weiterentwickelt? Welche Auswahl an Videodaten wird einer Analyse unterzogen? Welche Prämissen werden dafür herangezogen? Falls Big Data Verwendung finden, wird dezidiert nach den IundK-Technologien gefragt, die zu ihrer Herstellung benutzt wurden. Informationssysteme werden in den Science and Technology Studiesschon lange als digitale Infrastrukturen konzeptualisiert, deren Betrieb nur durch die enge Verflechtung mit sozialen Praktiken möglich ist (vgl. z.B. Karasti/Blomberg 2018; Clarke/Star 2008; Star/Ruhleder 1996). Publikationen dieser Provenienz betonen insbesondere den relationalen Charakter von digitalen Infrastrukturen, weil sie nur in situ und in Relation zu Praktiken relevant werden. Als Konsequenz können sie nur wahrgenommen und sichtbar werden, wenn sie Aktivitäten ermöglichen. Ansonsten bleiben sie unsichtbar. Während in den Science and Technology Studies auf den relationalen Charakter von Infrastrukturen abgehoben wird, fokussieren die Critical Data Studies auf die performative Leistung der Daten selbst. Letztere gehen davon aus, dass Daten kein Phänomen repräsentieren, sondern stattdessen Neues hervorbringen und dadurch Wissen transformieren (vgl. z.B. Ruppert u.a. 2017). Der gemeinsame Anspruch von Forschung in diesen beiden Traditionen besteht darin, die Bedingungen der Verwendung von Daten und damit die Herstellung von Wissen durch Daten sichtbar zu machen. Beide Traditionen gehen gleichermaßen davon aus, dass der Umgang mit Daten politisch ist, weil andere Dateninfrastrukturen zu anderen Formen von Wissen führen würden.
Digitale Infrastrukturen prägen nicht nur die soziale Herstellung der Videos und damit letztendlich den Analyseprozess, sondern sie erlangen eine nicht unerhebliche Bedeutung in Form von Forschungsdatenmanagementsystemen. Der Workshop verfolgt deshalb auch das Ziel, die digitalen Infrastrukturen sichtbar zu machen, die die Speicherung und Nachnutzung von Videos ermöglichen. Es wird danach gefragt, welche Form von Videodaten und welche Kontextinformationen wie z.B. Metadaten Zugang zum Repositorium haben. Wie wird dabei zwischen quantitativen und qualitativen Daten unterschieden? Aus einer MMMR-Perspektive ist relevant, welche Verarbeitungsform der Videos gespeichert und zur Nachnutzung zur Verfügung gestellt werden soll. Wie wird der Kodierung bzw. Transformation der Videodaten Rechnung getragen? Welche Schritte der Zwischenanalyse werden transparent gemacht?
Literatur:
Clarke, Adele E./Star, Susan L. (2008): The Social World Framework. A Theory/Methods Package. In: Hackett, Edward J./Amsterdamska, Olga/Lynch, Michael E. Wajcman, Judy (ed.). The Handbook of Science and Technology Studies. Cambridge, MA: MIT Press, 113–137.
Karasti, Helena/Blomberg, Jeanette (2018): Studying Infrastructuring Ethnographically. Computer Supported Cooperative Work (CSCW). 27(2), 233–265.
Ruppert, Evelyn/Isin, Engin/Bigo, Didier (2017): Data Politics. July–December, 1–7, DOI: 10.1177/2053951717717749.
Star, Susan Leigh/Ruhleder, Karen (1996): Steps Toward an Ecology of Infrastructure. Borderlands of Design and Access for Large Information Spaces. Information Systems Research. 7(1), 111–134.
Am Ende der drei geförderten Jahre wird eine abschließende Tagung an der Universität Kassel abgehalten. Während die drei Workshops insbesondere für die Netzwerkmitglieder, geladene Gäste und einzelne interessierte Außenstehende vorgesehen sind, adressiert die abschließende Tagung dagegen mit einem Call for Papers alle interessierten methodenpluralen Wissenschaftler*innen, die zu Video als empirischer Forschungsmethode arbeiten. Die Tagung wird im Gegensatz zu den Workshops themenoffen sein.