"Measuring the Mind" - Prof. Dr. A. Glawion (FAU Erlangen-Nürnberg): Gender, Sprechakte und Macht: Digitale Analysen editorieller Eingriffe in den Kinder- und Hausmärchen
Im Rahmen des Forschungskolloquiums “Measuring the Mind” hält Frau Prof. Dr. Anastasia Glawion von der FAU Erlangen-Nürnberg einen Gastvortrag, zu dem wir Sie herzlich einladen möchten:
Zwischen der ersten Ausgabe von 1812 und der letzten großen Edition von 1857 verändern sich nicht nur Stil und Zielpublikum der Kinder- und Hausmärchen, sondern auch normative Vorstellungen von Geschlecht, Moral und sozialer Ordnung. Aufbauend auf Ruth Bottigheimers These der zunehmenden Disziplinierung weiblicher Figuren untersucht dieser Vortrag, wie sich solche Verschiebungen auf der Ebene der Sprechakte manifestieren.
Im Zentrum steht eine Pilotstudie zu Rapunzel und Allerleirauh, in der direkte und indirekte Rede, Sprechaktverben sowie zugeschriebene Machtpositionen systematisch annotiert wurden. Die Analyse zeigt, dass editorielle Eingriffe nicht primär den Redeanteil, sondern vor allem die Einbettung und Bewertung von Rede verändern. Bestimmte Sprechaktverben werden zunehmend geschlechtsspezifisch verwendet und mit asymmetrischen Machtpositionen verknüpft.
Methodisch kombiniert der Beitrag manuelle Annotation mit digitalen Werkzeugen wie CATMA, LERA und automatisierter Sprecher:innenzuweisung. Dadurch wird sichtbar, wie digitale Verfahren dazu beitragen können, literaturhistorische Annahmen über Gender und Macht empirisch zu prüfen und zugleich kritisch zu hinterfragen. Der Vortrag schließt mit einem Ausblick auf skalierbare Annotationen und die Entwicklung präziserer Kategorien für Machtpositionen in narrativen Texten.