Gastprofessur: Ben Pohl

Wintersemester 2025/26

In vielen Großstädten und ihrem Umland spitzt sich die Wohnungskrise immer weiter zu. Mieten- und Immobilienpreise explodieren, Haushalte mit geringem Einkommen und Familien leben auf sehr engerem Raum oder werden verdrängt. Beim Thema Wohnen droht der Zusammenhalt der Gesellschaft auseinanderzufallen. Politische Lösungen zur Wohnungskrise werden vor allem im Bau neuer Wohnungen gesucht. Dies widerspricht dem Ziel einer Reduktion der Flächenneuinanspruchnahme („30ha-Ziel“) und anderen ökologischen Nachhaltigkeitszielen.

 

Ein zentraler Treiber der Wohnungsnachfrage ist die immer weiter steigende Wohnfläche pro Kopf. Lag diese 1991 noch bei durchschnittlich 34,5 m²/Person, waren es 2021 47,7 m²/Person (Destatis 2023). Der zunehmende Wohnflächenkonsum ist jedoch durch einen erheblichen mismatch gekennzeichnet: Einerseits nimmt die Überbelegung von Wohnraum gerade in den urbanen Zentren immer weiter zu, andererseits führt die Alterung der Gesellschaft dazu, dass immer mehr Haushalte auf einer sehr großzügigen Wohnfläche wohnen. Denn wer in der Familiengründung ein Haus oder eine große Wohnung bezieht, zieht später häufig nicht mehr um und wohnt nach Auszug der Kinder über einen langen Zeitraum sehr großzügig („Remanenzeffekt“).

 

Ein vielversprechender Lösungsansatz, um den Zielkonflikt zwischen Wohnungskrise und Flächensparen teilweise aufzulösen sind Suffizienzstrategien, die darauf abzielen bestehende Wohnflächen effizienter entsprechend der lebensphasenspezifischen Wohnbedürfnisse zu nutzen. Sie umfassen Ansätze zum bedarfs- und lebenszyklusorientierten Wohnungswechsel im Mietwohnungsbestand sowie zum Generationenwechsel und Bestandsumbau in Einfamilienhausgebieten, die durch einen seniorengerechtem Wohnungsneubau und Beratungs- und Unterstützungsangebote flankiert werden. Suffizienzstrategien setzen ausschließlich auf Freiwilligkeit: Sie nehmen genau diejenigen in den Blick, die heute oder in naher Zukunft offen für Veränderungen ihrer Wohnsituation sind und sich hierdurch einen individuellen Mehrwert versprechen. Um veränderungsoffenen Empty-Nest- und Seniorenhaushalte maßgeschneiderte Angebote machen zu können, müssen Kommunen, Wohnungsanbieter und Projektentwickler daher deren Wohnwünsche, Ziele und möglichen Hindernisse verstehen.

 

Das Studienprojekt nimmt die Wohnwünsche dieser Zielgruppen sowie mögliche Suffizienzstrategien in unterschiedlichen Quartierstypen (z.B. innerstädtischer Geschosswohnungsbestand, ältere Einfamilienhausgebiete am Stadtrand und im Umland) in den Blick. Konkret möchten wir fragen:

  • Welchen Quartierstypen in was für räumlichen Kontexten bieten sich für Suffizienzstrategien an?
  • Welche Wohnwünsche und Anforderungen an ihre Wohnsituation haben ältere Haushalte in diesen Quartieren an ihre Wohnsituation? Besteht ein Interesse, die eigene Wohnsituation zu verändern? Welche individuellen Hürden stehen einem möglichen Umzug entgegen?
  • Wie müssten attraktive Wohnalternativen für diese Zielgruppe aussehen (baulich, finanziell, Lage)? Welche Gemeinschaftseinrichtungen im Quartier könnten Anreize setzen, die eigene Wohnfläche zu reduzieren? Welche Beratungs- und Unterstützungsangebote zum Thema Wohnen/Umzug würden sich ältere Haushalte wünschen?
  • Welche planerischen Schlussfolgerungen und Empfehlungen lassen sich aus den Ergebnissen für unterschiedliche Quartierstypen ableiten?

 

Hierzu soll eine standardisierte Online-Befragung von (älteren) Haushalten in mehreren Quartieren einer Großstadtregion durchgeführt und ausgewertet werden. Es bestehen Kontakte zu Akteuren der Wohnungsbestandsentwicklung in verschiedenen Regionen. Die Fallregion wird beim Projektplenum bekanntgegeben. Auf den Befragungsergebnissen aufbauend werden Handlungsempfehlungen für Kommunen und Wohnungswirtschaft für unterschiedliche Quartierstypen erarbeitet.

 

Lernziele des Studienprojekts:

  • Verständnis grundlegender Trends der Flächen- und Wohnungsmarktentwicklung, deren raumtypspezifischen Herausforderungen sowie möglichen Lösungsansätzen; Verständnis für lebensphasenspezifische Wohnvorstellungen
  • Anwendung qualitativer Methoden (Literaturanalyse, ggf. Expert*Interviews) sowie quantitativer Methoden (Konzeption und Auswertung einer quantitativen Haushaltsbefragung) zur Erhebung der Wohnwünsche älterer Haushalte
  • Entwicklung von regions- und quartierstypspezifischen Suffizienzstrategien zur Begegnung der Wohnungskrise
  • Reflexion gesellschaftspolitischer Zielkonflikte aus raumwissenschaftlicher Perspektive

 

Plenumstag ist Dienstag.

 

Link zur Veranstaltung

Bild: Martin Zeller

Transformation setzt immer am Bestehenden an. Wenn wir urbane Transformation gestalten wollen, sollten wir das Bestehende und seine Potenziale zunächst freilegen. In der Praxis erweist sich der Bestand stets als komplexes Zusammenspiel: Orte, Gebäude und Infrastrukturen wirken zusammen mit Nutzungen, Menschen und nicht-menschlichen Akteuren und treten in Wechselwirkungen mit institutionellen, organisationalen und ökonomischen Strukturen. Verschiedene Narrative und Interessen geben Handlungen Richtung, unterschiedliche Wertesysteme produzieren Kontroversen. Gerade das, was bereits da ist – der Bestand – ist also weit mehr als materielle Substanz. In diesem Vorhandenen liegen die Fragen und Potenziale für Transformation verborgen, die wir freilegen wollen.

Kassel bietet uns dafür die perfekte Gelegenheit: In der Halbzeit zwischen zwei Documenta-Zyklen nutzen wir die Stadt als 1:1-Modell für unsere Untersuchung. Anstatt von Problemen auszugehen und Lösungen zu entwerfen, fragen wir: «Welche Fragen, Motive, Akteure und Orte bieten transformatives Handlungspotenzial?»

«Kassel» verstehen wir dabei als urbanen Raum, der über die administrativen Grenzen des geografischen Territoriums hinausreicht.

Wir laden alle Disziplinen ein, ausgehend von ihren Kompetenzen und Motiven den Fragen nachzugehen, die Kassel als urbanen Raum bewegen.


Methodisches Vorgehen

Eine minimale Struktur von fünf Fragen strukturiert das Projekt: Wie organisieren wir uns als interdisziplinäres Team? Wie finden wir Zugang zum Feld und wie überwinden wir schnelles Problem-Lösungsdenken? Wie organisieren wir das gewonnene Material und wie legen wir kontingente Optionen frei? Wie schärfen wir die wichtigen Fragen und unsere eigenen Motive? Wie machen wir die entdeckten Potenziale verfügbar und legen unser Vorgehen offen?


Lernziele

Das Projekt unterstützt bei der Entwicklung folgender Kompetenzen:

  • Potenzialorientierte Denkweisen: Entwicklung von Herangehensweisen an urbane Transformation jenseits klassischer Problemlösungsansätze

  • Erkennen und Auflesen: Fähigkeit, verborgene Potenziale und urbane Wissensbestände freizulegen

  • Angewandte Methoden: Praktische Erfahrung mit angewandten Methoden der Stadtanalyse und -erkundung

  • Relationalräumliches Denken: Sensibilisierung für komplexe urbane Handlungszusammenhänge

  • Umgang mit Offenheit: Kompetenz im Umgang mit Unbestimmtheit und ergebnisoffenem Arbeiten


Ergebnis

Als physisches Ergebnis entsteht ein Katalog urbaner Transformationspotenziale in Buchform. 


Daten

21.10.2025 Take 1: Dérive: Kassel, was machst du? 

11.11.2025 Take 2: Beauftrage dich selbst!

25.11.2025 Take 3: Relationale Ordnungen.

12.12.2025 Take 4: Offene Prozesse skizzieren.

13.01.2025 Take 5: Ein Katalog der Fragen und Potenziale.

10.02.2025 Pre Release

Bild: Martin Zeller

Expeditionswoche: 3.11.–7.11.

«Wie geht: Beauftrage dich selbst!?» Gemeinwohlorientierte Organisationsmodelle urbaner Transformation in Basel, Schweiz.

 

Die Kommunen und die öffentliche Hand in Deutschland erscheinen mit den vielfältigen Aufgaben urbaner Transformation zunehmend überfordert. Anders als in der Schweiz ist gemeinwohlorientierte Selbstorganisation in der Stadtentwicklung in Deutschland noch nicht sehr weit verbreitet.

 

In der Expeditionswoche wollen wir uns im Raum Basel CH verschiedene gemeinwohlorientierte Projekte urbaner Transformation ansehen, die von zivilgesellschaftlichen Akteur:innen oder Gruppen in Eigeninitiative und transformativer Unternehmerschaft angestossen, aufgebaut und organisiert werden.

 

  • Gundeldinger Feld Basel: Arealtransformation 

  • Alter Markthalle Basel: Nutzungsentwicklung 

  • Klimapioniere Dreispitz: Stadtklima-Commons

  • Zentrale Pratteln: Vom Lagerbau zum Wohnhaus

  • Lysbüchelsüd: Genossenschaften selber gründen und bauen.

 

Wann und Wo: 

Expeditionswoche: 3.11.-7.11.

Start: Mo 3.11., Güterstrasse 140, 4053 Basel

ben.pohl[at]denkstatt-sarl[dot]ch

Arbeitsraum/Internet in Basel vorhanden.

Optionen für Schlafmöglichkeiten mit Isomatte für ca. 6-8 Personen vorhanden.

Anmeldung erbeten.

Datum: Donnerstag, 22.01.2026, 18:30 Uhr Ort: ASL 1, Raum 0106

Gast: Nadine Heller, Leiterin Bereich Gestaltung + Nutzung, Tiefbau Stadt Bern, Schweiz

Kooperativ organisiert von: Prof. Dr.-Ing. Rieke Hansen, Fachgebiet Freiraumplanung ASL & Gast-Prof. Ben Pohl, Fachgebiet Urban Transformations ASL

Altstadtparkplatz, Skatertreff, autonomes Kulturzentrum, Drogenszene, Bahnlärm, Hitzeinsel, Filetgrundstück: Die Schützenmatte in Bern steht exemplarisch für die widersprüchlichen Anforderungen an heutige öffentliche Räume. Unterschiedliche Nutzungen, Interessen und Wertvorstellungen treffen hier auf engem Raum aufeinander – und machen sichtbar, womit die Planung von öffentlichen Räumen heute konfrontiert ist.

Solche Situationen lassen sich planerisch als «Wicked Problems» beschreiben: komplexe Fragestellungen ohne eindeutige Lösungen, wie sie Horst Rittel bereits in den 1970er-Jahren formulierte. Statt klarer Antworten braucht es Prozesse des Aushandelns, Experimentierens und Lernens.

Seit 2014 verfolgt die Stadt Bern einen strategischen Kurswechsel im Umgang mit solchen Räumen. An die Stelle klassischer Lösungslogiken treten Dialogformate, Testnutzungen und Pionierprojekte im Massstab 1:1. Über mehrere Jahre entwickelt sich so ein lernender Planungsprozess, der nicht nur den Raum verändert, sondern auch die Governance- und Planungskultur innerhalb der Verwaltung. Teile von Tiefbau Stadt Bern verstehen sich heute bewusst als lernende Verwaltung mit einer offenen Fehlerkultur.

Ausgehend von der Schützenmatte, aber mit Blick auf öffentliche Räume insgesamt, zeigt Nadine Heller auf, wie Städte unter Bedingungen von Unsicherheit, Nutzungskonflikten und Klimawandel handlungsfähig bleiben können. Der Vortrag gibt Einblick in Instrumente, Prozesse und Haltungen einer Planung, die offen, adaptiv und experimentell auf die sozial-ökologische Transformation reagiert.


Zur Person

Nadine Heller studierte Stadt- und Regionalplanung an der BTU Cottbus sowie Change Management an der Universität St. Gallen. Von 2003 bis 2018 leitete sie im Stadtplanungsamt der Stadt Bern die Fachstelle Gestaltung öffentlicher Raum. Seit 2018 leitet sie den Bereich Gestaltung + Nutzung bei Tiefbau Stadt Bern und ist verantwortlich für die Entwicklung, Transformation und Gestaltung öffentlicher Räume. Sie war massgeblich am Aufbau des Kompetenzzentrums öffentlicher Raum (KORA) beteiligt und ist Mitglied in der Kommission «ZORA – Zentrum öffentlicher Raum» des Schweizerischen Städteverbandes.


Links und weiterführendes Material

KORA (Kompetenzzentrum öffentlicher Raum) TVS Bern CH:

https://www.bern.ch/themen/stadt-recht-und-politik/mitreden-und-mitgestalten/ kora-bern/wer-ist-kora

Dokumente «Bern baut»:

https://www.bern.ch/themen/planen-und-bauen/bern-baut/planen-und-projektieren

Schützenmatte Bern:

https://www.bern.ch/themen/planen-und-bauen/stadtentwicklung/ tadtentwicklungsprojekte/schuetzenmatte 

https://www.bern.ch/themen/planen-und-bauen/stadtentwicklung/ stadtentwicklungsprojekte/schuetzenmatte/partizipation/begleitgremium/01-nek

Lernende Planungsprozesse ab 05/2026 im Podcast:

https://denkstatt-sarl.ch/projekte/podcast-lernende-planung/

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