Mark Spoelstra

Wassernutzung im globalen Süden

Traumatische Erlebnisse prägen einen Menschen

In Amsterdam als Kriegskind geboren, habe ich Hunger und Entbehrung kennengelernt. So wurde ich mit Zuckerrüben und Blumenzwiebeln großgezogen. Mein Vater wurde als Missionarssohn in Indonesien geboren, während meine Mutter versuchte, in den zerbombten Stadtvierteln Amsterdams als Krankenschwester zu retten, was noch zu retten war. Sie versteckten unter Einsatz ihres Lebens Juden und leisteten Widerstand.

Nach dem Erwerb der Fachhochschulreife studierte ich Tropische Landwirtschaft in Deventer. Mein bevorzugtes Fach war der Wasserbau, denn darin waren die Holländer weltweit führend. Gerade als ich mein Diplom hatte, "verloren" die Niederländer ihre Kolonie in Indonesien. Ich orientierte mich nun an den Nachbarländern, deren Sprache ich in der Schule gelernt hatte: England, Belgien, Frankreich, Deutschland und so entschloss ich mich für den Aufbaukurs (12 Monate) in Witzenhausen. Meine Eltern waren dagegen, dass ich in Deutschland studieren wollte. Ich aber träumte von einer neuen Generation und einem vereinten Europa, was mit EG, EWG und EU auch allmählich Realität wurde.

Mark Spoelstra - Aufbaustudium Tropische und subtropische Landwirtschaft, Abschluss 1963. Aktuell: im Ruhestand, ehrenamtlich im Äthiopienhilfe-Freinsheim e.V.
Anstehen vor der Suppenküche (Remmert)

Berufsstart in Algerien

Während des Studiums wurde ich noch vom Militärdienst freigestellt. Als Kriegsdienstverweigerer drohten mir drei Jahre Haft mit Eintrag ins Führungszeugnis. Ich emigrierte nach Algerien. Das Land hatte sich gerade von Frankreich unabhängig gemacht und brauchte einen Neuaufbau. Und so trat ich dort als stellvertretender Leiter einer Versuchsstation für Be- und Entwässerung an, wurde aber im Zuge der Arabisierung wieder entlassen.

Ich bewarb mich beim Institut für Wasserwirtschaft und landwirtschaftlichen Wasserbau der Technischen Hochschule Hannover. Israel fing gerade mit der Tröpfchen-Bewässerung in der Negev-Wüste an. Mit einem zeitlich befristeten Forschungsauftrag half ich, die theoretischen Grundlagen hierfür zu entwickeln.

Äthiopien, Indonesien und Australien

Als Mitglied des Beirates der Ehemaligenvereinigung Verband der Tropenlandwirte (VTW) – heute überführt im Hochschulverband Witzenhausen – war ich über ein Jahrzehnt regelmäßig in Witzenhausen zu Gast. Durch den VTW wurde ich auf die landwirtschaftliche Abteilung der BASF aufmerksam. Es folgten u.a. Aufenthalte in Äthiopien unter Kaiser Haile Selassie, in Indonesien auf den ehemaligen niederländischen Plantagen sowie in Australien als Leiter einer der zwei Versuchsstellen auf der südlichen Halbkugel.

Ermutigt durch das gerade verabschiedete Gesetz, das einen zweiten Bildungsweg ermöglicht und die Gleichstellung von Fachhochschulen und Universitäten vorsah, verließ ich die BASF und belegte Kurse am SLE (Seminar Ländliche Entwicklung), der Kaderschmiede der deutschen internationalen Entwicklungszusammenarbeit, an der Humboldt-Universität in Berlin.

Erneut Äthiopien und Namibia

Es folgte eine Anstellung als Projektmanager bei „Menschen für Menschen“ in Karlheinz Böhms Flüchtlingsprojekt in Äthiopien. Das war die Zeit unter dem Diktator Mengistu.

Nach einer Ausbildung als Umweltberater machte ich mich in Namibia als Regierungsberater selbstständig. Ich lebte längere Zeit bei den KhoiSan, der indigenen Urbevölkerung, und begleitete die Bildung der „Conservancies“ – Naturreservate, in denen die Bewohner das Management ihres Territoriums selbst erhalten. In den Oshanas, das sind Überschwemmungsgebiete nördlich der Etosha, machte ich Selektionsversuche mit Tiefwasserreis und anschließender Saatgutvermehrung.

Ein Angebot der SIDA (Swedish International Development Agency) führte mich zum dritten Mal nach Äthiopien mit einem integrierten ländlichen Entwicklungsprogramm, das über viele Jahre rund eine Millionen Kleinbauern einschließen sollte. Ich unterrichtete dort Regierungsberater in Be- und Entwässerung.

Im Unruhestand

Es folgte ein Fernstudium in Human-Ökologie an der Universität Tübingen, das die Zusammenhänge der Bevölkerungsdynamik, Nahrungsmittelproduktion und Umwelt eruiert. Die Ursachen von Armut, Hunger und Krieg sind mir nun deutlich geworden. Zusammen mit meiner Lebensgefährtin habe ich nach meiner Pensionierung die Äthiopienhilfe-Freinsheim e.V. gegründet, dessen Projektkoordinator ich heute bin.

Kommentar

Hans-Jürgen Dahl: Mit Mark war ich zusammen 1963 in Witzenhausen. Auch ich bin ein "Kriegskind" Habe Bombennächte im Keller erlebt und Hunger durchgemacht. Nur,. . . auf der anderen Seite. Als Pazifist habe ich die Bundeswehr damals abgelehnt. Das Recht auf Kriegsdienstverweigerung gab es damals noch nicht aber ich habe es verstanden, die Bundeswehr zu vermeiden, den Wehrpass hatte ich schon. 1955 wurde ich Lehrling in der Landwirtschaft. Schon 57 zog es mich ins Ausland, (Schweden, USA) da mir Deutschland zu eng war.
1963 kam ich zurück nach Deutschland und fing in Witzenhausen an. Bei Mark kommt die Ausbildung dort etwas kurz weg, vielleicht, weil er vorher schon in Deventer trop. Landwirtschaft studiert hatte. Für mich war das Studium in Witzenhausen jedoch der Sprung in die Entwicklungshilfe. Die Dozenten waren teils Angestellte der Ausbildungsstätte, teils Gastdozenten von der Uni Göttingen. Bei vielen fiel deren vorherige Auslandstätigkeit auf, so dass die Hörer, aus IIran,Togo,Nigeria,Kolumbien und ich, etc., das Gefühl bekamen, dass die wussten wovon sie sprachen. Das zu bewältigende Pensum war sehr groß, es lag bei dem Einzelnen, ob er das aufnehmen wollte oder nicht. Ein Kontakt zu den ehemaligen Hörern der "Kolonialschule' bestand, wovon nicht zuletzt das Gewächshaus unter Herrn Schminke profitierte. Die von mir mitgeschriebenen Vorlesungen von z.B. Prof. Dr. Mitscherlich und Prof.Dr. Chaika habe ich heute noch.
Mein beruflicher Lebenslauf führte mich in alle Erdteile. Ich war als Berater, Gutachter oder Sachverständiger tätig für nationale und internationale Institutionen und Banken,(GTZ, AHT, Weltbank, IFAD, AFC,KFW, EG, UNDP) zuletzt 8 Jahre als Regierungsberater in Nepal.
Oft bin ich gefragt worden: Hat die Entwicklungshilfe etwas gebracht? Ich sage: Ein klares Ja.
Witzenhausen ist und bleibt für mich ein Fix- und Angelpunkt in meinem Leben, nicht zuletzt, da ich dort meine Frau gefunden habe. Meine Kinder sind in Kenia geboren und haben in Malawi ihre Kindheit verbracht. Heute geniesse ich mit 7 Enkelkindern den Ruhestand.

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