Integrative Biophilosophie - Epistemologie der Biowissenschaften

Aktuelles

Workshop "Representing scientific results: Forms of knowledge" 18.-19. November 2016

Call for Papers: Representing scientific results: Forms of knowledge


Perspektiven der Praxis: Wissen, Handlung und die Dynamik von Forschungsprogrammen in den Lebenswissenschaften

Meunier, Robert (Leitung und Durchführung)

Kranke, Nina (Mitarbeiterin Teilprojekt)

Gegenstand des Forschungsprojekts ist die Dynamik von Forschungsfeldern. Während Disziplinen stark institutionalisierte Strukturen darstellen, in denen Forschung und Lehre organisiert ist, sind Forschungsfelder hingegen häufig verhältnismäßig kleine und kurzlebige Einheiten kollektiver Forschungsaktivität. Sie machen jene produktiven Konstellationen aus, in denen neues Wissen generiert wird. Unter der Dynamik von Forschungsfeldern werden Prozesse der Diversifizierung und Spezialisierung, der Kontroverse und Konkurrenz, des Methoden- und Begriffstransfers, sowie der Integration und Vereinheitlichung verstanden. Diese Vorgänge sind wesentlich mit der Entstehung von Wissen verbunden: Die Erforschung neuer Phänomene mit bekannten Mitteln, die Anwendung neuer Methoden auf gut erforschte Gegenstandsbereiche, die Integration von Methoden - dies sind die Vorgänge die neues Wissen erzeugen und zugleich die Dynamik der Forschungsfelder in Gang setzen.

Das Projekt geht von der Hypothese aus, dass sich solche Prozesse analysieren lassen, indem sie als spezifische Kombinationen von Formen des Wissens aufgefasst werden. Unter Formen des Wissens werden hier die Arten und Weisen verstanden Gegenstände des Wissens darzustellen, das heißt die Arten von Aussagen, die man über Dinge machen kann und die Rollen, die man den Dingen damit zuweist, im Sinne von Relationen zu anderen Dingen. Beispiele für Wissensformen sind Wissen über Teil-Ganzes-Beziehungen, Ordnungswissen, Kausalwissen, aber auch genealogisches Wissen oder Wissen über Netzwerkeigenschaften. Solche idealtypischen Wissensformen können Unterformen enthalten, etwa im Falle von Ordnungswissen klassifikatorische, typologische und metrische Ordnungen betreffend. Sie können intrinsisch oder kontingent miteinander verbunden sein, etwa wenn Kausalwissen immer ein Teil-Ganzes-Wissen voraussetzt oder wenn Kausalwissen in einer spezifischen Situation zum Zweck einer Klassifikation eingesetzt wird. Forschungsfelder zeichnen sich durch spezifische Konstellationen von Formen des Wissens aus, sowie durch ihre Anwendung auf bestimmte Gegenstandsbereiche. Es darf dabei jedoch nicht vergessen werden, dass die Gegenstandsbereiche immer das Ergebnis vorangegangener Wissenserzeugungsprozesse ist.

Der methodische Kern des Projekts liegt in der Zurückführung von Formen des Wissens auf Formen der Praxis. Praxis meint hier sowohl Handlungen als auch die materiellen und sozialen Forschungsumgebungen, die durch die Handlungen hervorgebracht werden. Klassifikatorisches Wissen scheint beispielsweise Handlungen des Sammelns und Vergleichens vorauszusetzen und womöglich, je nach Maßstab des Gegenstandbereichs, eine soziale Struktur von Sammlern und eine materielle Infrastruktur, z.B in Form einer Museumssammlung. Einen Gegenstand als Element einer Klasse oder als Kausalursache zu begreifen heißt nicht nur über ihn zu wissen, dass er diese Rolle einnimmt, sondern erfordert, ihn durch entsprechende Handlungen, etwa kontrollierte Interventionen, diese Rolle einnehmen zu lassen. Interessanterweise scheint es Situationen zu geben, in denen Gegenstände nur indirekt, in einem Modellsystem, in einer bestimmten Rolle erscheinen können, so etwa im Fall des Netzwerkwissens über Gegenstände. Forschungsfelder können demnach als Konstellation von Formen der Praxis aufgefasst werden, die Wissen bestimmter Form über die Gegenstände eines bestimmten Bereichs, auf den sie angewandt werden, erzeugen. Die Dynamik der Forschungsfelder lässt sich aus den unterschiedlichen Konstellationen der Formen der Praxis, welche sie ausmachen, erklären.

Der Schwerpunkt des Projekts liegt auf der Erforschung der Dynamik von Forschungsfeldern in den Lebenswissenschaften, und jener Felder aus anderen Wissenschaften, die mit lebenswissenschaftlicher Forschung in Beziehung stehen. Es werden Fallstudien aus der Biologie um 1900 und der aktuellen biomedizinischen Forschung bearbeitet.

Teilprojekt: Phylogenetische Bäume als epistemische und politische Instrumente (Nina Kranke)

In einem Teilprojekt werden phylogenetische Bäume in ihrer Funktion als epistemische und politische Werkzeuge untersucht. Phylogenetische Bäume sind verästelte Diagramme, die zur Darstellung von Verwandtschaftsbeziehungen von Taxa genutzt werden. Diese werden nicht nur als Grundlage zur Erstellung biologischer Klassifikationssysteme verwendet, sondern tragen auch in anderen Bereichen der Biologie, beispielsweise in der Evolutionsbiologie, zur Generierung von neuem Wissen bei. In diesen Fällen bilden phylogenetische Bäume häufig die Basis für weitere Untersuchungen und können wichtige Elemente komplexer Modellsysteme sein. Die politische Relevanz phylogenetischer Bäume wird vor allem im Biodiversitätsschutz und in der Naturschutzbiologie deutlich, wenn die Stellung einer Art innerhalb der Baumstruktur über deren Schutzstatus entscheidet oder mithilfe von Bäumen berechnet wird, wie ein möglichst großer Teil phylogenetischer Diversität erhalten werden kann. In dem Teilprojekt soll demonstriert werden, dass phylogenetische Bäume sowohl die politische als auch die epistemische Dimension einer bestimmten Form biologischer Praxis, die als 'tree thinking' bezeichnet wird, repräsentieren. Diese Form der Praxis generiert vor allem genealogisches Wissen und findet sich auch in Forschungsfeldern außerhalb der Biologie.


Vorträge

  • 05.10.2015: Working with Model Systems, Nina Kranke, Robert Meunier. Gehalten im Rahmen der Seminar Series at Egenis, the Centre for the Study of Life Sciences, Exeter, UK.
  • 11.09.2015: From Organ to Tumour Development, from Animal to Patient: Modelling Human Cancer in Zebrafish, Robert Meunier. Gehalten im Rahmen des Workshop „Knowledge Transfer and Its Contexts“, Center for Advanced Studies at LMU Munich.
  • 06.07.2015: Forms of explanation in genetics and embryology around 1900, Robert Meunier. Gehalten im Rahmen des Meeting of the International Society for Philosophy, History and Social Studies of Biology, Montréal, Kanada.
  • 24.06.2015: Toward Semiotic Modelling of Experimental Practices, Robert Meunier. Gehalten im Rahmen der Fifth Biennial Conference of the Society for Philosophy of Science in Practice (SPSP), Aarhus, Dänemark.
  • 30.04.2015: Mechanistic models in biomedical research, Robert Meunier. Gehalten im Rahmen der 2nd International Biophilosophical School: „Living Nature in Question“, Padua, Italien.


Aufsätze

  • (2016) Meunier, Robert: The Many Lives of Experiments: Wilhelm Johannsen, Selection, Hybridization, and the Complex Relations of Genes and Characters, in: History and Philosophy of the Life Sciences (im Erscheinen).
  • (2014) Meunier, Robert, mit Marie I. Kaiser und Maria Kronfeldner: Interdisciplinarity in Philosophy of Science, in: Journal for General Philosophy of Science 45, (1), 2014, 59–70. doi:10.1007/s10838-014-9269-1.
  • (2012) Meunier, Robert: Stages in the Development of a Model Organism as a Platform for Mechanistic Models in Developmental Biology: Zebrafish, 1970–2000, in: Studies in History and Philosophy of Science Part C: Studies in History and Philosophy of Biological and Biomedical Sciences 43, (2), 2012, 522–31. doi:10.1016/j.shpsc.2011.11.013.


Tagungen


Mitgliedschaften

Robert Meunier ist Mitglied der Gesellschaft für Wissenschaftsphilosophie (GWP) e.V.