Klug lenken, Risiken senken
Klug lenken, Risiken senken – Unfallprävention bei jugendlichen Radfahrenden
Radfahren gehört für viele Kinder und Jugendliche zum Alltag. Mit zunehmendem Alter nehmen Schülerinnen und Schüler häufiger selbstständig am Straßenverkehr teil und legen beispielsweise ihren Schulweg mit dem Fahrrad zurück. Gleichzeitig zeigen die Unfallzahlen, dass insbesondere bei 9- bis 15-jährigen Radfahrenden ein erhöhtes Unfallaufkommen besteht. Hier setzte das Projekt „Klug lenken, Risiken senken – Unfallprävention bei jugendlichen Radfahrenden“ an, das von April 2024 bis April 2026 durchgeführt wurde. Gemeinsam mit dem Hessischen Ministerium für Kultus, Bildung und Chancen (HMKB), der Zentralstelle für Schulsport und Bewegungsförderung (ZFS) sowie der Deutschen Verkehrswacht (DVW) wurden Unterrichtsbausteine zur Unfallprävention entwickelt. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Jugendliche frühzeitig für Risiken im Straßenverkehr sensibilisiert und zu einem vorausschauenden und sicheren Handeln befähigt werden können. Ziel war die Entwicklung eines modularen Unterrichtskonzepts, aus dem Lehrkräfte passende Module für ihre Klassen auswählen und im (Sport-)Unterricht einsetzen können.
Vorgehen des Projektteams
Auf Grundlage einer ausführlichen Recherche und der gemeinsamen Arbeit im Lenkungskreis – bestehend aus pädagogischen Lehrkräften (ZFS und HMKB), Mitarbeitenden der Universität Kassel sowie der Deutschen Verkehrswacht – wurden fünf Kernbereiche identifiziert, die für eine ganzheitliche Unfallprävention bei jugendlichen Radfahrenden von besonderer Bedeutung sind: Wissensvermittlung, Cycling Skills, Gefahrenwahrnehmung, Sensomotorik und Bike-Check. Diese Kernbereiche wurden anschließend in acht Module überführt: Wahrnehmung, Koordination, Unterwegs auf Rollen, Wagnis, Risikowahrnehmung, Biking Basics, Situationsangemessenes Fahren – klug entscheiden, exekutive Funktionen und Selbststeuerungskompetenz.
Die Module sind dabei jedoch nicht als vollends voneinander getrennte Einheiten angelegt. Zwar kann jedes Modul für sich allein durchgeführt werden, dennoch greifen die verschiedenen Themen der Module ineinander und verbinden unterschiedliche Kompetenzbereiche. So behandelt jedes Modul mehrere der fünf Kernbereiche und trägt auf diese Weise zu einer ganzheitlichen Förderung der für eine sichere Teilnahme am Straßenverkehr relevanten Kompetenzen bei.
An der finalen Modulentwicklung waren verschiedene Akteurinnen und Akteure aus Schule, Verkehrssicherheitsarbeit, Universität und Radfahrausbildung beteiligt. Das Institut für Sport und Sportwissenschaft (IfSS) übernahm dabei eine zentrale Rolle in der wissenschaftlichen und konzeptionellen Begleitung. Zu den Aufgaben des IfSS gehörte insbesondere die Entwicklung grundlegender Handbücher als Orientierung für die Gestaltung der Module sowie die fachliche Beratung der Modulverantwortlichen. Darüber hinaus war das IfSS selbst für die Entwicklung eines eigenen Moduls zuständig.
Modul Gefahrenwahrnehmung
Ein besonderer Schwerpunkt des Projektes lag auf der Gefahrenwahrnehmung. Das entsprechende Modul wurde maßgeblich durch Mitarbeitende des Instituts für Sport und Sportwissenschaft entwickelt. Das Modul ist so aufgebaut, dass sich die Schülerinnen und Schüler zu Beginn mit eigenen Erfahrungen im Straßenverkehr auseinandersetzen und typische Gefahrensituationen sammeln. Eine gemeinsam entwickelte Gefahren-Mind-Map dient dabei als roter Faden und wird im Verlauf der Unterrichtsreihe erweitert.
Die zentrale Methode des Moduls bildet die Analyse von Verkehrsvideos aus der Perspektive von Radfahrenden. Hierfür wurde zwischen Juni und September 2025 umfangreiches Videomaterial im realen Straßenverkehr gesammelt und anschließend systematisch hinsichtlich potenzieller Gefahrensituationen ausgewertet. Die Begutachtung des Videomaterials wurde von zwei Mitarbeitenden durchgeführt, welche die darin enthaltenen Gefahrensituationen bewerteten. Dabei wurde unter anderem die Art der Gefahr, ihre Beschreibung sowie der Zeitpunkt erfasst, ab dem die Gefahr erstmals erkennbar ist. Aus dem gesammelten Material entstanden insgesamt 90 Videoclips mit relevanten Gefahrensituationen im Straßenverkehr.
Im Unterricht beobachten die Schülerinnen und Schüler die Videoclips aufmerksam und identifizieren relevante Hinweisreize, die auf eine potenzielle Gefahrensituation hindeuten. Sie überlegen, wann sie selbst reagieren würden, welche Entwicklung der Situation zu erwarten ist und welche Handlungsmöglichkeiten bestehen. Die Lernenden setzen sich damit nicht nur mit bereits eingetretenen Gefahren auseinander, sondern lernen auch, potenzielle Gefahren frühzeitig zu erkennen und mögliche Entwicklungen einer Verkehrssituation zu antizipieren. Die Videoanalyse von Verkehrssituationen, die insbesondere an belgischen Schulen bereits zur Förderung der Gefahrenwahrnehmung von Kindern und Jugendlichen evaluiert wurde, ermöglicht ein Lernen in einer kontrollierten Umgebung, ohne dass die Schülerinnen und Schüler selbst einer realen Gefahrensituation ausgesetzt sind.
Weitere Schwerpunkte des Moduls bilden die Themen Helmnutzung, Ablenkung und Sichtbarkeit im Straßenverkehr. Anhand alltagsnaher Unfallgeschichten, Reflexionsaufgaben und einer thematischen Stationsarbeit setzen sich die Schülerinnen und Schüler mit Ursachen und Folgen von Unfällen auseinander und entwickeln Strategien zur Vermeidung von Risiken.
Den Abschluss bildet der Transfer in die eigene Lebenswelt. Mithilfe digitaler Karten analysieren die Lernenden ihren eigenen Schulweg und identifizieren mögliche Gefahrenstellen. Auf Grundlage der gewonnenen Erkenntnisse entwickeln sie einen individuellen Sicherheitsplan mit konkreten Strategien für einen sicheren Schulweg mit dem Fahrrad.
Von der Entwicklung in die Schule
Das übergeordnete Projekt umfasst neben der Entwicklung der Unterrichtsbausteine auch deren Umsetzung und nachhaltige Verankerung im schulischen Kontext. Die entwickelten Materialien sollen Lehrkräften einen praxisnahen und flexibel einsetzbaren Zugang zur Unfallprävention ermöglichen. Ein entsprechender Ablageort für die Unterrichtsmaterialien befindet sich derzeit im Aufbau. Dort sollen die entwickelten Module und Materialien zukünftig für Lehrkräfte und weitere Interessierte zur Verfügung stehen.
Damit verbindet das Projekt wissenschaftliche Erkenntnisse mit konkreten Anforderungen des schulischen Alltags. Ziel ist es, Schülerinnen und Schüler nicht nur über mögliche Gefahren im Straßenverkehr zu informieren, sondern sie dazu zu befähigen, Gefahrensituationen wahrzunehmen, einzuschätzen und ihr Handeln vorausschauend daran auszurichten.