Landgraf Moritz der Gelehrte

Tabellarische Kurzbiographie

Geboren am 25. Mai 1572 in Kassel

1587 Nach einer umfassenden Ausbildung erfolgreiche Absolvierung einer Prüfung in mehreren Fächern an der Marburger Universität

1592 Regierungsübernahme nach dem Tode Wilhelms IV.

1593 Heirat mit  Agnes von Solms (1578 – 1602), die drei Söhne und eine Tochter zur Welt brachte

1596 Ritterspiele zur Feier der Taufe der Prinzessin Elisabeth (von Wilhelm Dilich festgehalten und 1598 im Druck veröffentlicht) / Gründung der ersten Druckerei in Kassel

1598 Begründung der Hofschule, später „Collegium Mauritianum“

1598/99 Feldzug an den Niederrhein

1600/1601 Reform der Kriegsverfassung durch das „Defensionswerk“ / Stiftung eines „Mäßigkeitsordens“

1602 Frankreichreise mit Besuch bei König Heinrich IV. / Tod der ersten Frau  Agnes

1603 Heirat mit Juliane von Nassau-Dillenburg (1587 – 1643), aus der zweiten Ehe gingen sieben Söhne und sieben Töchter hervor / Erwähnung des Plans, eine „Bibliotheca Architectonica“ anzulegen

1604 Nach dem Tode Landgraf Ludwigs IV. Erbschaft  der oberhessischen Gebiete um Marburg

1604-06 Bau des Ottoneum, des ersten festen Theaterbaus in Deutschland.

1605 Einführung der „Verbesserungspunkte“ („Zweite Reformation“)

1606 Pläne für die Anlage einer Stadt am ehem. Kloster Breitenau, nach deren Scheitern Planungen zum Umbau des Klosters in eine ländliche Schlossanlage / Beginn der Bauarbeiten für Schloss Weißenstein.

1609 Beitritt zur evangelischen Union

1612 Aufenthalt zur Kaiserkrönung in Frankfurt

1613 Hochzeit des erstgeborenen Sohnes Otto, aus diesem Anlass Ritterspiele in Kassel

1614 Teilnahme am Unionstag in Heilbronn

1615/16 Bauarbeiten in Waldau, Pläne für ein Jagdschloss / Umbau des ehem. Klosters Heydau (bis 1619).

1617 Tod des Sohnes Otto

1618 Reise nach Holland und Metz

1623 (bis 1625) Flucht aus Kassel wegen der Einquartierung der Tillyschen Truppen

1624 in Plesse Entwürfe für eine Befestigung der Burg

1627 (17. März) Abdankung / noch kurz vorher Einrichtung der „Rotenburger Quart“ zur Versorgung der Kinder aus der zweiten Ehe mit einem Viertel der Landgrafschaft / Rückzug nach Melsungen / Pläne zur Nutzung des Ahnaberger Klosters und zu Umbauarbeiten am Nassauer Hof in Kassel

1628 Pläne für das Lustschloss Fahre / mit dem endgültigen Vertrag zur Quart im September scheidet Melsungen als Wohnsitz aus

1629 Ausgedehnte Reisen mit seinen Söhnen Moritz und Friedrich u.a. nach Bad Boll, Stuttgart, Düsseldorf, Wiesbaden, Coburg, Cadolzburg / dazwischen mehrfach längere Aufenthalte in Frankfurt

1630 Nach längerem Aufenthalt in Frankfurt hauptsächlicher Wohnort Eschwege / Reisen nach Speyer und Umgebung sowie nach Greifenstein und Butzbach

1631 Von Eschwege aus kleinere Ausflüge in die Region / auf der Reise nach Gotha und Erfurt im Sommer dauerhafte Fußverletzung

Gestorben am 15. März 1632 in Eschwege

Landgraf Moritz als Zeichner

Nach seinem Regierungsantritt 1592 stand für Landgrafen Moritz erwartungsgemäß die Ausgestaltung der Residenzstadt Kassel, geprägt von dem ansehnlichen Vierflügelbau des  Landgrafenschlosses, im Mittelpunkt der baulichen Aktivitäten. Neben der Fertigstellung des 1591 noch von seinem Vater begonnenen Marstallbaues beschäftigte er sich zunächst mit dem Ausbau der Befestigungsanlagen, die seinerzeit weithin als vorbildlich galten[10]. In der Umgebung des Schlosses ließ er das Ballhaus und die Rennbahn anlegen, den von seinem Vater Wilhelm IV. angelegten Lustgarten in der Aue vergrößern und das Lusthaus renovieren. Mit dem Bau des Ottoneum, des ersten festen Theaterbaus in Deutschland, prägte er das Aussehen der Stadt bis heute. Das alte Kloster auf dem Weißenstein(heute Wilhelmshöhe), damals noch außerhalb der Stadt gelegen, ließ er abbrechen und ab 1606 ein neues Lustschloss mit Gartenanlagen und Teichen errichten. Erstaunlicherweise schlagen sich diese gestalterischen Aktivitäten jedoch nur in geringem Maße in den erhaltenen Zeichnungen wieder, da möglicherweise  viele der diesbezüglichen Zeichnungen im Laufe der Zeit verloren gegangen sind.

a. Ausbildung

Sein Vater Wilhelm IV. hatte für eine vielseitige Ausbildung gesorgt, - während er selber den mathematischen Unterricht übernahm, wurden die Lehrer für die anderen Fächer (u.a. auch Astronomie, Chemie und Musik) sorgfältig ausgewählt[11]. Spezieller Zeichenunterricht wird allerdings nicht erwähnt. Dieser gehörte aber später explicit zum Programm der von Landgraf Moritz gegründeten Ritterakademie (Collegium Mauritianum), das nach dem Ausschreiben von 1618 unter den „Exercitia“ auch „Allerhand Anschlägen / so wohl zum Krieg / als sonsten zu den Gebewen Abrissen und Malerey dienlich“ enthält. Damit verfolgte der Fürst ein Bildungsziel, das 1528 B. Castiglione in seinem „Libro del Cortegiano“, einem Buch, das die Bildungsideale der höfischen Gesellschaft der Renaissance bis weit ins 18. Jhdt. nachhaltig beeinflusste, eindrücklich formulierte. Dort heißt es nämlich, dass das Zeichnen eine Fertigkeit sei „aus der man, außer daß sie an sich sehr vornehm und würdig ist, großen Nutzen ziehen kann, zumal im Kriege, um Orte, Landschaften, Flüsse, Brücken, Burgen, Festungen und ähnliche Dinge zu zeichnen, die man einem anderen nicht zeigen kann“[12]. Aus diesem Grunde wurde das Zeichnen als besondere Kulturtechnik mit militärischem Nutzen allgemein in den Kanon der Fürstenerziehung aufgenommen.

Am Kasseler Hof dürfte Landgraf Moritz schon früh mit Landvermessern und Kartographen in Kontakt gekommen sein. Bereits 1587 war Arnold Mercator (1537-1587), der Sohn des großen Gerhard Mercator für Landgraf Wilhelm IV. mit Vermessungsarbeiten für Landtafeln beschäftigt gewesen – eine Begegnung mit dem damals fünfzehnjährigen  jungen Fürsten scheint deshalb sehr wahrscheinlich, auch wenn sie sich archivalisch nicht belegen lässt. Noch nachhaltiger könnte aber der Kontakt zu dem außerordentlich begabten Zeichner und Kartograph Wilhelm Dilich gewesen sein, der ebenfalls schon unter Landgraf Wilhelm IV. am Kasseler Hof tätig war und in seinen „Landtafeln“ ab 1607 außergewöhnlich präzise Abbilder des hessischen Territoriums fertigte.

1603 spricht der hessische Fürst in einem Brief an seinen Vetter, den Landgrafen Ludwig von Hessen-Darmstadt davon, dass dieser ihm „Abrisse“ und Grundrisse für eine „BIBLIOTHECAM ARCHITECTONICAM“ zusenden möge[13] – ein erstes Indiz dafür, dass sein Interesse an Architektur und ihrer Darstellung geweckt war, - möglicherweise ausgelöst durch seine  Reise nach Frankreich im Jahre 1602, die ihn zu vielen Sehenswürdigkeiten u.a. zu den Schlössern Blois, Chambord, Fontainebleau und St. Germain geführt hatte, wie das von Capar Widmarckter niedergeschriebene Reisetagebuch belegt.[14] Andere Reisen führten ihn im Laufe der Jahre zu bedeutenden Bauten der Renaissance, nach Torgau, Heidelberg, Stuttgart, Dresden, Güstrow – um nur einige Ort zu nennen. Ähnlich wie bei seinem Verwandten Pfalzgraf  Johann Casimir von Zweibrücken[15] kann man deshalb davon ausgehen, dass ihm die zeitgenössische Architektur aus eigener Kenntnis sehr vertraut war. In seiner persönlichen Bibliothek, die nach seinem Tode in Schloss Eschwege inventarisiert wurde, befanden sich im übrigen Ausgaben der Architekturbücher von Vitruv und Alberti, - vermutlich nur ein Bruchteil der diesbezüglichen Publikationen, die einst in der landgräflichen Bibliothek vorhanden waren.

b. Themen

In den Zeichnungen des Landgrafen Moritz finden sich nicht nur Schlösser, Burgen, und Herrenhäuser aus dem feudalen Umfeld, sondern durchaus auch Stadthäuser, Gutshöfe, Mühlen und andere Wirtschaftsgebäude. Neben mehr oder minder getreuen Bestandsaufnahmen damals existierender Gebäude stehen Entwürfe für Umbauten und Neubauten, Dokumente der ausgeprägten zeichnerischen und planerischen Tätigkeit des hessischen Fürsten, die über gelegentliche Skizzen, wie sie auch von anderen Fürsten überliefert sind,[16] weit hinausgeht.

Im Zentrum stehen natürlich die landgräflichen Residenzen, deren Umbau und Erweiterung er akribisch plante. Für die Residenz in Kassel konzipierte er mehrfach einen Anbau.  Nach der Abdankung 1627 war das Landgrafenschloss in Melsungen ein bevorzugtes Objekt des Landgrafen Moritz, der in seinen Zeichnungen diverse Umgestaltungsideen thematisierte. In den letzten Lebensjahren beschäftigte er sich zudem intensiv mit dem Schloss in Eschwege, seinem letzten Wohnsitz. Seine Zeichnungen visualisieren in diesen Fällen Erweiterungsbauten, die sich an den vorhandenen Bestand anpassen, ihn in bescheidenem Umfang repräsentativ  modernisieren und erweitern. Einen weitaus größeren Erfindungsreichtum zeigen die Entwürfe für das nahe bei Kassel gelegene Jagdschloss Waldau und das Lustschloss Fahre an der Fulda. Vor allem letzteres inspirierte ihn zu einer Vielzahl von Entwurfsvarianten, die verschiedene Ideen für ein schlichtes Lusthaus innerhalb ausgedehnter Gartenanlagen thematisieren. Weitere Idealentwürfe belegen seine Vertrautheit mit zeitgenössischen Architekturpublikationen.

Für das  säkularisierte Kloster Breitenau plante er bereits seit 1606 eine neue Nutzung. Nachdem es ihm nicht gelungen war, hier eine neue Stadt anzusiedeln, verfolgte er über viele Jahre den Plan, einen fürstlichen Wohnsitz in den alten Klostergebäuden bzw. im Vogteihaus herzurichten, von dessen zumindest teilweiser Umsetzung die erhaltenen Bauanweisungen zeugen. In gleicher Weise verfuhr auch mit anderen Klöstern, etwa mit der ehem. Kartause Eppenberg, die heute nur noch in Rudimenten erhalten ist, während für den noch in situ zu besichtigenden Umbau des Klosters Heydau (Altmorschen) leider keine eigenhändigen Zeichnungen erhalten sind[17]. Ähnliche Pläne hegte er auch für das Kloster Germerode, das ab 1627 zur Rotenburger Quart gehörte, dem Viertel der Landgrafschaft, das zur Versorgung der Nachkommen aus der zweiten Ehe abgetrennt wurde.

Mehrere Zeichnungen des Bestandes geben Besitzungen der zweiten Ehefrau des Landgrafen, Juliane von Nassau (Nassauer Hof in Kassel, Cornberg, Freienhagen, Rückerode, Rohna) wieder, deren Ausbau und Befestigung ihm in den unruhigen Zeiten nach der Abdankung am Herzen lag.

Die dargestellten Gutshöfe gehören zum einen zum landgräflichen Besitz (Mittelhof),  zum anderen werden aber auch private Besitzungen (Abterode, Hasselbach, Vogelsburg) dargestellt, deren Lage und Aussehen ihn aus persönlichen Gründen interessierte.

Einige der erhaltenen Zeichnungen visualisieren darüber hinaus auch Höfe und Häuser in städtischem Zusammenhang, nicht nur in Melsungen und Eschwege, sondern auch in Frankfurt und Speyer.

Von Interesse waren für den Landgrafen nicht zuletzt aber auch technische Gebäude, wie die Zeichnungen für die Eisenschneidmühle Schmidtfahrt a.d. Pfieffe belegen, deren effizienter Betrieb ihm sehr am Herzen lag.

c. Technik

Landgraf Moritz benutzte in der Regel für seine „Abrisse“ die Feder, deren Strich nicht korrigierbar war und ein sehr konzentriertes Vorgehen erforderte. Graphitstifte wurden damals noch sehr selten und hauptsächlich von ausgebildeten Künstlern verwendet. Einstichpunkte und geritzte Blindlinien legen nahe, dass er zumindest gelegentlich einen Zirkel und ein Lineal  zur Hilfe nahm. Beim Vermessen vor Ort konnten er bzw. sein Personal vermutlich auf Maßketten zurückgreifen. Zur Verfügung standen ihm natürlich auch die Vermessungsinstrumente, die schon sein Vater angeschafft hatte (u.a. das berühmte „Triangularinstrument“), deren Benutzung sich aber nicht nachweisen lässt. Diese Art der Zeichnung mit Feder und Tinte auf losen Papierblättern setzt aber zumindest ein Pult oder einen Tisch voraus, d.h. die wenigsten Blätter können tatsächlich vor Ort „im Augenschein“ entstanden sein. In sehr vielen Fällen wird es sich daher eher um „Rekapitulationen“ handeln, was viele der Ungereimtheiten und Fehler erklären könnte, die immer wieder festzustellen sind.

Ein wesentliches Kennzeichen seiner zeichnerischen Arbeiten ist es, dass er ausgesprochen sparsam mit dem Papier umging - das durchaus nicht nur aus einheimischen Papiermühlen stammte, sondern auch auf der Messe in Frankfurt eingekauft wurde - ob es sich nun um große Blätter oder nur winzige Notizzettel handelte. Oft sind die Blätter vorder- und rückseitig mit mehreren Zeichnungen gefüllt, manchmal überschneiden sie sich oder es wurden nicht mehr benötigte Schriftstücke wieder verwendet (2° Ms. Hass. 107 [315] recto und verso).

Ungewöhnlich ist vor allem aber die bevorzugte, sehr spezielle Art der Darstellung: neben  Grund- und einigen wenigen Aufrissen benutzte er überwiegend eine (zumeist axonometrische) Vogelperspektive von einem mittleren Augenpunkt aus,  die ähnlich der „Kavalierperspektive“ den Eindruck erweckt, der Zeichner befinde sich auf einer Anhöhe. Diese „abgehobene“ Sicht bietet die Möglichkeit, Gebäudezusammenhänge und topographische Situationen anschaulich in ihrer räumlichen Ausdehnung darzustellen und sie im topographischen Kontext zu präsentieren, - erforderte aber gleichzeitig vom Zeichner eine besondere Vorstellungskraft und Abstraktionsvermögen (2° Ms. Hass. 107 [12]). Damit heben sich diese Darstellungen deutlich von der klassischen Architektenzeichnung wie auch von den damals zunehmend an Bedeutung gewinnenden Topographien und Kartenwerken ab.

Vergleichbare Ansichten mit sehr hoch gelegener oder gänzlich fehlender Horizontlinie sind eher selten zu finden, u.a. auch bei dem bereits erwähnten Kartographen Arnold Mercator, der bei den Zeichnungen aus dem Lagerbuch der Liegenschaften des Duisburger Gasthauses  von 1571[18] eine ähnliche Perspektive wählt, was darauf schließen lässt, dass solche Vogelschaudarstellungen zur Wiedergabe begrenzter räumlicher Situationen im Einzelfall bei besonderen Fragestellungen benutzt wurden. Wie es für die kartographischen Pläne der Zeit gebräuchlich ist, verknüpft auch Landgraf Moritz häufig in seinen Darstellungen Bild und Text, indem er ausführliche Beschriftungen und Maßangaben beifügt, die ein Höchstmaß an Information vermitteln.

Besonders eigen erscheint allerdings die von Landgraf Moritz in mehreren Fällen gewählte Kombination mit Horizontalschnitten oder Grundrissen, die im Einzelfall zusätzliche informative Einblicke in die innere Struktur der Gebäude gewähren (2° Ms. Hass. 107 [190] verso). Horizontalschnitte zur Darstellung von Architektur wurden zur damaligen Zeit auch von professionellen Zeichnern noch außerordentlich selten verwendet. Als eines der wenigen Beispiele kann man hier die Darstellungen aus Jaques Perrets Buch „De Fortifications et artifices. Architecture et Perspective“ (erschienen 1602 auf deutsch) nennen, das neben isometrischen Schrägaufsichten und Grundrissen auch präzise Horizontalschnitte präsentiert. Möglicherweise ist diese spezielle Darstellungsweise in den Zeichnungen des hessischen Fürsten aber auch beeinflusst durch den Umgang mit hölzernen - häufig auch aufklappbaren – Architekturmodellen,[19] die damals weitaus gebräuchlicher waren, als der heutige Bestand vermuten lässt. Modelle und Modellsammlungen der Renaissance in Deutschland sind nur selten erhalten, lassen sich aber in vielen Fällen archivalisch nachweisen. Die Baumeister der Renaissance, die häufig gleichzeitig Schreiner waren, hatten neben „Abrissen“ oft auch Modelle der geplanten Architektur zur Begutachtung zu liefern. Die leider nicht mehr erhaltene Modellsammlung der Kasseler Landgrafen war nachweislich so umfangreich, dass zu Beginn des 18. Jahrhunderts sogar ein eigenes Modellhaus zur Aufbewahrung der dreidimensionalen Objekte errichtet wurde.[20]

d. Funktion

Die Zeichnungen des Landgrafen Moritz besitzen einen ganz besonderen Charakter, da sie vielfältige Funktionen zu erfüllen hatten.

Die Zeichnungen dienten primär als ganz besondere Art von Notizen, in denen Architektur erfasst und vermessen wurde, gleich ob es sich nun um eigene Besitzungen oder auf Reisen besuchte Bauten handelte. Dabei bewegte den Fürst ein ausgeprägtes intellektuelles Interesse, ein Streben nach Erkenntnisgewinn, das auch bei seinen Aktivitäten auf anderen Interessensgebieten (Musik, Theater, Alchemie) spürbar ist - Zudem schuf er sich so von eigener Hand tatsächlich eine „Biblioteca architectonica“, auf die er nach Bedarf zurückgreifen konnte.

Anhand dieser Blätter war es ihm aber auch möglich, seine Ideen - Bauanweisungen ebenso wie Visionen -  auf besonders anschauliche Weise zu kommunizieren, nicht nur mit dem Baupersonal, sondern auch mit seinen Briefpartnern, befreundeten Fürsten oder Verwandten.[21]

Nach der Abdankung schließlich konnte der Fürst in seinen Zeichnungen idealen Visionen von Schlossbauten Raum geben, - oft auf konkreten Anlässen fußende Phantasien („paper villas“)[22], die seinem frühabsolutistischen fürstlichen Selbstverständnis entsprachen, aber realiter keine Aussicht auf Verwirklichung hatten (z.B. die Entwürf für Fahre und Moritzwerder).

Landgraf Moritz war als Zeichner ohne Zweifel ein autodidaktischer Dilettant, ein  „amateur“, der mit großer Sachkenntnis und intensiver Wissbegierde, die auch vor Details nicht halt machte, vorging. Er begriff sich nicht als dokumentierender Chronist, sondern visualisierte in seinen Darstellungen sein ganz persönliches Interesse an den architektonischen Objekten. In dieser Art spiegeln die Zeichnungen seine von wissenschaftlichem Erkenntnisdrang geprägte Persönlichkeit, „generally knowing in all things & excellent in many“, wie Edward Monings 1596 in England berichtete.[23]

In ihrer spezifischen Eigenart und der ihnen innewohnenden Ambivalenz von Funktion und Ästhetik sind sie einzigartige Dokumente aus einer Zeit, in der bildliche Darstellungen der Umwelt noch sehr rar und kostbar waren und das Zeichnen als eine nur wenigen Personen zugängliche Kulturtechnik zur Verbildlichung von Sachverhalten einen besonderen Wert besaß.


[10] vgl. Schweikhart 1985, S. 18

[11] vgl. Kümmel 1996, S. 15

[12] Baldassare Castiglione: Das Buch vom Hofmann, übersetzt und erläutert von Fritz Baumgart, München 1986, S. 89

[13] in: HStAM Best. 4a 40/13

[14] 4° Ms. Hass. 66 [1, vgl. Rommel 1839

[15] vgl. Châtelet-Lange 2000

[16] vgl. z.B. die Zeichnungen des Pfalzgrafen Johann Casimir, siehe Châtelet-Lange a.a.O.

[17] vgl. Rohrmüller 2002

[18] Katalog Bonn 2011, Kat.Nr. 271

[19] vgl. Hoppe 2006

[20] vgl. Bergmeyer 1999, S. 263-273

[21] siehe den im Bestand der Korrespondenz mit seiner Schwester Christine, Herzogin von Sachsen Eisenach, HStAM Best. 4a 40/15, befindlichen Brief aus dem Jahr 1630, in dem er einen „Abriss“ eines Entwurfs für das Schloss in Eisenach avisiert, dessen Erhalt die Schwester höflich quittiert.

[22] Begriff geprägt von Hoppe 2006

[23] zitiert nach Hanschke 1997 S. 271