Nachruf
Zum Tod unseres Kollegen, Chefs und Freundes Prof. Dr. Cord Benecke
22.03.1965 - 30.12.2025
Der Tod von Cord Benecke erfüllt uns mit tiefer Traurigkeit. Wir möchten in diesem Nachruf an sein Wirken als Inhaber des Lehrstuhls für Klinische Psychologie I an der Universität Kassel erinnern und den Menschen würdigen, der uns mit seiner Geschichte und Persönlichkeit in besonderer Weise bereichert und geprägt hat.
Cord Benecke wuchs als mittleres Kind mit zwei Brüdern und zwei Schwestern auf dem elterlichen Bauernhof in der Lüneburger Heide auf. In seinem Heimatdorf hätte wohl kaum jemand geahnt, dass aus ihm eines Tages ein bekannter Forscher werden würde. Nach einer Phase der Orientierung, die ihn unter anderem für ein Jahr nach Afrika führte, fasste er den Entschluss, Psychologie zu studieren. Das Losverfahren brachte ihn 1987 nach Saarbrücken – eine Fügung, die sich für die Psychoanalyse als Glücksfall erweisen sollte. Dort arbeitete er bereits während seines Studiums als Hiwi bei Prof. Rainer Krause. Seine Diplomarbeit schrieb er in Rekordzeit, um 1994 eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter in Saarbrücken anzutreten. Pläne für einen alternativen beruflichen Weg, nämlich ein Tai-Chi-Studio mit seinem besten Freund zu eröffnen, verwarf er. Parallel zur Promotion absolvierte er am Saarländischen Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie (SIPP) seine psychoanalytische Ausbildung und fuhr über Jahre hinweg zwei Stunden pro Strecke mit dem Zug zu seiner Lehranalyse.
In seinen frühen Forschungsarbeiten folgte er der Tradition der Affektforschung von Rainer Krause und erhielt 2001 für seine Dissertation „Mimischer Affektausdruck und Sprachinhalt im psychotherapeutischen Prozeß“ seinen Doktortitel. 2002 schloss er seine Therapieausbildung ab und wurde Mitglied der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft (DPG), deren Forschungskommission er später über viele Jahre leitete. Besonders die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses durch jährliche Summer Schools, bei denen er mit großer Freude als Mentor für jüngere Kolleg:innen fungierte, lag ihm am Herzen.
Über eine kurze Station als Postdoc in Bremen kam er 2003 nach Innsbruck, wo er seine Familie gründete und bis zu seinem Tod lebte. Er habilitierte 2004 und arbeitete anschließend weiter auf einer befristeten Professur und später als Universitätsdozent und stellvertretender Leiter des Instituts für Psychologie an der Universität Innsbruck. In Innsbruck führte er sein erstes großes Projekt mit der Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik (OPD) durch. Außerdem verschob er seinen Forschungsschwerpunkt zunehmend auf die Psychotherapiewirksamkeitsforschung: Er konnte die DPG von der Förderung einer großen Praxisstudie überzeugen, deren Ergebnispublikation er zu seiner großen Freude im Dezember 2025 noch miterleben konnte.
Der Ruf an die Universität Kassel im Jahr 2010 war für ihn die Chance, diese Praxisstudie institutionell in Deutschland zu verankern und sich mit aller Kraft in Lehre, Forschung und Berufspolitik für die Psychoanalyse zu engagieren. Der Preis dafür war ein kräftezehrendes Pendeln zwischen Tirol und „Hessisch-Sibirien“. In Kassel initiierte er sodann eine weitere große Psychotherapiestudie – die von der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT) geförderte APS-Studie, die Verhaltenstherapie und analytische Psychotherapie bei Panikstörung plus Persönlichkeitsstörung unter randomisiert-kontrollierten Bedingungen vergleicht. In der DGPT engagierte er sich darüber hinaus auch als Mitglied der Forschungskonferenz und mit Vorträgen auf den Jahrestagungen. Beide Studien sind Unikate in der Forschungslandschaft, vor allem, weil sie Langzeit-Behandlungen in praxisnahen Settings untersuchen.
An der Universität Kassel entwickelte er gemeinsam mit Prof. Heidi Möller den Masterstudiengang „Klinische Psychologie und Psychotherapie“, der durch seine Praxisorientierung viele Elemente des heutigen Psychotherapie-Studiengangs vorwegnahm. Zudem baute er die Psychotherapeutische Hochschulambulanz auf. Besonders wichtig war ihm stets die Verfahrensvielfalt: In Abteilung, Ambulanz und Lehre gab es sowohl psychodynamisch als auch verhaltenstherapeutisch orientierte Mitarbeiter:innen. Auch in seinem 2014 erschienen Lehrbuch ist die Verfahrensvielfalt repräsentiert, und es gab für ihn in dieser Zeit kein größeres Kompliment, als wenn ihn ein:e Verhaltenstherapeut:in für die Verhaltenstherapie-Kapitel lobte. Er etablierte in der Ambulanz für neu vorstellige Patient:innen eine bis heute überzeugende Diagnostikstruktur mit Erstgespräch, SKID- und OPD-Interview und einer Ambulanzsitzung, in der die Indikation für jede Person individuell diskutiert wird. Bei der OPD-Diagnostik engagierte er sich selbstverständlich selbst und er führte auch eigene Behandlungen durch. Er hatte klinisch eine schnelle Auffassungsgabe, konnte tieferliegende Zusammenhänge herstellen und diese auch taktvoll formulieren. Patient:innen verließen nach OPD-Interviews mit ihm oft mit verblüffenden Einsichten die Ambulanz.
Sein weiteres Wirken war vielfältig: Er war von 2009 bis 2020 Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Lindauer Psychotherapiewochen und ab 2020 in der wissenschaftlichen Leitung. In der OPD wurde er 2017 nach seinem Mentor und Freund Prof. Manfred Cierpka Sprecher des Arbeitskreises und prägte die OPD-3 maßgeblich. Auch hier setzte er sich für Nachwuchsförderung ein, beispielsweise unterstützte er die Gründung des Early Career Forums und die Implementierung eines Forschungsfonds innerhalb der OPD. Zudem engagierte er sich mit viel Herzblut und unermüdlichem Kampfgeist in der Berufspolitik und gestaltete die Novellierung des Psychotherapeutengesetzes mit – was als einziger Psychoanalytiker an einem staatlichen Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie sicher keine leichte Aufgabe war. Den neuen Psychotherapie-Studiengang etablierte er in Kassel in beeindruckender Schnelligkeit und Präzision. Das Fachgebiet der Klinischen Psychologie und die Hochschulambulanz leitete er dann gemeinsam mit seinem verhaltenstherapeutischen Kollegen Prof. Christoph Flückiger.
Er hatte bis zuletzt verschiedenste innovative Projekt-Ideen, die er auch umzusetzen wusste, beispielsweise das QVA-Projekt (Qualitätsmerkmale und Versorgungsrelevanz psychotherapeutischer Ausbildungsambulanzen) und die Gründung des QSP-Instituts (Institut für Qualitätssicherung in der Psychotherapie). Er hat damit Strukturen aufgebaut, die zuvor schwer vorstellbar waren – und durch die nun wertvolle Datensätze gesammelt werden, die der Qualitätssicherung unserer Profession dienen.
Trotz der Vielzahl seiner Verpflichtungen blieben sein Team, die Hochschulambulanz, Hiwis und Praktikant:innen der Abteilung sowie die Studierenden in Kassel das Zentrum seiner Arbeit. Er war als Professor beliebt und bewundert und inspirierte viele Studierende für psychoanalytische Therapie und Forschung. Die Zeit vor Ort war stets intensiv, mit Forschungsbesprechungen, Ambulanzsitzungen, langen Kaffeepausen, Abendessen und legendären Sommer- bzw. Weihnachtsfesten. Dabei wurde nicht nur fachlich diskutiert, sondern auch viel Persönliches ausgetauscht und gelacht.
Cord Benecke war ein Chef, der große Freiräume gewährte. Er pflegte flache Hierarchien mit einer Duz-Kultur auch im erweiterten Team und eine Kultur des Vertrauens, die es ermöglichte, eigene Wege zu gehen. Er stellte sich schützend vor sein Team, zeigte Toleranz bei Fehlern, konnte aber auch richtungsweisend eingreifen, wenn es nötig war. Auch komplizierte Konstellationen, etwa parallele Therapieausbildung und Promotion, unterstützte er mit viel Verständnis und Zuspruch. Bemerkenswert war sein Gerechtigkeitssinn und seine Großzügigkeit, beispielsweise in Bezug auf Lehrmaterialien, Datensätze, Ermöglichung von Reisen oder bei der Frage der Autorenreihenfolge von Publikationen.
Auch während seiner schweren Erkrankung blieb er kämpferisch und beeindruckte uns mit einer kaum zu erschütternden Hoffnung. Besonders rührend war zu sehen, wie sehr ihn sein eigenes Wirken zu überraschen schien. Dabei hat er in Kassel und darüber hinaus sehr viele Menschen geprägt. Viele seiner ehemaligen (Post-)Doktorand:innen besetzen heute Professuren, leisten psychodynamische Lehre oder sind zu kompetenten, forschungsinteressierten Praktiker:innen geworden. Er hat Spuren hinterlassen, die bleiben.
Cord Benecke wird in Kassel unendlich fehlen. Unsere Gedanken sind in dieser schweren Zeit bei seiner Frau und seinen beiden Kindern, auf die er unglaublich stolz war und die nun ohne ihren Vater erwachsen werden müssen.
Im Namen der aktuellen und ehemaligen Mitarbeiter:innen der Abteilung Klinische Psychologie I sowie des gesamten Instituts für Psychologie der Universität Kassel
Miriam Henkel & Johannes Zimmermann