Integrative Biophilosophie - Epistemologie der Biowissenschaften

Formen der Praxis, Formen des Wissens – Methode, Notation und die Dynamik der Perspektiven in den Lebenswissenschaften

Leitung und Durchführung: Robert Meunier

Mitarbeiter*in Teilprojekt: tba

Das Projekt wird gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) http://gepris.dfg.de/gepris/projekt/362545428

Wissenschaftliche Praxis hat sich als zentrales Thema der Wissenschaftsforschung etabliert. Ziel des Projektes ist es, ein neues Modell wissenschaftlicher Forschungsprozesse zu entwickeln, das kognitive, semiotische und soziale Aspekte wissenschaftlicher Praxis verbindet. Dieses Modell dient dann dazu, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Forschungsprogrammen in den Lebenswissenschaften herauszuarbeiten. Auf diese Weise lässt sich die Pluralität der Perspektiven auf biologische Phänomene beschreiben. Zudem ermöglicht das Modell die dynamischen Verhältnisse zwischen Forschungsprogrammen – etwa Diversifizierung, Kontroversen, Kollaboration oder Integration – zu erklären.

Das Modell soll die Rolle von Projektwissen in der wissenschaftlichen Praxis erläutern, also von Wissen darüber, wie ein Forschungsprojekt geplant und durchgeführt werden kann, also darüber, wie empirisches Wissen zu erlangen ist. Es gibt vier Arten von Projektwissen: Wissen über die möglichen Ziel eines Forschungsprojektes, also über Formen, die Wissen annehmen kann (Zielschemata); 2) Wissen darüber, wie man Wissen einer bestimmten Form erzeugt (methodologische Schemata); 3) Wissen darüber, wie man die erforderliche Arbeit durch materielle Infrastrukturen, soziale Regeln und Institutionen organisiert (Organisationsschemata); 4) Wissen über Notationsformate, die zur Verfügung stehen, um Wissen bestimmter Form zu repräsentieren (Notationsschemata). Die Wissensschemata 2) -4) können als Implementierungswissen angesprochen werden. Das Modell zeigt, wie epistemisches Wissen drei Arten von Aktivitäten anleitet, die in der Wissenserzeugung eine Rolle spielen (epistemische Praxis): 1) Forschungsaktivitäten (Beobachtung, Experiment); 2) Aktivitäten der Etablierung von Infrastrukturen und Institutionen; 3) Aktivitäten der Erstellung von Repräsentationen. Diese Aktivitäten bringen Konstellationen von Menschen, Organismen Forschungsmaterialien und verschiedener Artefakte hervor, in denen und durch die wissenschaftliche Tatsachen hervorgehoben und repräsentiert sind. Im Rahmen des Modells soll eine integrative Theorie der Rolle von Handlungen und Repräsentationen in der Genese von Wissen, d.h. wissenschaftlicher Fakten und der Begriffe, die sie beschreiben, entwickelt werden.

Dieser Ansatz unterscheidet sich von anderen, welche die Diversität wissenschaftlicher Praxis betonen und sich auf bestimmte Teilaspekte konzentrieren. Das Projekt leistet einen Beitrag zur Weiterentwicklung des Feldes, indem es die durch eine solche Fokussierung hervorgerufene Spezialisierung in der Philosophie der wissenschaftlichen Praxis durch eine integrative Sichtweise komplementiert. Es geht nicht darum, den Gedanken einer Einheitswissenschaft wiederzubeleben, sondern, im Gegenteil, darum gemeinsame Dimensionen von Forschungsprogrammen zu identifizieren (im Sinne von Projektwissen und epistemischer Praxis), entlang derer sie sich unterscheiden. Dies macht sie vergleichbar und erlaubt es die dynamischen Verhältnisse zwischen ihnen zu analysieren.

Ein Strang des Projekts widmet sich der Entwicklung des Modells. Ein zweiter Forschungsstrang besteht aus Fallstudien aus der Entwicklungsbiologie, der Evolutionsbiologie und Ökologie im langen 20. Jahrhundert. Während die Fallstudien die empirische Grundlage für die Entwicklung des Modells bilden, richten sie sich auch auf besonders relevante Entwicklungen in den Lebenswissenschaften, deren Untersuchung von dem Modell profitiert.


Projektrelevante Publikationen

  •  Gross, F., Kranke, N., & Meunier, R. (forthc.) Pluralization through Epistemic Competition: Scientific Change in Times of Data-Intensive Biology. History and Philosophy of the Life Sciences.
  • Meunier, R. (in press). Project knowledge and its resituation in the design of research projects: Seymour Benzer’s behavioral genetics, 1965-1974. Studies in History and Philosophy of Science. https://doi.org/10.1016/j.shpsa.2018.04.001

Für eine vollständige und aktualisierte Liste der Publikationen, siehe:
http://uni-kassel.academia.edu/RobertMeunier


Tagungen im Rahmen des Projekts

Representing scientific results: Forms of knowledge, 18.-19. November, 2016, Universität Kassel (Organisation: Nina Kranke & Robert Meunier), see: http://www.academia.edu/30857953/Representing_scientific_results_Forms_of_knowledge