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16.01.2026 | Öffentlichkeit

Nachruf: Prof. em. Dr. Wilhelm Köller († 12.12.2025)

Nachruf auf Prof. em. Dr. Wilhelm Köller 

(23.4.1941 – 12.12.2025)

 

Wilhelm Köller war von 1975 bis 2006 Professor für Sprachwissenschaft und Sprachdidaktik an der Universität Kassel. Das wissenschaftliche Werk, das er hinterlassen hat, ist schlicht imponierend. Der Titel einer frühen Monographie von 1988 lässt die Richtung des intellektuellen Zugriffs erkennen: „Philosophie der Grammatik. Vom Sinn grammatischen Wissens.“ Nie ging es Wilhelm Köller um die bloße Beschreibung sprachlicher Strukturen, sondern um ihre Funktion in der kommunikativen Lebenswelt. „Wozu wurde das erfunden?“ fragte er bereits 1983 in „Funktionaler Grammatikunterricht“ im Hinblick auf Tempus, Genus und Modus.

Promoviert wurde Wilhelm Köller mit der Arbeit „Semiotik und Metapher“ (1975), und das Metaphorische begegnet 2012 erneut in „Sinnbilder für Sprache. Metaphorische Alternativen zur begrifflichen Erschließung von Sprache“. Die Metapher ist Ausdruck des nicht wörtlich Gemeinten, zugleich vermag sie – meist gerade deshalb – Sachverhalte absolut schlagend auf den Punkt zu bringen. Dabei enthält sie immer eine Perspektive, und es ist dieses Perspektivische des Sprechens und Schreibens, das Wilhelm Köller interessierte („Perspektivität und Sprache. Zur Struktur von Objektivierungsformen in Bildern, im Denken und in der Sprache“, 2004). 

Durch Wilhelm Köllers Arbeiten zieht sich ein roter Faden, der im Untertitel eines seiner Aufsätze prägnant zum Ausdruck kommt: „Zur Erschließungsfunktion der Sprache für die Welt“. Nichts Geringeres war sein Anliegen, als zu untersuchen, wie die Sprache unser Erkennen von Welt leitet. Die Frage kann man auf eine bestimmte linguistische oder sprachphilosophische Fragestellung oder auf eine Person hin zuschneiden, kann sie z. B. vor dem Hintergrund der Wortfeldtheorie (traditioneller) oder der Frametheorie (aktueller) oder konstruktivistischer Überlegungen untersuchen, in Bezug auf Gedanken Ludwig Wittgensteins oder unter Berücksichtigung des Werks Wilhelm von Humboldts, je nachdem, ob man eher Semantiker oder Philosoph oder Wissenschaftshistoriker ist. Wilhelm Köller aber interessierte sich für die Frage als solche, in all ihren thematischen Einbindungen, und die machen an disziplinären Grenzen nicht halt. Wenn das bedeutet, sowohl Platon und Aristoteles als auch Carnap und Wittgenstein, Augustinus, Saussure, Kant, die Schlegels, Nietzsche, Jakobson, Bühler, Peirce und Weinrich einbeziehen zu müssen, dann tat Wilhelm Köller eben das. Die T-Strecke des Namensregisters von „Perspektivität und Sprache“ liest sich so: Talleyrand, Teiresias,Lucien Tesnières, Thales von Milet, Theodorus von Studion,Thomas von Aquin, Thukydides, Ludwig Tieck, Till Eulenspiegel,Charles de Tocqueville, Leo Tolstoi, Adolf Trendelenburg, Jost Trier und Kurt Tucholsky – Sprachwissenschaftler, Philosophen, Theologen, Literaten, fiktive Gestalten aus Mythologie und Literatur, aus über zweieinhalb Jahrtausenden. 

Immer hatten seine Arbeiten einen klaren thematischen Fluchtpunkt: die Frage nach der Brechung desjenigen, was wir als „die Wirklichkeit“ bezeichnen, in unendliche Facetten, vor allem dann, wenn die Sprache dafür verantwortlich ist. Für den Leser bedeutete die Lektüre Köller’scher Texte „die Teilhabe am Denken in großen Linien“, wie ein Kasseler Kollege von ihm schrieb. Wilhelm Köller – so der Kollege weiter – habe sich für sein Leben vorgenommen, „das, was wir alle tagtäglich sprachlich tun, zu sortieren und zu ordnen, damit wir selbst mehr Klarheit über uns gewinnen“.

Viele der Monographien Wilhelm Köllers sind im Verlag De Gruyter erschienen, die meisten davon in der Reihe der Studia Linguistica Germanica. In einem der Gutachten der Herausgeber zu „Die Zeit im Spiegel der Sprache“ (2019) heißt es, die Arbeit habe eine Qualität, die „nur als herausragend beurteilt werden kann.“ Solche Urteile waren typisch über Arbeiten Wilhelm Köllers, wie auch die Sicht seines Werks als ein Zusammenspiel erkenntnistheoretischer, anthropologischer und kultureller Dimensionen. Die für Wilhelm Köller charakteristische Behandlung seiner Themen von der Antike über das Mittelalter bis in die Neuzeit und weitere Gegenwart hinein sucht ihresgleichen. 

Man kann bei der Lektüre Köller’scher Texte sicher sein, dass der Autor keine theoretischen oder methodischen Positionen verfolgt, nur weil sie gerade in Mode sind. Ihm ging es stets um die wissenschaftliche Sache, die es zu erschließen galt. In Diskussionen mit ihm konnte man sich mangelnde Präzision nicht erlauben, denn Wilhelm Köllers Fragen zielten immer auf das, was an dem zur Diskussion stehenden Sachverhalt noch ungeklärt war ( – anlässlich seiner Verabschiedung sagte ein Kollege, die für Wilhelm Köllers Diskussionsstil charakteristischste Wendung sei „Ja – aber...“). 

Diese Haltung des „Ja – aber...“ diente nicht nur der wissenschaftlichen Diskussion, sondern auch der Kasseler Germanistik als institutioneller Einrichtung: Wilhelm Köller wirkte entscheidend an der Neustrukturierung des Instituts mit. Die Einrichtung einer Professur für Grundschuldidaktik der deutschen Sprache und Literatur etwa war der Tatsache zu verdanken, dass er persönlich mit einem Kollegen die Notwendigkeit einer solchen Professur im Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst darlegte.

Bei allem Argumentieren und Diskutieren aber blieb Wilhelm Köller immer das, was ihn neben seiner Klugheit und intellektuellen Prägnanz auszeichnete: ungemein warmherzig und den Menschen zugewandt. So wie er sich nie vor Kollegen aufspreizte, so wenig richtete sich sein Argumentieren je gegen eine Person. 

Kurz vor seinem Tod hat er die Korrekturen für sein letztes Buch an den Verlag geschickt. Es trägt den Titel: „Was also ist Sprache?